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Von Erhard Geißler
08.02.2014

Desinformation im Quadrat

Spekulation über Aids-Viren aus US-Labors

Am Freitag, dem 12. September 1986, klingelte bei den Segals in Berlin in der Leipziger Straße gegen 9 Uhr das Telefon. Der Anrufer war ein Diplomat der Ostberliner US-Botschaft. Man habe erfahren, dass in Afrika ein Bericht Professor Jakob Segals über Aids veröffentlicht worden sei, und ob man sich ein Exemplar davon abholen könne. Beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) - die die Botschaft überwachte - hörte man mit und erfuhr so, dass sich Segal Gedanken über die tödliche Seuche und die Herkunft seines Erregers machte.

Erhard Geißler

Unser Autor, der Molekularbiologe Erhard Geißler (Jahrgang 1930) arbeitete bis zum Jahr 2000 im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch, zuvor im dortigen Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Er ist noch heute Gastwissenschaftler am MDC. Für das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) gab er vier Bücher über biologische Waffen und Abrüstungsthemen heraus. Mehr zum Thema findet man auch in seiner Autobiografie »Drosophila und die Versuchung. Ein Genetiker der DDR gegen Krebs und Biowaffen«.

Zunächst war da viel Raum für Spekulationen und Verschwörungstheorien aller Art. Einige Virologen vermuteten nach Entdeckung des Aids-Erregers - der inzwischen HIV, Humanes Immundefizienz Virus, genannt wird -, er sei ein Abkömmling von Viren afrikanischer Affen. Das löste, insbesondere in Afrika, heftige emotionale Gegenreaktionen aus: »Aids aus Afrika« - das wurde als Rassismus pur empfunden. Auch von dem DDR-Biologen Segal. Der begann im Spätherbst 1985 zu spekulieren, der Aids-Erreger sei im amerikanischen Biowaffeninstitut Fort Detrick von Gentechnikern konstruiert worden. Beweise hatte Segal nicht. Nachdem er sie dem führenden westdeutschen Genetiker Benno Müller-Hill vorgestellt hatte, antwortete dieser am 2. April 1986, es gäbe keine Fakten, die Segals Hypothese stützten. Deshalb sei es unverantwortlich, damit an die Öffentlichkeit zu treten.

Segal ignorierte das und verschickte sein Manuskript »AIDS - its nature and origin« ins Ausland. Eine Kopie ging am 17. Juni 1986 an Dr. Yalla Eballa in Yaoundé, Kamerun, mit der Bitte um Weiterverbreitung. Das besorgten afrikanische Journalisten. Sie kopierten das Segalsche Manuskript und veröffentlichten es anlässlich des VIII. Gipfeltreffens der Blockfreien Staaten Anfang September in Harare unter dem Titel »AIDS: USA - home made evil; NOT imported from AFRICA«. Dieser Titel garantierte weltweites Aufsehen - und veranlasste die US-Regierung, ihre Diplomaten auf Segals Spur zu setzen, was wiederum das MfS hellhörig machte.

Anfang Oktober erfuhr Stefan Heym von Segals Text über menschenfeindliche Experimente der amerikanischen Militärs. Er war davon so beeindruckt, dass er dem Professor mit einem Interview breites Gehör verschaffen wollte. Das erschien im 18. Februar 1987 in der Westberliner »taz«.

Zu dieser Zeit war Johannes Mario Simmel gerade dabei, seinen neuen Roman »Doch mit den Clowns kamen die Tränen« abzuschließen. In dem ging es um die Gefahren der Gentechnik und die Verantwortung der Wissenschaftler. Für diesen wichtigen Themenbereich waren Segals Ansichten ein ideales Beispiel. Simmel griff es auf und ließ einen seiner Romanhelden explizit das Interview Stefan Heyms mit Jakob Segal erwähnen.

