Reinhold Messner sprach häufig vor Managern über das Erklimmen hoher Gipfel. Jetzt unterstreicht er in einem Interview den hohen Sinn solchen Gedankenaustausches zwischen den Berufssparten. Frau Merkel wäre das auch zu empfehlen. Auf Protokollfotos rund um die Währungskrise wirkt sie so festgefahren - sie sollte sich locker machen lassen in einschlägigen Seminaren: »Eurotik in den besten Lebensjahren«. Joachim Löw ist ein Gespräch bei »Occupy« zu empfehlen, um seine Elf in der Ukraine zu befähigen, Menschenrechtsplakate in den gegnerischen Strafraum zu tragen, ohne sich durch einen rollenden Ball ablenken zu lassen. Für Berlins Wowereit reicht es, wenn er die berühmte Scholochow-Trilogie liest: »Neuland erstens unterm Pflug, zweitens unterm Flug, drittens unterm Fluch«. Mario Gomez, Bayern München, muss sofort zur Linkspartei entsendet werden, um noch rechtzeitig die Haupterfahrung seines Stürmerlebens weiterzugeben: Nie wieder Doppelspitze! hades
Die Deutschen, so die französische Zeitung »Le Monde«, hätten ein gestörtes Verhältnis zum Wetter - sie fühlten sich bemüßigt, unablässig darüber zu lamentieren. Das stimmt. Aber wir haben Gründe! Die Kuh Krise ist immer noch nicht vom Eis. Und von der Regierung werden wir, was ihre Versprechen betrifft, das ganze Jahr lang in den April geschickt. So mutiert das Volk unweigerlich zum dummen August. Frau Merkel steht immer öfter im Regen, ein Sommermärchen ist der Anblick nicht. Die Opposition gebärdet sich als Sturm im Wasserglas und erzählt auch nur dauernd den Schnee von gestern. Schaut man Fernsehen, kommen die Kulturnachrichten an letzter Stelle - da weiß man gleich, woher in diesem Lande der Wind weht. Bei der LINKEN geriet ein Oberer soeben in äußerst kalte Böen - obwohl er doch gerade seinen zweiten oder dritten Frühling erlebt. Jetzt ist die gesamte Partei ein einziges Hochdruckgebiet. Oder sollte man eher von lauter Tiefausläufern sprechen? hades
In Berlin ist gerade eben das berühmte Theatertreffen zu Ende gegangen, aber die Besten waren gar nicht dabei. Die hatten sich in Hamburg versammelt, zur Deutschen Theaterfußballmeisterschaft. Endlich mal objektive Kriterien zur Bewertung von Kunst, nicht nur geschmäcklerische Einschätzungen. Essen hat übrigens gewonnen, vor Hannover und Köln. Berlin wurde mit der Mannschaft des Deutschen Theaters - na? - Letzter. Macht nix, den wahren Fan des Hauptstadtfußballs macht das nur noch Hertha. Gut, das wissen wir nun. Aber wer ist Fußballtheatermeister? Bayern, mit diesem Leidensweg von fast schon Shakespeareschem Format? Der leidende Schweini? Die sterbenden Schwäne nach dem letzten Abpfiff? Oder doch eher Hertha, mit verstörenden Darbietungen voll destruktiver Kraft? Sozusagen der Castorf unter den Vereinen. Es wird höchste Zeit, dass auch beim Fußball endlich die B-Note für den künstlerischen Ausdruck eingeführt wird. wh
Die Großen Europas jagen gerade von einem Gipfel zum anderen - erst G8, dann NATO, jetzt auch noch das EU-Spitzentreffen. Überall wird über die Führungsrolle Angela Merkels geschrieben, aber ihre Nachfolger werden daran keine Freude mehr haben. Denn schon in wenigen Jahrzehnten wird es laut einer demografischen Studie mehr Franzosen geben als Deutsche - eine Entwicklung, die der schlaue Francois Hollande auch noch durch einen Wachstumspakt beschleunigen will. Dann wird in Europa nicht mehr deutsch gesprochen (Volker Kauder), sondern französisch. Da Angela Merkel aber ebenfalls schlau ist, hat sie vorsichtshalber mit Thomas de Maizière einen Mann mit französischem Namen in ihre Regierung geholt. Man kann ja nie wissen. Auch vor diesem Hintergrund hatten die Ambitionen von Oskar Lafontaine eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Nun muss sich Dietmar Bartsch etwas einfallen lassen. Am besten, er benennt sich um: in Didier Barque. wh
