/ Berlin

Frauen fordern mehr Tempo beim Radgesetz

Sexistische Beschimpfungen durch Autofahrer sind für viele Radlerinnen Alltag

»So oft wie auf dem Fahrrad werde ich nirgendwo als Schlampe oder Fotze beschimpft«, sagt Johanna Dickershoff. »Daran wird deutlich, dass es im Straßenverkehr noch an Zivilisation fehlt und das Recht des Stärkeren zu gelten scheint.« Dickershoff ist Mitinitiatorin des Radentscheids. Die Initiative hatte 2016 mit einem Entwurf für ein Fahrradgesetz und der Unterschriftensammlung für ein entsprechendes Volksbegehren eine breite Debatte darüber ausgelöst, ob die heutige flächenmäßige Bevorzugung des Autoverkehrs wirklich noch zeitgemäß ist.

»Als Radfahrerinnen wollen wir uns im Straßenraum bewegen, ohne jeden Tag aufs Neue den unfairen Kampf mit Autofahrern austragen zu müssen«, sagt auch Kerstin Stark. Sie gehört zum Verhandlungsteam der Radaktivisten mit dem Senat über ein neues Radgesetz. »Die Schonfrist der Automachos muss endlich vorbei sein«, fordert sie. »Flächendeckend baulich getrennte Radwege und ein klares politisches Signal, dass Radfahrende den gleichen Anspruch auf öffentlichen Raum haben«, das würde zumindest helfen, glaubt Stark.

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben Stark, Dickershoff und andere beim Radentscheid engagierte Frauen am Donnerstag eine Online-Petition auf den Weg gebracht. Sie richtet sich unter dem Titel »Zeigen Sie Automachos klare Kante. Sorgen Sie für faire und sichere Verhältnisse!« an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller, Innensenator Andreas Geisel, Fraktionschef Raed Saleh (alle SPD) sowie Antidiskriminierungssenator Dirk Behrendt (Grüne).

»Die Entscheidung zu der Petition ist vor einigen Wochen gefallen«, sagt Stark. Die Geschichten hätten sich gehäuft. »Es gibt eine besondere Qualität der Aggressivität gegenüber Frauen«, so die Radaktivistin.

Tatsächlich stellen Männer hinterm Steuer die erdrückende Mehrheit der Regelbrecher. Für strafbare Alkoholverstöße sowie unzulässiges Überholen, Begegnen oder Vorbeifahren waren nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes 2015 zu 92 Prozent Männer verantwortlich. Sie begehen auch 77 Prozent aller Tempoverstöße. Etwas ausgewogener ist das Geschlechterverhältnis in der Studie »Verkehrsklima in Deutschland 2016«, die im Auftrag der Unfallforscher der Versicherer entstanden ist. In der Befragung räumen Männer dennoch häufiger aggressives Verhalten ein als Frauen.

»Automachos sind eine radikale Minderheit unter den Autofahrern, aber sie schüren die Aggressivität im Verkehr«, heißt es in einer Mitteilung des Radentscheids zu der Petition.

Bereits nach wenigen Stunden haben über 200 Menschen die Petition mitgezeichnet, darunter auch viele Männer. Es sei an der Zeit, »die alltägliche Diskriminierung im Straßenverkehr beim Namen zu nennen«, begründet der Anwalt Peter Feldkamp auf der Internetseite seine Unterstützung.

Hintergrund der Petition ist der Unmut der Aktivisten des Radentscheids, aber auch des Fahrradclubs ADFC, dass das Radgesetz deutlich später fertig wird, als ursprünglich angekündigt. Ende Juli ist eine weitere Verhandlungsrunde zwischen Senat sowie Initiativen und Verbänden angekündigt. »Wir hoffen auf gute Fortschritte«, sagt Stark.