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Rote Linie gegen Braunkohle im Rheinland

3000 Menschen beteiligten sich an größter Protestaktion im Hambacher Forst / »Ende Gelände« wertet Blockade der Kohleinfrastruktur als Erfolg

Von Sebastian Weiermann, Erkelenz

Dichter Nebel liegt über dem Klimacamp bei Erkelenz. Auf der großen Campwiese sieht man die eigene Hand vor Augen nicht. Aber überall laufen emsige Vorarbeiten für den zentralen Aktionstag gegen die Braunkohleverstromung an diesem Samstag. Die, die zur »Ende Gelände«-Aktion gehen wollen, besorgen sich noch schnell einen weißen Maleranzug und besprechen sich in ihrer Kleingruppe. Andere füllen die Satteltaschen ihrer Fahrräder mit Wasser und Essen auf oder bringen politische Botschaften an den Rädern an. An der Landstraße, die zum Camp führt, herrscht ein munteres Chaos. »Habt ihr noch einen Platz zur Roten Linie?« oder »Wer mit will zu ‘Kohle erSetzen’, wir haben noch drei Plätze frei«, sind Sätze, die oft zu hören sind. Da das Klimacamp nur einen sehr ungünstig gelegenen Platz bekommen hat, steht erst einmal ein logistischer Kraftakt vor den Organisatoren. Das Rheinische Braunkohlerevier ist groß und am Samstag war Protest an unterschiedlichen Orten geplant.

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Zur größten Aktion wurde die »Rote Linie« im Hambacher Forst. Nach Angaben der Polizei beteiligten sich 3000 Menschen daran. Symbolisch zogen sie eine Linie zwischen der Abbaukante des Tagebaus und dem verbliebenen Stück des Hambacher Forstes, der Jahrzehnte lang als Naherholungsgebiet für die Menschen in der Region diente. Nachdem die Linie gezogen war, gingen die Demonstranten nach Manheim, um eine Kundgebung abzuhalten. In dem Ort mit einstmals 1700 Einwohnern leben heute nur noch knapp 500. Von ihnen sind nur wenige gekommen, ein Aktiver einer Bürgerinitiative spricht davon, dass sich viele nicht trauten, da sie noch mit RWE verhandelten. 2024 soll Manheim der Braunkohle zum Opfer gefallen sein.

Während es bei der »Roten Linie« eher gemächlich zuging und sich neben zahlreichen Vertretern von Umweltverbänden auch die Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt am Protest beteiligen, setzte das Jugendbündnis »Kohle erSetzen« auf zivilen Ungehorsam. Neben den Radfahrern, die am Morgen vom Klimacamp aufbrachen, nahmen noch drei weitere Gruppen an den Zufahrten des Kraftwerks Neurath Platz. Mehrere Stunden hielten die friedlichen Sitzblockaden, bis die Aktivisten in die Gefangenensammelstelle der Polizei gebracht wurden.

Mit der größten Spannung wurde allerdings die Aktion des Bündnisses »Ende Gelände« erwartet. Sollte es, wie vor zwei Jahren, wieder Hunderten Menschen gelingen in eine Braunkohlegrube einzudringen und Bagger zum Anhalten zu zwingen? Dass eine solche Aktion eher unwahrscheinlich war, wurde am Samstag früh klar. Die 1500 bis 2000 Aktivisten verlagerten ihren Startpunkt vom Klimacamp zu einem kleineren Camp bei Bedburg. In Sichtweite von drei Kohlekraftwerken begann ein zweistündiger, etwa zehn Kilometer weiter Marsch, auf dessen Weg mehrere Polizeiabsperrungen umgangen und durchbrochen wurden.

Ziel von »Ende Gelände« war die sogenannte Hambachbahn, die die Kraftwerke mit Kohle versorgt. Erst wenige Meter vor der Gleisanlage versuchte die Polizei ernsthaft die Demonstranten zu stoppen und ging dabei äußerst rabiat vor. Trotzdem schafften es mehrere Hundert Aktivisten auf die Schienen. Dort angekommen herrschte Feierstimmung: »Ich war gestern auf der Schiene und heute schon wieder, so können wir die Kohleinfrastruktur lahmlegen«, erklärte eine Aktivistin gegenüber »nd«. Zu einer Besonderheit kam es später bei der Räumung. Die Polizei ließ zwei Züge von RWE kommen und trug die Aktivisten in die Waggons. Zu gefährlich wäre es gewesen, sie den steilen Bahndamm herunterzuführen. Laut einem Polizeiführer keine Premiere – beim Castor-Transport hab er so etwas schon einmal erlebt.

Das Bündnis »Ende Gelände« zieht ein positives Fazit der Aktionstage am Freitag und Samstag. Man sei erfolgreich gewesen und habe »genau das getan«, was im Vorfeld angekündigt wurde, nämlich die Infrastruktur der Kohleverstromung lahmgelegt. Im Rheinischen Braunkohlerevier würden die Orte, an denen man für Klimagerechtigkeit kämpfen kann, konkret. Janna Aljets, Sprecherin des Bündnisses, freut sich, im November wieder Aktivisten begrüßen zu dürfen: Wenn in Bonn die UN-Klimakonferenz stattfindet, will man wieder die Kohleinfrastruktur angehen.