Shit happens. Das weiß jeder. Erasmus von Rotterdam wusste zudem: Stercus cuique suum bene olet. Angenehm riecht einem jeden nur der eigene Mist. Wenn Steinbrück Sarrazins neues Buch »Bullshit« nennt, wird das wohl so sein. Es stinkt indes überall und allen. Unternehmen, die von Shitstorming betroffen sind, wird geholfen, so von den Revolvermännern. Ja, die nennen sich wirklich so, Deutschlands größte Agentur für Online-Reputation. Sie fischt nach rufschädigender Kritik im Internet und empfiehlt Firmen zur Imagewahrung oder -aufwertung Gegenstrategien. Vielleicht könnten diese »Cowboys« mal im Berliner Karl-Liebknecht-Haus vorbeischauen. Dort gibt es viele Kübel Mist auszuleeren. Bei den gottlosen Heiden stinkt's mächtig gewaltig. Weil sie nicht bibelsicher sind. Sonst wüssten sie: »Und du sollst draußen vor dem Lager einen Ort haben, wohin du zur Not hinausgehst. Und du sollst eine Schaufel haben und sollst zuscharren, was von dir gegangen ist.« (Moses 5, Vers 23) ves
Musiker wollen am heutigen Welttag der kulturellen Vielfalt protestieren. Nein, nicht gegen die EU-Richtlinie, nach der nun auch sie vor ihrer Musik geschützt werden sollen. Europas Beamten fanden heraus, dass 120 Dezibel bei Konzerten nicht selten sind. Das sei lauter als ein Presslufthammer. Da Geiger, Trompeter oder Schlagzeuger mit Kopfhörern wie Straßenarbeiter eine Lachnummer wären und zudem darunter das Zusammenspiel leiden könnte, wird jetzt getüftelt, welche Schallmauern im Orchestergraben angebracht seien. Anders als im Straßenbau ist musikalischer Lärm keine lästige Begleiterscheinung, sondern erklärtes Ziel, ließ hierzu ein Experte wissen. Das erinnert an viel Lärm um nichts in den Gräben der Linken. Wo aber bleibt der Gehörschutz für die gestresste, genervte Basis? Wenn das so weiter geht, geht es der Partei bald wie den Orchestern, die heute gegen ihre Schrumpfung mit vielen leeren Stühlen und Luthers Choral stöhnen: »Aus tiefer Not schrei ich zu dir.« ves
Beharrlich hält sich das Gerücht, dass einige EU-Länder eine neue Währung einführen könnten, darunter Deutschland. Guldenmark hieße deren neue Währung. Wenn Griechenland nicht den Euroraum verlässt, verlässt der Euroraum eben Griechenland. Welch ein Triumph für die letzten DM-Jünger! Angeblich 13,27 Mrd. Mark sind noch nicht in Euro umgetauscht. Gelten die dann wieder? Oder dann nicht mehr? Einige hatten dem Euro wohl bis zuletzt nicht recht über den Weg getraut. Deren Misstrauen wird jetzt zum politischen Projekt. Jedenfalls ähnelt ihre Karriere der des Kraken Paul, der vor zwei Jahren die WM-Spiele in Südafrika voraussagte. Zuerst hatte Paul die Spiele nur zutreffend getippt, zuletzt waren die Spiele so gelaufen, wie von Paul vorausgesagt. Das ist ein Unterschied. Das Ergebnis stand praktisch fest, sobald der Paul seine Wahl getroffen hatte. Ob unter den Euroskeptikern auch einige Paul heißen, weiß man nicht. Seiner Gattung machen sie Ehre. uka
