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Übersicht: Unten links

  • 18.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    In der heute vor 20 Jahren gewählten letzten Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik saßen 400 Abgeordnete, davon 318 männlich. Von diesen wiederum waren ausweislich der überlieferten Fotogalerie 129 Bartträger – also gut 40 Prozent aller männlichen Abgeordneten und knapp ein Drittel des gesamten Parlaments. Abgesehen vom komplett bartlosen Demokratischen Frauenbund hatte die PDS mit 6 von 66 Fraktionären die kleinste Bartquote (9 Prozent), weit übertroffen von der Bauernpartei (22 Prozent), den Freidemokraten (30 Prozent), der CDU (34 Prozent), den Grünen (37,5 Prozent), der SPD (40 Prozent), der DSU (44 Prozent) sowie Bündnis 90 und dem Demokratischen Aufbruch (je 50 Prozent). Die Vereinigte Linke war konkurrenzlos: wie der Frauenbund hatte sie nur ein Mandat in der Volkskammer, jedoch zu hundert Prozent barttragend. Nie wieder danach hatte eine demokratische Parlamentswahl in Deutschland ein so haariges Ergebnis. jrs

  • 17.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    An und für sich ist der Vorschlag fair und vernünftig. Wenn die Arbeiter bei Opel oder sonst wo überall im Lande Teilzeit arbeiten müssen, warum soll dies Abgeordneten nicht auch vergönnt sein? Sachsen-Anhalts Premier erntet indes mit seinem Plädoyer für ein Teilzeitparlament Entsetzen. Klar, das dünnt die Portemonnaies der Parlamentarier aus. Entlastet aber den öffentlichen Haushalt. Der Landtag habe »nicht mehr so viele Dinge zu erledigen«, beschied Böhmer. Ihm ward gekontert: Die Menschen hätten »ein Recht auf professionell arbeitende Volksvertreter«. Witz hat der Mann, der dies sagte (FDP!) Aber halt, es handelt sich hier um eine ernste Sache! Wie die Geschichte lehrt. Nicht nur jüngste deutsche, als der mit Scheitel und Schnauzer erst Sitzreihen freimachen ließ, um sodann den Reichstag ganz zu schließen. Frankreichs absolute Herrscher haben über 200 Jahre lang das Ständeparlament an Beratungen gehindert. Will Böhmer es ihnen gleichtun? »L'état, c’est moi!« ves

  • 16.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Nun hat auch Marx ein Wort gesprochen zum Missbrauch-Skandal in der Katholischen Kirche. »Als Volk Gottes erschrecken wir darüber.« So Reinhold M. Das hat man schon exakter gelesen, bei Karl M.: Religiöses Elend ist Ausdruck des wirklichen Elendes. Nun hat sich Old Charly zwar nicht explizit zu priesterlichen Schweinereien geäußert; für den Philosophen Abgründe, in die er sich nicht begab. Aber er wusste: »Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.« Der Mensch ist, wie er ist. Ob im Ornat, Talar, Hermelin oder Blaumann. Er ist »kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen«. Der Mensch ist die Welt des Menschen: Hie die Verführer, Vergewaltiger, da die Erniedrigten, Verachteten, Verlassenen. Was nicht nur die Regensburger Domspatzen meint. Die Kritik der Religion muss ergo im kategorischen Imperativ münden, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen werde und darob alle knechtenden Verhältnisse umzuwerfen sind, in Kirche und Sozietät. ves

  • 15.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Im alten Rom gab es noch keine Flugzeuge. Deswegen gehörte es nicht zur spätrömischen Dekadenz, dass Konsule und Senatoren zu luftigen Ausflügen einluden, mit denen sie sich bei ihren Gönnern für Beihilfen zum Amtserwerb erkenntlich zeigten. Dank Guido Westerwelle ist aber alter wie moderner kultureller Verfall wieder zum Gegenstand politischer Kritik geworden. Nun fügte er an, dass Kritik sich nicht gegen ihn richten dürfe. Wer das tut, der »schadet Deutschland«. Kleinere Münzen hat der FDP-Chef nicht in seiner Börse. In einem Interview mit der »Berliner Zeitung« vor fast genau einem Jahr wies er im Übrigen darauf hin, worum es ihm vor allem geht: um Selbstverwirklichung. Immerhin, das Versprechen hält er als Außenminister. Auch Vorwürfe, er sei vor allem im Interesse seiner liberalen Geschäftsfreunde unterwegs, treffen ihn nicht. Niemand könne ihm seinen »Schneid abkaufen«. Doch wer will den schon von ihm – oder gar einen Gebrauchtwagen? jrs