So fanden Segals Thesen weltweit Beachtung. Aber sie stimmen nicht: Die Erreger von Aids wurden nicht im Labor von Menschenhand geschaffen, wo und in wessen Auftrag auch immer, sondern stammen aus den Wäldern des tropischen Afrikas. Intensive Untersuchungen ergaben ab den späten 1980er Jahren, dass in Menschenaffen mindestens vierzig verschiedene Virusarten vorkommen, die mehr oder weniger eng mit HIV verwandt sind. Unter ihnen fanden sich auch die direkten Vorfahren der verschiedenen HIV-Stämme. Beispielsweise entwickelte sich der weltweit am meisten verbreitete Aids-Erreger HIV-1-M um 1908 in Kamerun aus einem Schimpansen-Virus.

Obwohl die Abstammung des Aids-Erregers immer eindeutiger aufgeklärt werden konnte, blieb Jakob Segal bis zu seinem Tode 1995 bei seinen Behauptungen. Warum?

In den USA wurde der Mythos, HIV sei von Gentechnikern im Auftrag des Pentagon in einem Militärlabor konstruiert worden, als Produkt einer Desinformationskampagne des KGB eingeschätzt. Das ist denkbar, lässt sich aber weder beweisen noch widerlegen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR behaupteten zwei ehemalige Oberstleutnants des MfS, Günter Bohnsack und Herbert Brehmer, die für »aktive Maßnahmen« verantwortliche Abteilung X der Hauptverwaltung Aufklärung habe den Mythos in Zusammenarbeit mit dem KGB kreiert und Jakob Segal entsprechend instrumentalisiert. Auch hätten sie Stefan Heym zu dem Interview mit Segal angeregt. Überdies sei es ihnen gelungen, Johannes Mario Simmel zu veranlassen, den Mythos in seinem neuen Roman zu verbreiten, wozu man ihm entsprechendes Material untergeschoben habe.

Das klang natürlich spannend und könnte erklären, warum Segal den Mythos auch dann noch vertrat, als er längst widerlegt war. Ich wollte es genau wissen und begann insbesondere in der Stasiunterlagenbehörde (BStU) zu recherchieren - und wurde fündig. Tatsächlich gibt es einschlägige Dokumente, aber alle sind unvereinbar mit den Behauptungen der plauderfreudigen Tschekisten. Zudem fanden sich Dokumente, wonach zumindest die Berliner Bezirksbehörde des MfS bereits im März 1987 die Segalschen Thesen als republikschädlich bezeichnete und eruierte, ob und wie man dem Professor Einhalt gebieten könne.

Trotz mehrerer Publikationen, in denen die unzutreffenden Behauptungen von Bohnsack und Genossen widerlegt wurden, werden diese in aller Welt noch immer ungeprüft kolportiert, unter anderem in einem preisgekrönten Aufsatz des Historikers des Washingtoner Internationalen Spionagemuseums Dr. Thomas Boghardt.

Zusammen mit dem amerikanischen Mediziner und Politologen Robert Hunt Sprinkle habe ich vor drei Jahren damit begonnen, alle einschlägigen Dokumente zu sammeln und auszuwerten, Zeitzeugen zu befragen. Die Ergebnisse dokumentiert ein dieser Tage in Heft 32/2 der Zeitschrift »Politics and the Life Sciences« (PLS) sowie auf deren Homepage erscheinender Artikel.

Unser Befund ist eindeutig: Nicht nur Segal betrieb Desinformation. Bohnsack und seine Genossen und Kolporteure desinformierten zudem über die Segalschen Desinformationen: »Desinformation im Quadrat«.

Wir fanden Beweise dafür, dass Segal nicht von der Stasi als Verbreiter des Aids-Mythos instrumentalisiert worden war: Im MfS erfuhr man von Segals Behauptungen erst, nachdem das »Harare-Pamphlet« erschienen war und die Amerikaner sich für Segal zu interessieren begannen.

Auch Stefan Heym - eine der vom MfS am intensivsten überwachten Personen - war keine Marionette der Stasi. Von Segals Thesen erfuhr er von seinem Arzt (der selbst observiert wurde). Heym fand den Mythos sehr spannend und überzeugend und wollte ihn mit einem Interview verbreiten. Das wurde am 8. November in Segals Wohnung geführt. Beim MfS registrierte man das erst zwei Wochen später, am 25. November 1986.