Während Forscher endlich das »Gen-Rätsel der Zuckerrübe« (so dpa) gelöst haben, bleiben andere Rätsel weiter ungeklärt. Beispielsweise das Mysterium, warum die sogenannten Maskottchen internationaler Sportereignisse in immer neue Sphären des Absonderlichen vorstoßen. Angesichts der trollartigen Punk-Zwillinge, die mit ihren extrem geweiteten Pupillen (Drogen?) für die Euro 2012 werben, muss man fragen, welchem bizarren Menschen- und Jugendbild die beschlussmächtigen Fußballfunktionäre eigentlich anhängen. Da verwundert es nicht, dass die ukrainische Oppositionsführerin gegen solche menschenverachtenden Praktiken in den Hungerstreik tritt. Oder denken wir an Goleo, jenes merkwürdige Mischwesen aus Großkaninchen und Hyäne, das bei der FIFA WM 2006 in Deutschland »unten ohne« auftrat. Immerhin: Dieser Glücksbringer könnte jetzt für die LINKE interessant sein. Schließlich wäre bei Goleo sicher, dass nichts mehr in die Hose geht. ibo
Bayerns Ministerpräsident Seehofer hat großzügig Sendegenehmigung für seine nach einem TV-Interview mitgeschnittenen Auslassungen über Röttgens Wahldebakel in NRW erteilt. Ganz abgesehen davon, dass seine abschließende Das-können-Sie-alles-senden-Bemerkung zeigt, wie genau kalkuliert der angeblich nicht zur Veröffentlichung gedachte Wutausbruch des CSU-Chefs war - es hätte was, wenn Politiker anstelle ihres Geschwurbels öfter Klartext redeten. Oder eben Mikrofone und Kameras noch ein Stück weiterliefen als abgemacht. Vermutlich würde ein Zipfelchen wahren Lebens durch viele Knopflöcher scheinen. Wahrscheinlich auch manch sorgsam aufgebautes Bild vom Politiker ohne Fehl und Tadel in sich zusammenfallen. Man erführe von unterdrückten Gefühlen, gebastelten Fallen oder diktierten Bedingungen, die bislang nur unter vier oder sechs Augen offenbar geworden sind. Und würde Politik als das verstehen, was sie auch sein kann: ein knallhartes Geschäft. oer
Kraft, Stärke und Geschlossenheit hat Sigmar Gabriel als Gründe für den Wahlerfolg der SPD in Nordrhein-Westfalen genannt. Die Kraft, Hannelore, kennt man ja mittlerweile, das kann schon stimmen. Aber ob mit den anderen beiden nicht schon die nächste fette Wahllüge vor der Tür steht, das sollte mal einer genau prüfen. Stärke und Geschlossenheit haben die Leute bestimmt nicht wählen wollen, bei geschlossenen Anstalten ist der Mensch von Natur aus zurückhaltend. Viel eher dürfte die SPD mit ihrem Plakat Erwartungen geweckt haben: »Currywurst ist SPD«, hieß es da. Das scheint nun plötzlich keine Rolle mehr zu spielen. Es braucht sich niemand über Wählerwanderungen zu wundern, wenn dem Wähler nur so lange der Mund wässrig gemacht wird, wie es um die Wurst geht. Niemand hätte die SPD gewählt, wenn es »Currywurst oder SPD« geheißen hätte. Dann wäre die SPD draußen gewesen! Deshalb muss die Wurst jetzt zum Wahlprüfstein werden. Bratwurst für alle! uka
Jetzt müssen die Brandenburger mal einen Moment lang weghören: Kann es sein, dass ihr Bundesland schlicht zu klein ist für große Projekte? Cargolifter, Lausitzring, Chipfabrik - alles gescheitert. Sicher, für den Flughafen in Schönefeld wurde nur der Eröffnungstermin verschoben. Aber wie es zu einem späteren Datum klappen soll, ist längst nicht klar. Nicht nur mit dem Brandschutz gibt es Probleme. Andere Flughäfen sollen bereits Gepäckhallen reserviert haben, um aus Schönefeld fehlgeleitete Koffer zwischenzulagern. Auch für Berlin ist das alles ein Drama: Nach der Schließung von Tempelhof und bald von Tegel hat die Hauptstadt keinen Flughafen mehr auf eigenem Gebiet. Andererseits: Warum braucht Berlin einen Flughafen, wenn es auch keine Fußballmannschaft mehr in der ersten Liga hat? Es hängt eben alles mit allem zusammen. Aber sollte Otto Rehagel mit Hertha den Klassenerhalt doch noch schaffen, dann hätte er auch das Zeug, neuer Flughafenchef zu werden. jrs
Andreas Möllers berühmtes Diktum »Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!« könnte aktuell lauten: Kiew oder Kraków - Hauptsache Ukraine! Natürlich sorgt sich die deutsche Nationalelf dabei auch um die Menschenrechte. Deshalb gilt bei EM-Begegnungen in der Dnepr-Despotie ein Boykott von Krimsekt. Besonders hoch motivierte Kicker wollen diese Maßnahme ausweiten - auf Krimis. Dagegen sind - mit Blick auf die eingekerkerte Oppositionsführerin - Zöpfe ausdrücklich erwünscht, vornehmlich Mohn- und Hefezöpfe, die dann als demonstrative Geste unter die Schlachtenbummler geworfen werden. Zudem sollen die Herrschenden in Kiew via TV-Übertragung immer wieder an die »Orange Revolution« erinnert werden. Spieler mit Orangenhaut sind möglichst häufig offensiv anzuspielen. Allerdings wollen bereits etliche deutsche Balltreter den Bundestrainer nicht mehr als Diktator akzeptieren. Sie haben herausgefunden, dass der Löwe ein altes ukrainisches Wappentier ist. ibo
Anfang Juni schaut die Welt gebannt auf Göttingen. Denn die Bildungshochburg im Süden Niedersachsens - von der es heißt, sie habe keine Universität, sondern sei eine Universität - wird für ein Wochenende weit mehr als der Beinahe-Mittelpunkt der Bundesrepublik, der sie nach der deutschen Einheit geworden ist. Am 2. und 3. Juni beherbergt Göttingen zahlreiche erwartungsfrohe Gäste aus allen Ecken des einig Vaterlandes. Ob die allerdings letztlich viel mit Bildung am Hut haben oder nur ein munteres Spielchen treiben wollen, wird sich noch zeigen. Fest steht, viele der nach Niedersachsen Reisenden hoffen auf den ganz großen Sieg. Und noch nicht fest steht, wie viele davon als Verlierer in die Niederungen des Alltags zurückkehren müssen. Aber vor Hochgefühl oder Ernüchterung ist in Göttingen für zwei Tage Würfeln und Zocken angesagt, Figuren werden von da nach da geschoben, listige Fallen gestellt und Joker aus dem Ärmel gezaubert - zum 31. Spieleautorentreffen. oer
Viele Gründe gibt es, sich von Facebook fernzuhalten. Beispielsweise, dass dort Mahmud Ahmadinedschad und Günther Jauch auf Freunde warten. Trotzdem liest man lehrreiche Artikel über moderne Kommunikation, und dabei stößt man auf die Erkenntnis, dass Einträge bei Facebook so zufriedenstellend sind wie Sex. Gut, Sex wird - wie man als reiferer Mensch weiß, der abgeklärt auf das hektische Paarungsverhalten der Jugend schaut - sowieso überschätzt. Man möchte das Ganze schon als plumpen Facebook-Werbetrick abtun, doch dann liest man weiter: Auch die Zufriedenheit über gutes Essen könne durch Einträge bei Facebook ersetzt werden. Donnerwetter! Da überlegt man doch, einen Account anzulegen. (Ja, man beherrscht durchaus ein paar Fachbegriffe.) Obwohl es im Traditionsliedgut über den Menschen heißt: »Es macht ihn ein Geschwätz nicht satt.« Satt vielleicht nicht, aber immerhin zufrieden. Das ist doch in Krisenzeiten schon eine Menge. wh
