Ulrike Gramann
08.06.2013

Wir schicken niemanden zurück

Braunschweiger neue Willkommenskultur

Lisa Simpson mit der sternförmigen Frisur und den aufgerissenen Augen schaut über eine ganze Schaufensterriege braver Handpuppen hinweg. Das Mädchen aus der Zeichentrickwelt wirkt ausgesetzt hier am Steinweg, in der Braunschweiger Innenstadt, die im letzten Krieg zu neunzig Prozent zerstört wurde und, Stadtvätern und Investoren zum Trotz, ihr neues Gesicht nicht recht gefunden hat. Während aus dem Durchgang neben dem Puppengeschäft eine Gruppe Halbwüchsiger quillt, lese ich auf einem simpsongelben Schild: »Refugium, Flüchtlingshilfe e.V. Braunschweig«. Jemand ruft von oben: »Die Tür ist offen!«

Ein schmaler Flur, auf einem Aushang wirbt die Stadt Braunschweig um Azubis. Broschüren in fünf Sprachen klären über HIV auf. Hinter einer halboffenen Tür warten Tisch und Stühle, Schultafel und Weltkarte, ältliche PCs und ein Ficus, der an Blattarmut leidet. Eine weitere Tür öffnet sich, ein Besucher wird verabschiedet, und jetzt bin ich die Nächste, die mit Oliver Scheichl und seinem Kollegen Ketema Wolde Georgis sprechen darf. Ihre Anwesenheit belebt den Raum sofort. »Wir duzen uns hier«, sagt Oliver, der Sozialpädagoge. Die Wasserflaschen auf dem Tisch stehen von gestern da, als sie »Besuch von der SPD« hatten, »Befürworter« nennt Oliver sie. Wer Fördermittel braucht, braucht Befürwortung. Der ehemalige niedersächsische CDU-Innenminister Uwe Schünemann hat Refugium 2006 für das Schulprojekt »Ausländische Kulturen zum Anfassen« einen Preis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz übergeben. War er ein Befürworter? Die Männer lachen. Und zwar sehr kurz. Es gehörte zu seinem Amt.

Von vorn: Die Braunschweiger Flüchtlingshilfe entstand 1983, als sich am Altewiekring noch die »Zast«, die Zentrale Anlaufstelle, befand. Alle Asylsuchenden in Niedersachsen gelangten damals zuerst dorthin. Dazu kamen Flüchtlinge, die am Flughafen Berlin-Schönefeld eintrafen und von dort über Westberlin in die Bundesrepublik einreisten, wie mir später einer der Mitgründer erzählt. Als sich einige Flüchtlinge ratsuchend an die nächste Kirchgemeinde wandten, St. Pauli, deren Kirche breit und auffällig in einer Seitenstraße hockt, entstand bald der Flüchtlingshilfe e.V. Zu seinen ersten Aktivitäten gehörten ehrenamtlich erteilte Deutschkurse und Hilfe beim Finden engagierter Rechtsanwälte. Ketema, seit den Anfangsjahren dabei, erklärt: »Die Wohlfahrtsverbände waren anderweitig beschäftigt. Ihre Integrationsberatungsstellen machten keine Flüchtlingsarbeit, sondern beschränkten sich auf ›Bestandsausländer‹.«

Das erste eigene Büro fand die Initiative 1985 in der Helmstedter Straße, wo bald auch die erste Stelle, damals noch ABM, eingerichtet wurde. Oliver, seit 2009 hauptamtlich bei Refugium, kommentiert: »Politikern wäre es am liebsten, wenn wir überhaupt nur mit Ehrenamtlichen arbeiten.« Doch die Tätigkeit des Vereins, der aus dem ganzen Bundesgebiet angefragt wird, geht darüber hinaus, was Menschen neben ihrer Berufstätigkeit dauerhaft leisten können: kontinuierliche Erreichbarkeit, Netzwerkarbeit und Kontaktpflege, juristisches Wissen, psychologisches Geschick. Es komme vor, dass Beratungsstellen Flüchtlinge lieber an Refugium weiterleiten als selbst zu beraten, bemerkt Ketema Wolde Georgis: »Wir schicken niemanden fort, ohne etwas gemacht zu haben!«

»Etwas machen« bedeutet mehr als nur erste Hilfe. Genutzt werden die Angebote sowohl von Asylsuchenden als auch von Menschen, die bereits einen gesicherten Aufenthalt haben. Die Fördergelder, neben Spenden der größere Teil der Finanzierung, fließen vor allem in die Integrationsarbeit. Es geht um die berufliche und um Integration überhaupt, um Bewerbungstraining, Beratung für Menschen, die sich selbstständig machen, für Alleinerziehende, um Spracherwerb, Freizeit, Fußball, um Treffpunkte für Frauen. Bewerbungen zu unterstützen, kann auch bitter sein, wenn wieder einer, der qualifiziert ist und kreativ, sich nur als »Helfer« bewerben kann, als Küchen-Helfer, Ernte-Helfer. Trotz des neuen Berufsqualifizierungsgesetzes wird kaum ein Abschluss vollständig anerkannt.

