Von Marc Hairapetian
14.05.2013

Vereinte Nationen im Weltall

Im Kino: »Star Trek Into Darkness« von J. J. Abrams

Hätte sich »Star Trek«-Schöpfer Gene Roddenberry (1921-1991) träumen lassen, dass sein Raumschiff Enterprise auch fast 40 Jahre nach seiner ersten (Trickfilm-)Fahrt durch die unbekannten Regionen unseres Universums noch weltweit ein Millionenpublikum begeistert? Vielleicht ja. Der in Texas geborene ehemalige B-17-Bomberpilot der Army Air Force, der als Drehbuchautor von Serien wie »Polizeibericht«, »Dr. Kildare« und »The Lieutenant« seinen künstlerischen Durchbruch schaffte, glaubte an Humanismus und Internationalismus.

In seinem Meisterstück »Raumschiff Enterprise« (im Original »Star Trek«, 1966-1969) entwarf er in Zeiten des Kalten Krieges eine weitgehend positive Zukunft, in der Menschen aller Rassen und Aliens aller Schattierungen in friedlicher Koexistenz leben und weiße Männer schwarze Frauen küssen. Sechs Jahre nach seinem Tod war er einer der ersten der mittels einer (realen) Pegasus-XL-Rakete Teile seiner Asche im Weltraum bestatten lies. 2014 sollen weitere Teile seiner Asche mit denen seiner 2008 verstorbenen Frau Majel Barrett in das All befördert werden. Eingefleischte »Trekkies« vermissen seine visionären Geschichten, in denen seine wohl berühmtesten Figuren - der allzu menschliche Captain Kirk (gespielt von William Shatner) und der rationale Vulkanier Mr. Spock (kongenial verkörpert von Leonard Nimoy) - intergalaktische Probleme mit Emotion versus Logik lösen.

Auch wenn das Relaunch von Regisseur J. J. Abrams nicht ganz den Charme der Zukunftswelten aus den Swinging Sixties entfaltet, konnte sich sein »Star Trek«-Debüt von 2008 mehr als sehen lassen. Die Findung der deutlich verjüngten Crew-Mitglieder war dramatisch, amüsant und sexy zugleich. Wie Roddenberry setzte er - bei allen Zugeständnissen an die digitalen Spielereien, die das heutige Kino bietet - eher auf die Reflexion von gesellschaftlichen Zuständen, statt fiktive Technologien zu fokussieren. Sein zweiter Streich »Star Trek Into Darkness«, der insgesamt zwölfte Enterprise-Film für die große Leinwand, hätte Roddenberry sicher mit Stolz erfüllt. Die im Zeitraum von 1986-2387 n. Chr. spielende Science-Fiction-Reihe kommt, wenn man alle Ableger wie »Raumschiff Enterprise«, »Die Enterprise«, »Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert«, »Star Trek: Deep Space Nine«, »Star Trek: Raumschiff Voyager«, »Enterprise« und »Star Trek: Enterprise« zusammenzählt, auf 728 Episoden.

Der in 2D gedrehte und (unnötigerweise) in 3D nachbearbeitete Film spielt in einer alternativen Zeitlinie des Star-Trek-Universums und stellt den von Chris Pine interpretierten James »Jim« Tiberius Kirk und seine Mannschaft, in der fast die Hälfte Frauen sind, gleich zu Beginn vor drastische Probleme: Auf dem Planeten Nibiru, laut antiker Mythologie eine »Quelles des Unheils«, versucht das Enterprise-Team die dort wenig entwickelte Zivilisation vor einem Vulkanausbruch zu schützen. Dabei wird Spock (Zachary Quinto) fast getötet. Kirk kann ihn zwar retten, doch er verletzt damit die oberste Direktive der Föderation, die keine Einflussnahme in die Entwicklung fremder Kulturen duldet. So wird ihm das Kommando über die Enterprise entzogen.

Erst nach einem Anschlag auf ein als Archiv getarntes Waffenlabor der Sternenflotte kann er sich rehabilitieren. Doch mit dem Terroristen John Harrison (Benedict Cumberbatch) trifft er auf einen mit allen Wassern gewaschenen Gegenspieler, der sich obendrein noch als vor 300 Jahren in Tiefschlaf versetzter, gentechnisch veränderter Soldat Khan entpuppt. Flottenadmiral Marcus (Peter Weller) ließ ihn auftauen, um ihn für seine Zwecke zu benutzen. Ein Verwirrspiel beginnt, in dem Kirk weder Feind noch Freund trauen kann.

Heroismus und Humor, Monumentalität und Menschlichkeit gehen in »Star Trek Into Darkness« eine Allianz ein, wobei die Grundstimmung - wie der Titel schon verrät - düster ist. Doch in dem figuren-zentrierten Drama, das zwischen Kammerspiel und Spektakel geschickt die Balance hält, wollen Kirk und Co. auf Dauer nicht in Depressionen verfallen - und letztendlich gewinnt der Optimismus wieder die Oberhand.

Darstellerisch ist der Film stark, was vor allem am differenzierten Spiel von Benedict Cumberbatch liegt. Aber auch Bruce Greenwood als loyaler Vorgesetzter Admiral Pike überzeugt. Und die mit süßem Sexappeal betörende Zoë Saldaña als Lieutenant Nyoto Uhura kann es mit ihrer kultverdächtigen Vorgängerin Nichelle Nichols aufnehmen.

Der rhythmisch vorwärtstreibende Soundtrack von Michael Giacchino punktet mit einem eigenen, leicht fatalistisch anmutendem »Star Trek Main Theme«, das der furiosen alten Melodie von Alexander Courage seine Referenz erweist. Nicht alles neu macht der Mai, doch im Fall von »Star Trek Into Darkness« ist einer der besten »Trekkie«-Kinofilme seit Robert Wises legendärem Opener »Star Trek: Der Film« (1979) herausgekommen.

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