Die Signalfarben einer Ampel regeln den Verkehr, das weiß jeder: Bei Rot bleibe steh'n, bei Grün kannst du geh'n. Was uns aber die Ampelmetaphorik in der Politik mitteilen soll, versteht kein Mensch. Steht Rot für Stillstand? Gelb für Unentschiedenheit? Grün für Fortschritt? Die SPD in Schleswig-Holstein will die Dänen-Ampel, obwohl sie genau weiß, was passiert, wenn einer Ampel das Licht ausgeht: Dann gilt rechts vor links. Wie irreführend die politische Farbenlehre sein kann, bestätigt ein Blick nach Frankreich: Sechs Prozent der Wähler folgten dort Marine Le Pens Aufruf zu einem »weißen Votum« und gaben unausgefüllte Stimmzettel ab. Die Farbe der Unschuld im Dienst von Nationalisten: armes, wehrloses Weiß. Bedenklich auch, dass gerade Borussia Dortmund seine Fans zur Beteiligung an der NRW-Wahl aufruft. Ausdrücklich erst, nachdem die Wahllokale geschlossen sind, soll am kommenden Sonntag die Meisterfeier beginnen - ganz in Schwarz-Gelb. mha
Die Sternstunden der deutsch-griechischen Freundschaft liegen unwirklich weit in der Vergangenheit. So jedenfalls scheint es heute, da im bankrotten Hellas schwarz-rot-goldene Flaggen abgefackelt werden. Dabei ist es gerade mal acht Jahre her, dass die griechische Mannschaft Arm in Arm mit ihrem deutschen Trainer den Gewinn der Fußball-EM feierte. Aber ach, aus »Rehakles« ist längst wieder »König Otto« geworden. Statt Athen die Treue zu halten, bewahrt er Berlin vorm ungebremsten Absturz. Der einzige unverdrossene Mensch, der - umnebelt von zähem Bier- und Brutzeldunst - das Ideal der griechisch-deutschen Verbrüderung hochhält, heißt Costa Cordalis. Während in seinem Geburtsland die gebeutelten Wähler zu den Urnen drängten, machte der Schlagersänger sich bei den Deutschen Grillmeisterschaften um die Völkerfreundschaft verdient. Brecht nicht halbverdaute Bratwurst, rief er den proppensatten Besuchern zu - brecht den Sirtaki-Weltrekord! mha
Wie die NASA bekanntgab, hat ein Schwarzes Loch erneut einen Stern verschlungen, einen roten Riesen. Und jetzt drohen an den kommenden beiden Wochenenden auch noch Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Dort ist die LINKE kein roter Riese, sitzt bislang aber mit 6,0 bzw. 5,6 Prozent in den Landtagen. Nicht die Sternengucker der NASA, sondern die von Forsa sagen ihr nun ebenfalls ein Verschlingen voraus. Die beiden Vorgänge sind drei Milliarden Lichtjahre voneinander entfernt und haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Doch es gibt Gemeinsamkeiten: Kaum jemand versteht solche Ereignisse und wie sie sich anbahnen. Und sind sie erst einmal passiert, versteht man noch weniger. Was verschlungen ist, lässt sich nicht mehr beobachten. Das liegt am Ereignishorizont, der die Schwarzen Löcher umgibt. Sterne, die weiter existieren wollen, müssen daher auf ihren Kurs achten und den Schwarzen Löchern ausweichen. Bis zur letzten Sekunde. jrs
Jüngste Angaben des Bundestages enthüllen, warum Peer Steinbrück zuweilen mit Schatten unter den Augen herumläuft. Der ehemalige Bundesfinanzminister ist eines der erfolgreichsten Mitglieder des Hohen Hauses, was deren Nebeneinkünfte betrifft. Eine Art Schattenwirtschaft unterhalb der Plenarebene. Im langen Schatten des Reichstages gedeiht so manches Geheimnis, das irgendwann ausgesprochen werden will. In den zweieinhalb Jahren dieser Legislaturperiode hat Steinbrück bereits 75 Vorträge im höchsten Einkunftsniveau, also ab 7000 Euro Honorar, angegeben. Doch wahrscheinlich wird er sein gewichtiges Wort nicht unter dem eigenen Marktwert verkaufen, der liegt angeblich bei 15- bis 20 000 Euro pro Vortrag. Peer Steinbrück, einer der Verfechter von Hartz IV, macht vor, wie sozial das System für Aufstocker wirkt, wenn man es richtig verstanden hat. Dieses Fachwissen dürfte ihm auch einen Platz im nächsten Schattenkabinett der SPD sichern. uka