  • 13.03.2010
    Tagesglosse

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    Dass die Krise wirklich da war und nicht nur ein Hirngespinst sensationsgieriger Medien, konnte man u.a. daran erkennen, dass die Zahl der Superreichen zählbar zurückging. Milliarden verflüchtigten sich, Millionen schmolzen dahin. Schicke Landsitze mussten verkauft, Yachten unter Wert verscherbelt werden. Ja, es ging ans Eingemachte. Aber nun wird alles gut. Die Erde zählt wieder über 1000 Milliardäre, Deutschland hat – immer noch oder schon wieder – massenweise Millionäre, und die Spitzenmanager verdienen nach wie vor Summen, die sie kaum ausgeben können. Alles wäre in Ordnung, wenn nicht neue gierige Konkurrenz entstünde. Immer mehr Milliardäre kommen aus Indien, Brasilien, Taiwan, der Türkei, Russland ... Da muss Deutschland aufpassen, dass die Aldi-Brüder nicht unter die Räder kommen. Ein Platz ganz oben in der Nationenwertung ist nicht nur bei der Olympiade eine Zierde – das sollte den Bürgern die eine oder andere Einschränkung wert ein. wh

  • 12.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Wenn Guido Westerwelle verreist,

    ist er mit dem Herzen dabei. Wahrscheinlich sogar mit mehreren. Handeln und Reisen, das ist jetzt sein Beruf. Der Handlungsreisende nimmt gern seinen Lebensgefährten mit. Bösen Vorwürfen, dieser knüpfe auf Staatsreisen Geschäftskontakte, hielt er entgegen: Er sei sozial tätig, denn er habe ein Herz für Kinder. Wie Westerwelle. Im Reisetross befindet sich auch schon mal ein Unternehmer, dessen Firma teilweise Westerwelles Bruder gehört, während ein dritter Teilhaber – der mit Westerwelle befreundet ist, der FDP kräftig gespendet hat und ebenfalls bereits mit dem Außenminister unterwegs war – Geschäftspartner des Lebensgefährten von Westerwelle ist ... Nein, wir wollen uns nicht weiter mit diesen »persönlichen Attacken« (Westerwelle) abgeben. Wir halten fest: Westerwelle hat ein Herz für Kinder, eins für Spender und eins für den Bruder. FDP – das ist nicht mehr die Partei mit den drei Punkten, sondern mit den drei Herzen. wh

  • 11.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Wer jetzt noch einen Opel will, muss sich beeilen. Die Bundesregierung kauft dem Autobauer in diesem Jahr wieder 1046 Dienstwagen ab. Im letzten hatten die Ministerien einen ähnlich großen Posten geordert. Bei dem Schnitt bringt es die Regierung auf mindestens 4000 Opel in einer Legislaturperiode. Gehen die krisengeschüttelten Fahrzeuge inzwischen so schnell kaputt, dass eine tempoorientierte Regierung mit weniger nicht hinkommt? Vermutet werden muss wohl eher eine Maßnahme des Eingriffs in den fairen Wettbewerb. Die Regierung will die Krise des Unternehmens mit Gewalt beilegen, nachdem die sanfte Tour über staatliche Finanzspritzen nicht fruchtete. Und der Regierung ist es ernst: Allein das Verteidigungsministerium hat 1001 Autos in Rüsselsheim bestellt. Sicher, weil im Haus Guttenberg für den schnellsten Verschleiß gesorgt werden kann. In Afghanistan hat ein Opel keine lange Überlebenschance – wie gesagt, fairer Wettbewerb ist das nicht ... uka

  • 10.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Möglicherweise hatte niemand damit gerechnet, dass hier mal jemand vorbeikommen könnte – jedenfalls befand sich am Sonntag im Tower auf dem Flughafen Leipzig-Altenburg kein Fluglotse, weshalb eine Ryanair-Maschine mit 300 Personen an Bord nicht landen konnte und nach Berlin ausweichen musste. Absicht oder Versehen, ist jetzt die Frage. Seit Guido Westerwelle Deutschlands Chefdiplomat ist, muss der deutsche Fluglotse ja jederzeit mit Maschinen rechnen, in denen der abgehobene Außenminister sitzt. Wer offenen Auges eine Landung zulässt, läuft womöglich geradewegs in die nächste Lektion gegen Staatsregulierung. Wie sich jemand fühlen muss, dessen Beruf im zwanghaften Hin- und Herlotsen von Flugzeugen besteht, das kann man sich vorstellen. Luftraum- ist nicht weit von Marktregulierung und damit so eine Art Vorläufer des Staatssozialismus. Jeder Fluglotse, der diese Zusammenhänge durchschaut, läuft bei Westerwelles nächstem Anflug davon. uka

  • 09.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Eine »deutsche Oscar-Hoffnung« ist, wie dpa am Montagmorgen meldete, »geplatzt«. Es ging um Christian Berger, der das Schwarz-Weiß-Drama »Das weiße Band« beeindruckend filmte. Aber Berger ist Österreicher – wie Christoph Waltz, der einen Oscar bekam. Und die Österreicher wollen wohl beide, Berger und Waltz, auch behalten – im Unterschied zu anderen Österreichern. Aber das nur nebenbei. Es geht hier um das Platzen. Laut Nachrichtenagenturen sind nämlich in jüngster Zeit unter anderem folgende Dinge »geplatzt«: der Verkauf der Geländewagenmarke Hummer nach China, die niederländische Regierung, Sarah Connors Scheidungstermin, der Auftritt von Lindsay Lohan beim Wiener Opernball ... Nicht mehr lange, dann platzen die ersten Knospen. Und schon jetzt sind Heere von Hundehaltern unterwegs, die ihren Lieblingen befehlen: Platz! Was diese zum Glück nicht tun. Deshalb setzen gewissenlose Geschäftemacher bereits auf eine spezielle Züchtung – den Platzhirsch. ibo

  • 08.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Dass Undank der Welt Lohn ist, wusste bereits der Apostel Paulus, der das Übel in seinem 2. Brief an die Korinther anprangerte und somit früh die spätrömischen Verhältnisse thematisierte. Diese schlichte Wahrheit, um deren Popularisierung sich zuletzt Guido Westerwelle verdient machte, inkarniert sich derzeit in einer Ablehnungsfront, die die hierzulande notorische Arbeitsverweigerung geradezu bieder erscheinen lässt: Millionen und Abermillionen Rationen Schweinegrippen-Impfstoff, die der Staat kostenlos bereitstellte, wurden verschmäht. Klar, die Sache sähe anders aus, ginge es nicht um Impf-, sondern um Bierdosen. Volle natürlich. Aber offenbar sind ja alle gesund. Doch, wie der Große (FDP-)Vorsitzende feststellte, auch »die Menschen auf der Titanic waren gesund, hatten aber kein Glück«. Und so könnte die kollektive Impfverweigerung eben jene Spitze des Eisbergs sein, an der das schlingernde Staatsschiff leckschlägt. Und das ausgerechnet bei einer Spritztour. ibo

  • 06.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    In Mainz tagen derzeit die Orthopterologen. Sie befassen sich mit der Erforschung von Heuschrecken und haben festgestellt: Die Fluginsekten fühlen sich in Deutschland immer wohler. »Sogar Arten, die schon vom Aussterben bedroht waren, haben sich teilweise wieder massiv ausgebreitet«, erfuhr die Nachrichtenagentur dpa von einem Biologen. Eine Heuschreckenplage drohe aber nicht. Die hatte zwar der führende sozialdemokratische Orthopterologe Franz Müntefering vor rund fünf Jahren prophezeit und auch sein christdemokratischer Kollege Jürgen Rüttgers sah noch Anfang 2008 Anzeichen dafür, wähnte die Heuschrecken aber bereits auf dem Weg nach Rumänien. Seitdem die Bundesregierung der drohenden Plage jedoch mit einem Risikobegrenzungsgesetz entgegenwirkte, waren die Mahner wieder still geworden. Heuschrecken haben den Politikern übrigens eines voraus: Sie tragen ihre Ohren an den Beinen. Da hören sie besser, was unter ihnen rumort. jrs

  • 05.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    20 Jahre sind seit der deutschen Vereinigung vergangen, Grundstücke in der ehemaligen DDR sind kaum noch für ein Schnäppchen zu ergattern. Eine deutsche Übernahme Westpolens, Österreichs oder Tschechiens steht trotz heftigen Werbens von Leuten wie Frau Steinbach nicht an, da muss man anderswo Ausschau halten. »Bild« empfiehlt: »Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen«. Als bereitwillige Transporteure ihrer Idee, auf die sie sich dann pseudo-journalistisch beziehen konnte, fand die Springer-Zeitung zwei Experten aus CDU und FDP. »Ein Bankrotteur muss alles, was er hat, zu Geld machen, um seine Gläubiger zu bedienen«, meint etwa CDU-Wirtschaftspolitiker Josef Schlarmann. Und »Bild« zog Wikipedia zu Rate: Griechenland hat 3054 Inseln, von denen nur 87 bewohnt sind. Dafür gebe es »einen Markt«. Merkwürdigerweise hat der Begriff »Inselkoller« noch keinen Eingang in den Duden gefunden. Nun wird es Zeit: Es ist der ganz normale Wahnsinn des Boulevards. jrs

  • 04.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Während linke Nostalgiker weiter das Ende des Kapitalismus beschwören, beweist dieser seine Überlebenskraft mit einer besonders teuflischen Strategie: dem sogenannten Rückruf. Weltweit riefen in den vergangenen Wochen unter anderem folgende Großkonzerne Produkte zurück: Toyota, Nissan, Isuzu, General Motors, Peugeot-Citroën, Volkswagen. Damit neben Autokäufern auch Konsumenten eher profaner Produkte erfasst werden, forderte der Discount-Riese Lidl die umgehende Rückgabe einer Käsesorte. Das Ziel dieser ebenso niederträchtigen wie einfach zu exekutierenden Maßnahmen ist klar: Niemand soll mehr sicher sein, sich an einer erworbenen Ware dauerhaft erfreuen zu können. Was gestern noch Luxus war, kann schon morgen schlichte Notwendigkeit sein – die Anschaffung von Zweit- und Dritt-Autos, -Fernsehern, -Computern und anderem Käse. »Macht kaputt, was euch kaputt macht!«, sang einst Rio Reiser. Die neue Perfidie: Das besorgen die Kapitalisten jetzt selbst. ibo

  • 03.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Dass Baden-Württemberg ernste Probleme mit dem Alkohol hat, wusste man spätestens seit der Kreation des Slogans: »Wir können alles. Außer Hochdeutsch.« Schließlich ist exzessives Trinken von starken Beeinträchtigungen des Sprachzentrums begleitet, deren Folgen nur mit sehr viel gutem Willen in die Nähe des späten Hölderlin gerückt werden können. Immerhin klagte bereits der große Schwabe: »Viel, viel sind meiner Tage / Durch Sünd entweiht gesunken hinab.« Zumindest für die Nächte in Baden-Württemberg sind jetzt die Chancen gesunken, »durch Sünd entweiht« zu werden. Denn getreu der Losung »Wir können alles« gilt seit Wochenbeginn in dem Bundesland ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot an Tankstellen, Kiosken und in Supermärkten. Natürlich wird diese Maßnahme nicht ausreichen. Deshalb hat die Landesregierung den Ankauf der CD mit Daten von Steuersündern definitiv abgelehnt. Das Geld braucht sie für das Aufkaufen von Millionen anderer CDs – mit Trinkliedern. ibo