Auch »psychosoziale Gespräche«, wie Oliver Scheichl sie nennt, gehören zur regelmäßigen Arbeit. Wer wegen politischer, glaubens- oder geschlechtsspezifischer Verfolgung seinen Ort verlässt, wer Folter, Zwangsehe, extreme Armut erlebt hat, braucht Schutz und Stärkung. »Flüchtlinge sind so empfindlich«, sagt Ketema. Deshalb seien die Wünsche von Klienten in der Beratung entscheidend, beispielsweise wenn es um einen Rechtsbeistand geht. Wenige Anwältinnen und Anwälte seien spezialisiert, und manche Ratsuchende kämen erst, »wenn alles schon zu spät ist.« Oliver: »Besonders, wenn sie schon beim falschen Anwalt waren.« Die Mitarbeiter von Refugium kennen das Ausländerrecht, doch eine Klage zum Beispiel kann nur ein Anwalt einreichen. Andererseits: »Wir haben besseren Kontakt zur Ausländerbehörde. Es gibt Ermessensspielräume, und im persönlichen Gespräch erreicht man mehr, während ein Anwalt den Rechtsweg gehen muss.«

Die Landesaufnahmebehörde Niedersachen, bei der in Braunschweig alle Asylsuchenden untergebracht sind, befindet sich heute an der Peripherie der Stadt. Wie findet man von dort zu Refugium? Es überrascht, dass nicht nur Nichtregierungsorganisationen, sondern auch der Sozialdienst eben dieser Behörde Flüchtlinge in die Beratung schickt. Andere erfahren durch Mundpropaganda von Refugium.

Die Mitarbeiter trennen nicht zwischen Arbeit und Privatleben. Ketema: »Hier ist mehr Arbeit als in meiner Familie. Ich lebe mit beidem zusammen.« Ist das nicht viel, zu viel? »Kein Flüchtling ruft grundlos nachts oder frühmorgens an, und da helfe ich auch.« Offiziell haben sie keine Vollzeitjobs hier, aber ihrer selbstbestimmten Arbeitszeit merkt man das nicht an. Die »echten« Ehrenamtler kommen aus verschiedenen Ecken, melden sich nach Veranstaltungen, wie der Kinobetreiber, der nach der Diskussion über den Film »Residenzpflicht« vorschlug, für Asylsuchende kostenfrei Filme zu zeigen. Oder der Gestalter der überfälligen neuen Website, er kommt aus dem Ehrenamtspool des VW-Werks. Einen großen Teil des Jahres arbeiten Praktikantinnen und Praktikanten mit, Freude und Aufwand zugleich, denn sie wollen und brauchen Betreuung.

In den 1990er Jahren überstand Refugium eine schlimme Krise, wie viele Initiativen sie irgendwann einmal erleben. Der damalige Schatzmeister hatte eine große Summe veruntreut: »Wir konnten nicht einmal Gehälter zahlen.« Vorstandsmitglieder, berichtet Ketema, seien mit eigenem Geld eingesprungen. Hat die Flüchtlingshilfe e.V. danach etwas verändert? Heute arbeite eine vertrauenswürdige Buchhalterin mit. Ohne Vertrauen gehe es nicht, und das werde auch nicht verändert!

Inzwischen ist Jürgen Steinbrecher eingetroffen. Seit sechs Jahren bietet der pensionierte Lehrer Deutschunterricht an. Viel herumgekommen sei er, ohne Berührungsängste, aber mit Interesse an Fremdsprachen. Die jungen Männer, die seinen Unterricht besuchen, sprechen arabisch, die Sprache, um die Steinbrecher selbst sich gerade bemüht. Er unterrichtet gemeinsam mit Mariam, die wie die Lernenden arabische Muttersprachlerin ist. Ich darf zuhören und kann deshalb das einzige arabische Wort anbringen, das ich kenne: »šukran.« Die Voraussetzungen von Steinbrechers »Schülern« sind unterschiedlich, sie lachen, konzentrieren sich, sind einfach Menschen, die lernen, gemeinsam mit anderen, die auch lernen.

Mariam, die nebenbei als Dolmetscherin arbeitet, kam zu Refugium, als sie Rat für Behördenbriefe suchte. Geschlechtsspezifische Verfolgungsgründe hindern sie, in ihr Land zurückzukehren. »Niemand geht weg«, meint sie, »nur um hier ein schönes Leben zu haben.« Aber wollen denn nicht alle ein schönes Leben? Kopfschütteln: »Wenn einer weggeht, steckt dahinter immer ein Schicksal.« Ihres erzwingt, dass sie heute unter einem Schutznamen lebt und Details ihrer Geschichte nicht in der Zeitung stehen sollten. Sie sagt: »Ich habe viel geschafft, auch als Ausländerin. Hätte ich eher die Chance gehabt, hätte ich mehr geschafft.« Sie hat die Hauptschule besucht, wird nun als Erwachsene Abitur machen und dann »etwas mit Sozialarbeit« studieren. »Ich habe Hilfe bekommen und möchte sie weitergeben.« So einfach.

Man müsse lernen, mit der Politik umzugehen und zugleich die Bevölkerung zu sensibilisieren, sagt Oliver. Daran arbeitet Refugium, beispielsweise in Schul-Projektwochen. »Die Gesellschaft muss es sich leisten, eine humane Flüchtlingspolitik zu betreiben. Wir haben so viel Geld.« Rassismus beginne im Kopf. Dagegen helfe, auf Menschen zuzugehen, ihnen nicht das Gefühl zu geben, ein Fremdkörper zu sein, sondern ein zukünftiges Mitglied unserer Gesellschaft. Was wir brauchen, sei eine neue Willkommenskultur.

Als ich anfangs fragte, was eigentlich ein Flüchtling sei, und Ketema zu erklären begann, deutete Oliver auf ihn, der darauf nicht einging. Der redegewandte Berater bei Refugium betreibt daneben eine Kaffeerösterei und das Café »Zeremonie« im Magniviertel, einer der »Traditionsinseln« mit historischer Bebauung, mittendrin, als habe er das immer getan. Wann hört man auf, Flüchtling zu sein? Flüchtling zu sein, ist kein Beruf. Willkommen zu sein, heißt, den Alltag zu teilen. Beim Gehen werfe ich Lisa Simpson einen Blick zu. Sie sollte bei Refugium vorbeischauen.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken