Von Karin Schmidt-Feister
08.08.2013

Das Brennen unter der Haut

Zehn Jahre HALLE Tanzbühne - Uraufführung »the thing I am«

Die HALLE Tanzbühne Berlin ist ein weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Produktions- und Spielort für zeitgenössischen Tanz, der - bei einer Zuschauerauslastung von 98 Prozent - auch anderen Künstlern und Festivals wie »Tanz im August« ein gastfreundliches Zuhause bietet. Eine Erfolgsgeschichte, die mit vielen Risiken ihren Anfang nahm.

Im Jahr 2000 war es der Tanzcompagnie »cie. toula limnaios« gelungen, mit einer stark sanierungsbedürftigen Turnhalle eine Probebühne zu finden und diese mit finanziellem Risiko und großem Engagement als multifunktionale Bühne auszubauen. 2003 zogen die griechische Choreografin Toula Limnaios und der Komponist/Musiker Ralf R. Ollertz mit ihrem internationalen Team (16 fest angestellte Mitarbeiter) in den heute unter Denkmalsschutz stehenden Klinkerbau von 1888 und machten ihre HALLE in einem Hinterhof in der Eberswalder Straße zum Produktions- und Aufführungsort. Etwa 70 Vorstellungen finden dort jährlich statt, bei einem Jahresetat von 450 000 Euro, wovon ca. 60 Prozent selbst erwirtschaftet werden.

In kontinuierlicher professioneller Ensemblearbeit wurden bisher 33 abendfüllende Tanzstücke sowie repertoirebeständige Wiederaufnahmen kreiert. Die Existenz des Hofgrundstücks indes blieb lange Jahre gefährdet. Mit einer gemeinsamen Anstrengung von Kulturverwaltung, Liegenschaftsfond und der Stiftung Edith Maryon konnte die HALLE per 26. April 2013 als Spielstätte der Tanzcompagnie langfristig gesichert werden. Das Statement von Limnaios und Ollertz zu dieser Garantie: »Wir danken allen Beteiligten für ihr Vertrauen und ihr Engagement, denn nur im Zusammenspiel von Künstlern, Politik und Verwaltung können einzigartige Kulturstandorte bewahrt und weiterentwickelt werden, damit sie nicht aus rein ökonomischen Gründen auf dem explodierenden Immobilienmarkt abgewickelt werden.«

Am vergangenen Wochenende feierten die Zuschauer die vier Tänzerinnen und vier Tänzer sowie das Inszenierungsteam für ungemein intensive »Tagträume in Bewegung«. Mit der Wucht mehrschichtiger Bilderfindungen und physischer Präsenz ertanzte das 2012 neu formierte Ensemble bereits im Stück »wut« (Uraufführung 29.11.2012) ein Energiefeld aus Bruchstücken zerbrochener Ichs, die ein Wir nur als Fiktion beschwören. »the thing I am«, uraufgeführt am letzten Freitag, führt dieses Grundthema nun weiter. Die einstündige Performance konturiert und verdichtet das in der Gemeinschaft isoliert agierende Ich mit unzähligen, genau kalkulierten Bewegungsdetails, Tanzsequenzen, Bildfolgen.

Toula Limnaios sucht nach Leben und fragt konsequent nach den Ursachen der Beziehungslosigkeit, des Scheiterns. Die Spannung der Szene überträgt sich auf die Aufmerksamkeit im Auditorium. Eingangs drehen, fallen, kriechen acht Menschen amöbenhaft ruckartig ohne Armbewegungen auf dem Boden, verhaken ihr Köpfe, Füße, Oberkörper - kurzzeitiges Andocken ohne Leidenschaft. Der Weg durch die Betten (die Matratzen-Metapher bleibt überstrapaziert unscharf) verläuft ohne Liebe. Die quälende Suche nach dem Anderen trifft hier nur auf ein »Es«, nie auf ein »Du«.

Ralf R. Ollertz hat eine traumwandlerisch unheimliche Tonspur aus dumpfen Schlägen, durchschimmernden Natur- und Stadtgeräuschen, gleichsam überlagerten, ja unterdrückten Emphasen mit zwei überraschenden Liedern signalhaft aufgeladen. Frank Sinatra singt Cole Porters »I›ve got you under my skin«, doch die Tänzer starren an der Rampe irrend leer ins Publikum. Später erklingt aus Dietrich Fischer-Dieskaus Kehle das Lamento »Nun will die Sonn‹ so hell aufgehn«, das erste der »Kindertotenlieder« von Rückert und Mahler. Die acht schönen Frauen und Männer beweinen in einer langen Szene mit Händen vorm Gesicht in sich windenden Körpern ihr eigenes Unglück.

Toula Limnaios gelingen Ensembleszenen von assoziativer Kraft: die ewige Irrfahrt des Menschen im Stehen und Fallen des Oktetts mit Taschen und Rucksack auf dem Rücken; das Tennisspiel mit der Wand, während vor und hinter jedem ein Mensch zusammenbricht. Hohe Intensität und extreme Bewegungsbeschleunigung im Unisono-Tableau roboterhafter Funktionalität; menschliche Körper zerlegt, fragmentiert - kurz greift die Hand nach dem Herzen. Physische Gewalt spielt sich auf weißen Wand-Matratzen ab. Man wird Zeuge permanenter Behinderungen und gegenseitiger Lähmungen. Die Figurenkonstellationen sind ambivalent wie bei Edward Hopper.

Inhee Yu reißt sich immer wieder imaginär die Haut vom Gesicht. Kleider werden gewechselt, doch auch die Buntheit bringt kein Leben. Während isolierte Ichs lachend, verzweifelt um sich selbst kreisen, in sich selbst verharren und Ann-Christin Zimmermann einem »Baby« die Bewegungsfreiheit nimmt, zappeln Karolyna Wyrwal und Giacomo Corvaia in überdrehter Fröhlichkeit mit neuer Haut im Gesicht frontal auf die Zuschauer zu.

»The thing I am« - »Tagträume in Bewegung« - eine Aufführung, die unter die Haut geht. Bei der Heimfahrt lese ich, auf einem Wagen der S9 aufgesprüht: »I am«. Wer sind wir wirklich? Und wer wollen wir sein?.

Nächste Vorstellungen: 8. bis 11., 15. bis 18. August, 21 Uhr;

www.halle-tanz-berlin.de

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