  • 02.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Eine Wiener Zeitung meditierte jetzt darüber, warum der beliebteste ostdeutsche Vorname Paul sei. Wo Marx doch Karl hieß. Aber dieser Name Paul könnte für den Ostdeutschen tatsächlich ein Signal sein. Jedenfalls ein anderes als Diana oder Britney oder Bruce, arme Geschöpfe, die irgendwann die Peinlichkeit spüren werden, per eigenem Namen ständig den Kulturbegriff ihrer Eltern öffentlich zu machen. Also Paul. Warum? Niemals hat man Kinder nach Bühnenhelden benannt, aber eine der vor Jahren erfolgreichsten Gestalten der Zeitdramatik, erdacht von Tankred Dorst, lange gespielt von Kurt Böwe am Deutschen Theater Berlin, hieß so. Dieser P. lässt sich nicht vertreiben, nicht abwickeln, nicht demütigen, nicht kaufen. Er lässt sich nur auf das ein, was wirklich mit ihm zu tun hat. Das sei typisch Ossi? Wer weiß. Aber es wäre nicht die schlechteste Entwicklung, würde ein Kind auf diese Weise erwachsen – würde also aus einem kleinen Paul: »Herr Paul«. hades

  • 01.03.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    An den deutschen Gymnasien ist, weit mehr als früher, Griechisch gefragt. Schön: statt nur immer Homepage nun auch verstärkt Homer. Im Osten dagegen sei's noch immer schwierig mit dem Schulfach, vermeldet eine Hamburger Schulstudie, denn »die Tradition humanistischer Bildung« sei »dort abgerissen gewesen«. Stimmt, in der DDR bekamen die Schüler im Fremdsprachenunterricht statt der Bücher täglich einen Beutel Russisch Brot, und essen mussten sie die Buchstaben so, dass sich der Text der »Internationale« ergab. Während die drüben »Griechischer Wein« grölen durften. Obwohl es auch im Westen manch böses Erwachen gerade mit den Hellenen gab: Man konnte die Eule so oft nach Athen tragen, wie man wollte – Nana Mouskouri kam immer wieder. Zum Brillen komisch. Aber Griechisch wird auch im Osten bald boomen. Neues Selbstbewusstsein bricht sich Bahn. Vor allem Sachsens Schüler meinen's verteufelt ernst, man hört sie schon rufen: Mir griechen eich. hades

  • 27.02.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Westerwelle spricht von spätrömischer Dekadenz und rüpelt so Schwächere an, macht sie zu Parasiten der Gesellschaft. Wissenschaft widerspricht. Die Götterspeisen der alten Ägypter führten nach einer Studie der Uni Manchester eher zum frühen Tod als zur Unsterblichkeit. Die drei Mal am Tag vom Volk den Gebietern gereichten Mahlzeiten, Fleisch und Süßigkeiten in Fülle, dazu Bier und Wein, verspeisten nicht die Himmlischen, sondern die höchst irdischen Priester. Nach dem Motto: Nur nichts verkommen lassen. Dies führte zu Überfettung, verkalkten Arterien und Herzproblemen, wie die Untersuchung von Mumien belegt. Die Lebenserwartung des sozial hochgestellten Ägypters betrug nur 40 bis 50 Jahre. Das sollte den honorigen und betuchten Gästen der üppigen Empfänge des BDI und der Kanzlerin, bei Völlereien im Bundespräsidialamt und auf Bundespressebällen zu denken geben. Sonst ist das Volk bald herrschaftslos, die Herrscher los. ves

  • 26.02.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    »Alle Kreter sind Lügner«, sprach Epimenides, der Kreter. Ein Philosph aus dem 6. Jahrhundert v.u.Z. Lügt er oder sagt er die Wahrheit? Zwei Säkula später fragte Eubulides aus Milet einen Freund: »Wenn ich lügend sage, dass ich lüge, lüge ich oder sage ich Wahres?« – »Du sagst Wahres.« – »Wenn ich Wahres sage und sage, dass ich lüge – lüge ich?«

    »Du lügst.« Das ist das Lügen-Paradoxon. Sind alle Griechen Lügner, Täuscher, Blender, Betrüger? Das meint mancher hierzulande. Sie haben sich in die EU geschummelt, und wir braven Deutschen müssen die Zeche zahlen. Der neue »Focus« zeigt auf dem Titelblat die Venus von Milo mit »Stinkefinger«. Deutsche Häme zu griechischer Tragödie. Ein Athener Blatt konterte mit der Siegessäule, gekrönt vom Hakenkreuz. Es ist Krieg. Paradox! Wegen eines Paradoxons – einer vermeintlich widersprüchlichen, also zugleich wahren und falschen Aussage, die der landläufigen Meinung widerspricht. Ergo: Nicht alle Griechen sind Lügner. ves