Im Gegensatz zu Bohnsacks Behauptungen hatte Heym zunächst nicht vor, das Interview in der »taz« zu veröffentlichen. Zunächst wollte er es in »Spiegel« oder »Zeit« publizieren. Beide lehnten ab. »Stern« und »Quick« ebenso. Die »taz« war dann die letzte Wahl. Dort erschien das Interview schließlich am 18. Februar 1987. Bei der Stasi registrierte man das erst zwei Monate danach.

Die Redaktion der »taz« hat sich übrigens später, am 9. Januar 2010 in einem langen Beitrag dafür entschuldigt, mit dem Abdruck des Interviews dem MfS auf den Leim gegangen zu sein. Dass zu diesem Zeitpunkt Bohnsacks Behauptungen bereits widerlegt worden waren, störte die Autoren nicht; sie hielten sich lieber an die unbewiesenen Geschichten der Ex-Tschekisten. Es ist wohl die Ironie der Geschichte, dass die »taz« mit dieser Entschuldigung erneut Desinformationen verbreitete.

Und was ist mit Johannes Mario Simmel? Der versicherte mir, dass ihm bei der Vollendung seines Romans kein aus anonymen Quellen stammendes Material zugespielt worden war, und nannte die diesbezüglichen Behauptungen »eine freche Lüge«. Er sei durch den Dichter Erich Fried auf den Mythos aufmerksam gemacht worden. Der hatte das Heym-Segal-Interview am 13. März 1987 in einem Aufsatz in der Wiener »Wochenpresse« erwähnt.

Ganz abgesehen davon irrten die ehemaligen Stasi-Offiziere und ihre Kolporteure mit der Einschätzung, Simmel habe mit seinem Roman zur Verbreitung des Mythos beigetragen. Vielleicht haben sie ihn gar nicht (aufmerksam) gelesen: Simmel hatte sich nämlich korrekt informiert und sozusagen Gegenpropaganda betrieben: Er lässt seinen Romanhelden, einen Molekulargenetiker, explizit sagen: »Ich glaube es … nicht«. Und eine Seite weiter: »Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass das Aids-Virus wirklich irgendwo entwichen ist, wo man mit Viren experimentiert«.

Gemeinsam mit Bohnsack und Genossen setzte deren Washingtoner Kolporteur, der preisgekrönte Boghardt, auf die Quadrat-Desinformation sogar noch eins drauf: Es könne ja gar nicht sein, dass waschechte amerikanische Diplomaten die Segals aufgesucht hätten. Vielmehr seien das Stasi-Offiziere gewesen, die sich als Vertreter der US-Botschaft verkleidet hatten. Damit habe man die Segals glauben machen wollen, ihre Behauptungen würden tatsächlich von den Amerikanern ernst genommen.

Doch aus mehreren Dokumenten geht hervor, dass man beim MfS wusste, dass amerikanische Diplomaten die Segals aufgesucht hatten. Offenbar hatten sich weder die Bohnsacks noch der Washingtoner Historiker die Mühe gemacht, in den einschlägigen Unterlagen der BStU zu recherchieren.

Diese Nachlässigkeit war der größte Fehler der Quadrat-Desinformanten: Einer von Segals September-1986-Besuchern konnte nämlich ausfindig gemacht und befragt werden. Dieser, John Monroe Koenig, schrieb uns spontan: »Das Internationale Spionage-Museum irrt«. Und, nachdem ihn das State Department von der Schweigepflicht entbunden hatte, gab er freimütig Auskunft über den Besuch in der Leipziger Straße und bestätigte das, was wir schon aus zwei Berichten wussten, die Lilli Segal damals dem MfS übermittelt hatte. Ja, das State Department hätte sie damals aufgefordert, Kontakt mit den Segals aufzunehmen, und ja, sie hätten wohl damals ein Manuskript erhalten und dann nach Washington weitergeleitet. Und: »As I said, all very pleasant, all very gemuetlich«.

Soweit Segals damaliger Besucher. Er ist immer noch kein maskierter MfS-Offizier, sondern inzwischen Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Zypern.

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