Operationen am Kinn sind der Renner der Schönheitschirurgie. In den USA stieg die Zahl der Operationen im letzten Jahr um 71 Prozent, auf jeweils etwa 10 000 bei Frauen und Männern. Vermutlich dauert es nun nicht mehr lange, bis auch der Europäer die Vorzüge eines freiheitlichen und selbstbestimmten Aussehens erkennt. Ein starkes und straffes Kinn gelte als charakteristisches Zeichen von Macht und Stärke, erläutern die Fachleute das Motiv vieler ihrer Patienten. Jeder Arzt wird damit zum Wächter über die Kinnhaftigkeit des Seins. Das Glaskinn zum Selbstzertrümmern könnte dem Boxer die Angst vorm K.o., das Holzkinn dem Wanderer die Angst vor der kalten Nacht nehmen. Ob Kinn oder Unkinn - der Arzt wird zum Kinnladenhüter. Doch auch Lippen- und Wangenimplantate werden in den USA immer häufiger verbaut. Das ist wahrer Fortschritt, die Maske, die unter der Haut zu tragen ist. Ist das der Grund, weshalb die FDP so blind auf Christian Lindner vertraut? uka
»Der Eine also offenbar öde, der Andere allem Anschein nach langweilig. Das sind, für sich genommen, zwei schreckliche Schicksale, und meiner Ansicht nach ist es für keinen von beiden länger tragbar, das allein durchzustehen. Was aller Welt als öde hier und langweilig da bekannt ist, sollte konsequent sein und daraus den größtmöglichen Nutzen ziehen. Das Öde sollte sich mit dem Langweiligen verbünden!« So steht es im Brief einer Schottin. Sie ruft auf, zwei Orte mögen sich irgendwie zusammentun: das schottische Dörfchen Dull (zu deutsch: »Öde«) und die US-Kleinstadt Boring (übersetzt »Langweilig«). Da beide Orte für eine Städte-Partnerschaft zu klein sind, bleibe nur zu klären, »wie man die Sache offiziell nennt«. Deutschland hätte da überhaupt keine Probleme. Dafür, dass das Öde mit dem Langweiligen eine Verbindung eingeht, stehen klare Bezeichnungen zur Verfügung. Die geläufigsten sind Wiedervereinigung, Bündnis für …, Einheitsfront und Koalition. hades
Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) hat die Arbeit der eigenen Regierung gelobt: Sie sei nach zweieinhalb Jahren doppelt so aktiv gewesen wie die vorausgegangene Große Koalition in ihrer gesamten Amtszeit. In ihren bisherigen Sitzungen habe die schwarzgelbe Regierung insgesamt 1125 Kabinettsvorlagen verabschiedet, mit einer durchschnittlichen Sitzungsdauer von 39 Minuten. Da Pofalla dies anlässlich der 100. Kabinettssitzung bekanntgab, wissen wir nun: Pro Vorlage verbraucht die Regierung exakt 3 Minuten und 26 Sekunden. Wow! Das ist eine durchaus athletische Leistung - so lange muss man erst mal winken können! In seiner Statistik rüffelt Pofalla aber auch weniger aktive Regierungsmitglieder: Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) hat noch keine einzige Vorlage mit mündlicher Begründung eingebracht. Das ist verständlich: Er ist das am häufigsten fehlende Kabinettsmitglied. Manchmal wünscht man sich allerdings die ganze Regierung voller Niebels. jrs
»Es ist recht zugig in dieser Gesellschaft, ein frischer Wind ist das nicht, der hier weht.« Ein Wort vom Dichter Herbert Achternbusch. Es darf angezweifelt werden, dass er damit auf das hinweist, was soeben eine Statistik sagt: Deutschland habe die meisten »Tage der offenen Tür« in Europa. Theater, Parlamente, Ministerien - solche Tage des Einblicks haben eine Konjunktur, dass man argwöhnen muss, wir lebten schon wieder in einer geschlossenen Gesellschaft. Statt Freiheit nur immer Freigang. Geht das so weiter mit dem Faible für offene Tore, wird bald jede Entlassung eines Gefängnisinsassen zum Kulturevent. Und die Bundesliga meldet Ergebnisse, von denen ein Dirk Nowitzki am Basket nur träumen kann. Auf die Weise ist Deutschland immerhin beschäftigt und vor allem ausgebucht: Keine Chance für einen wirklich benötigten Tag. Den es nicht gibt und wohl nie geben wird, weil sich so viele Menschen vor ihm fürchten. Die Rede ist vom Tag der offenen Fragen. hades