  • 25.02.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Die Deutschen arbeiten im Wochendurchschnitt länger als Menschen in den meisten EU-Ländern. Der Eindruck ergibt sich wahrscheinlich auch daraus, dass in Deutschland sogar Fußball nicht gespielt, sondern ebenfalls – gearbeitet wird. Nie weiß man hierzulande, wann die Rackerei ein Ende hat: Witzig klingt bei uns nicht zufällig wie schwitzig – richtiger Spaß fängt erst dort an, wo der Spaß aufhört. Für Deutschland arbeiteten Deutsche mitunter leidenschaftlich besinnungslos, wahrlich bis zum Umfallen – bis sie merkten, dass man das Krieg nennt. Ja, eine Woche kann recht lang werden bei so viel typischer deutscher Arbeit: Trauerarbeit, Kleinarbeit, Knochenarbeit, Strafarbeit. Vor allem aber: Parteiarbeit. Vielen Politikern sieht man an, wie schrecklich eine Arbeit ist, die anstrengt, ohne dass man wirklich etwas leistet. So darf das Tätigsein preisen, wer einen Job hat. Aber auch jene, denen er abhanden kam, werden bestätigen, dass Arbeit adelt: von – wegen. hades

  • 24.02.2010
    Tagesglosse

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    Diese Software ist ein Export-Schlager Israels: Auch Privatpersonen dürfen per Computer die gleichen Schönheitskorrekturen an offiziellen Passfotos vornehmen, wie es für Models der Hochglanzebene – seltsame Wort-Verirrung an dieser Stelle – ganz natürlich ist. Wer sich heutzutage bewirbt, betreibt Casting: Das eigene Gesicht ist für das Rennen um immer weniger Arbeitsplätze schnell ein Hindernis. Womöglich zu viele Sorgenfalten, zu viele Unsicherheiten in den Zügen – da ist der Zug, auf den man aufspringen möchte, rasch weggefahren. Gespräche in Personalbüros geraten so mehr und mehr zur Maskerade. Was dann überzeugendes Auftreten genannt wird, ist nichts weiter als gelungene Erpressung. Ein Tauschgeschäft der Bewegungsarten: Dem Weg, der zur Arbeit hinführt, entspricht verstärkt die Weglänge, die man sich entfernt – von sich selbst. Geliftete Passfotos, um einander näherzukommen? Die Retusche offenbart die Wahrheit des Gegenteils: Entfremdung. hades

  • 23.02.2010

    Unten links

    Guido Westerwelle arbeitet unverdrossen an seiner sozialen Kompetenz und lässt im Kampf gegen die notorischen Faulpelze nicht locker: Die staatlich subventionierten Drückeberger könnten ja Schnee schippen. Gute Idee, die leider einen Haken hat – es taut gerade, und erfahrungsgemäß wird es immer wärmer. So sagt es jedenfalls der Große Wetterplan, woran man sehen kann, dass der Marktwirtschaftler zu Recht der Feind der Planwirtschaft ist. Hilfsweise möchten wir eine Idee der FDP zur Weiterentwicklung empfehlen: Nachdem sie neulich eine Nationale Streusalzreserve gefordert hat, könnte sie sich jetzt für eine Nationale Schneereserve einsetzen, damit die Nichtstuer immer zu tun haben. Die einen produzieren den Schnee, die anderen schaffen ihn weg. Aber vielleicht ist das doch zu viel Planung für Liberale, und sie verlegen sich lieber auf die Nationale Hundekackereserve. Denn die ist schier unerschöpflich, und zwar saisonal unabhängig und ganz ohne Plan. wh