Vor der Stichwahl zur französischen Präsidentenwahl hat Nicolas Sarkozy in einem Interview gesagt, er habe viel gelernt aus Albert Camus‘ »Mythos des Sisyphos«. Der Dichter schrieb, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Von dieser »Unermüdlichkeit« könnten, so der Louis de Funès vom Élysée-Palast, auch Politiker lernen. Diese Äußerung kommt einem Offenbarungseid gleich. Denn was tut jemand, der Sisyphos als Vorbild betrachtet? Er erklärt sich solidarisch mit völlig nutzloser Arbeit. Er hält es für eine Leistung, ständig etwas vor sich herzuschieben - und mit solcher Haltung bis ganz nach oben kommen zu wollen. Er ist gierig auf jeden Stein, den man dem gerechten Gang der Dinge in den Weg legen könnte. In einem entscheidenden Punkt freilich unterscheidet sich der robuste Politiker vom erbarmungswürdigen S. Der wälzte seinen Stein, während Parlamentarier und Funktionäre meist etwas ganz anderes tun. Sie wälzen Probleme - und zwar ab. hades
Altbundespräsident Christian Wulff - seit Februar mit seiner Herabstufung befasst - bekommt es jetzt mit einem seiner diversen Upgrades aus längst vergangenen Tagen zu tun. Nicht nur in einem Flugzeug, auch in einem Münchener Fünf-Sterne-Hotel war er nebst Gattin in den Genuss jener Hochstufung gekommen, die dem offenbar ewig klammen niedersächsischen Ministerpräsidenten das Leben versüßen sollte. Kumpel Groenewold hatte dem unter Käuflichkeitsverdacht stehenden CDU-Politiker einst beispringen wollen und eidesstattlich behauptet, den Differenzbetrag zwischen der ursprünglich gebuchten Suite und dem noch besseren Etablissement übernommen zu haben. »Bild« will jetzt aus Justizkreisen erfahren haben, dass Wulff die Heraufstufung vom Hotel gratis bekam. Das wäre schlecht für den Eid-Genossen - nicht aber für das »Wulffen« an sich. Das nächste Mal dürfen dessen Anhänger eben nicht den Überblick verlieren und wirklich nur die großen Tricksereien vertuschen. oer
Fünfzehn Sekunden Stille zum heutigen Weltlärmtag - das ist doch ein hoffnungsvoller Anfang. Kein lästiges Bohrgeräusch in der Etage unter uns, kein Hupen von der Straße, keine laute Musik, keine Sirenen und Fanfaren - und vor allem ein Moment weltweiten Schweigens der Zeitgenossen. Was für eine beruhigende Aussicht für Gegner von Nachtflügen, Anwohner von Kreuzungen, jahrelang umsonst für eine Lärmschutzwand Kämpfende. Wenigstens fünfzehn Sekunden Ruhe. Und überdies: In der Union keine Debatte über das Betreuungsgeld, bei der SPD keine zur K-Frage und bei der Linkspartei keine über die künftige Führung. Für Sekunden Einhalt, bevor das übliche Stimmengewirr wieder los geht, bei dem die Leiseren sich ohnehin nicht durchsetzen können und sowieso kaum noch einer ernsthaft zuhört. Viel Lärm um nichts. Oder zumindest um nicht so viel, wie manch Schreihals meint. Viel Lärm, der krank macht - und bei weitem nicht nur die Ohren. oer
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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