  • 22.02.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Die Enthüllungen rings um das Fiasko beim Bau der Kölner U-Bahn werden immer erschreckender. Baupfusch, wohin man schaut – mal leichtsinniger, mal vorsätzlicher Pfusch. Zu wenig Beton wurde verbaut; für die Stabilisierung dringend notwendige Eisenbügel wurden nicht verarbeitet, sondern an Schrotthändler verhökert. Bei der Analyse dieser Vorgänge wurde bisher vernachlässigt, dass hier die selben Methoden angewandt wurden wie bei dem Versuch, die SPD herunter zu wirtschaften. Auch dort wurden entscheidende, in den Bauplänen vorgesehene Stützpfeiler unter der Programmatik weggezogen und praktisch umsonst der Konkurrenz überlassen. Als daraufhin das ganze Gebilde zu wackeln begann, zeigte sich, dass die Betonfassaden viel zu schwach waren, um dem Druck standzuhalten. Pfusch, Pfusch, nochmals Pfusch! Und nun gräbt der Chef des Räumtrupps, Sigmar Gabriel, in den Trümmern nach Archivalien, in denen man nachlesen könnte, wie man es richtig macht. wh

  • 20.02.2010

    Unten links

    Das Theater im sibirischen Omsk muss sich des Vorwurfs erwehren, es habe übertriebenen Eifer an den Tag gelegt. Als Russlands Präsident Medwedjew, über den Landsleute gern Witze wegen seiner 1,62 Meter Körpergröße machen, sich zum Besuch ansagte, nahmen sie rasch ein Programmplakat ab. »Sei willkommen, lustiger Zwerg«, war auf diesem zu lesen gewesen. Furcht kann nicht der Grund gewesen sein. Weiter als nach Sibirien kann man bekanntlich nicht verbannt werden. Aber wieso der Vorwurf des Eifers? Immerhin haben die Omsker auf ihren überschwenglichen Gruß verzichtet. Sollten sie etwa schreiben: »Bleib zu Hause, lustiger Zwerg«? Der Präsident wird inzwischen sowieso von dem Plakat gehört haben; sie werden ja sehen, ob er kommt. Vielleicht können sie ihn gar zu einem Auftritt in ihrem Theater bewegen. Sechs Freunde wird er notfalls mitbringen können – aus Frankreich und Italien zum Beispiel. Das Schneewittchen wird ihm sicher gestellt. uka

  • 19.02.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Endlich zur Abwechslung mal eine gute Nachricht für die Kirche: Es gibt jetzt eine Bibel, die wasserfest ist. Ob Kondome aus dem Berliner Canisius-Colleg als Schutzhülle Verwendung fanden, solche Einzelheiten gehören noch zu den sorgsam gehüteten Details der revolutionären Erfindung, die die Deutsche Bibelgesellschaft preisgab. Die neuen Einsatzmöglichkeiten des Buchs der Bücher jedoch lassen glückliche Zeiten für alle Gutgläubigen ahnen. Tränen oder Schlimmeres – nichts kann den Stoff, aus dem Bischof Mixas Weltbild geformt ist, noch verwässern. Niemand muss sich beim Selbststudium zur Kaffeezeit vor dem Kleckern vorsehen, man kann die Heilige Schrift an regnerischen Nachmittagen zum Spaziergang mitnehmen, wer will, kann damit sogar schwimmen und tauchen. Das Wort Gottes – in jeder Lebenslage anbei. Am Streit über die Deutungen des Inhalts allerdings wird das auch künftig nichts ändern. Wasserfest bedeutet noch lange nicht wasserdicht. uka

  • 18.02.2010
    Tagesglosse

    Unten links

    Obwohl am Aschermittwoch angeblich alles vorbei ist, fing eine entscheidende Sache gestern erst an: Es wird gefastet, dass die Wampe quietscht. Alles Überflüssige muss weg. Zum Beispiel die Bundesländer. Die sind allesamt nach Ansicht des Kieler Oberbürgermeisters Torsten Albig »eigentlich überflüssig«. Ohne Bundesländer würde es den Städten und Gemeinden deutlich besser gehen, meint der SPD-Politiker. Sein Vorwurf: Die Länderregierungen würden im eigenen Saft kochen. Also ausgesprochene Saftläden. Allerdings ist das Kochen im eigenen Saft immer noch besser, als dafür fremden Saft zu verbrauchen. Andererseits ist diese Methode aber auch hervorragend geeignet, Überflüssiges noch überflüssiger zu machen. Denn, wie man aus einschlägiger kulinarischer Erfahrung weiß: Wenn der Saft erst einmal richtig kocht, kann er ganz schnell überfließen. Nach Aschermittwoch funktioniert das jedoch nicht: Bis Ostern wird nämlich nur gefastet, nicht gekocht. ibo

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