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»Wir lassen uns nicht unsichtbar machen!«

Kampagne für die in Ecuador entführten Medienarbeiter läuft auf Hochtouren

Von Ani Dießelmann

Es kommt Bewegung in den Entführungsfall an der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze: Am Dienstag ist im kolumbianischen Fernsehsender RCN ein Video gezeigt worden, in dem die drei entführten ecuadorianischen Journalisten eine Botschaft ihrer Geiselnehmer an Ecuadors Präsidenten Lenín Moreno übermitteln. Darin wird die Freilassung dreier Gefangener aus ihrer Gruppierung sowie die Beendigung der Abkommen mit Kolumbien im Kampf gegen die Drogen gefordert - im Tausch gegen die Freiheit der Entführten.

Unterdessen fordert die Kampagne nosfaltan3 (Es fehlen uns drei) die unversehrte Heimkehr nahe der Grenze zu Kolumbien entführten Journalisten Paúl Rivas, Javier Ortega und ihres Fahrers Efraín Segarra. Die Journalisten hatten in einer Kirche Interviews mit der Bevölkerung geführt, um über den bewaffneten Konflikt in Kolumbien, den Drogenhandel und Menschenrechtsverletzungen zu berichten. »Geschichten, die nur durch die Arbeit einer freien Presse ans Licht gebracht werden können«, erläutert Santiago Cadena von nosfaltan3 gegenüber dem »nd«.

Die Kampagne begann als ein Zusammenschluss unter Journalisten und Angehörigen und wächst seitdem Tag für Tag. Künstler, Intellektuelle und selbst Politiker aller Parteien schlossen sich bereits an, um die drei Mitarbeiter von »El Comercio« sicher und wohlbehalten wieder zu bekommen. Cadena: »Wir machen Demonstrationen, Kundgebungen, sammeln Unterschriften und sind in den sozialen Netzen aktiv, um damit den politischen Preis in die Höhe zu treiben.«

Auch deswegen haben die Angehörigen entschieden, die Namen der Entführten zu veröffentlichen - entgegen der Anweisung der Regierung. »Wir wollen den Entführern zeigen, dass die drei Personen Menschen mit Namen und Familien sind«, erklärt ein Angehöriger, der nicht namentlich erwähnt werden will. Die Kampagne unterstützt die Angehörigen und hilft ihnen, mit der Angst und der Hilflosigkeit umzugehen. Auch dafür ist die öffentliche Kampagne ein wichtiges Element: »Wir lassen uns nicht unsichtbar machen!« Die Regierung habe deutlich gezeigt, nicht Herr der Lage zu sein, weswegen sie selbst entschieden mussten. Die zuständigen offiziellen Stellen hatten die Angehörigen lediglich vertröstet. Mit der Geheimhaltung würde die Regierung ihnen Sicherheit vorgaukeln. Die Angehörigen und die Mitglieder der Kampagne allerdings vertrauen eher auf politische Solidarität als auf militärische Lösungen.

Das ecuadorianische Innenministerium hatte nur bekannt gegeben, Verhandlungen mit den Geiselnehmern zu führen. »Sie sind wohlauf«, behauptete Innenminister César Navas: »Mehr Informationen können wir nicht geben.«

Derweil erklärten zahlreiche nationale wie internationale Tageszeitungen und Nichtregierungsorganisationen ihre Solidarität mit den entführten Journalisten und forderten den ecuadorianischen Staat zu raschem Handeln auf. Die Kampagne fordert eine Kommission aus Regierung, Angehörigen, Rotem Kreuz und kirchlichen Vertretern zur Aufklärung des Falls und die Präsenz der Regierung in der Region.

Cadena hat allerdings grundlegende Kritik: »Wir wollen eine Regierung, die Sicherheit für Journalisten garantiert.« Die Entführten gehören zu einer großen Mehrheit von Freelancern. Die Regierung schiebt ihnen selbst Verantwortung zu, da sie in eine solch gefährliche Region gefahren sind. Allerdings ist laut dem selbst als freier Journalist arbeitenden Cadenas unabhängige Berichterstattung nur dank des Engagements und des Mutes weniger Kollegen möglich. Rivas, Ortega und Segarra waren in die Grenzregion gefahren, um über den Anstieg von gewalttätigen Auseinandersetzungen zu berichten. Erst im Januar hat dort eine Autobombe 23 Personen verletzt - vermutlich von Alias Guacho verursacht, einem aus Ecuador stammenden ehemaligen FARC-Kommandanten. Laut der kolumbianischen Vereinigung für Pressefreiheit (FLIP) könnte der in den Kokainhandel der Region verstrickte Dissident für die Entführung verantwortlich sein. Gaucho führe die Dissidenten im Süden Kolumbiens sowie Ecuadors an und kontrolliere vermutlich auch die Kokainproduktion im angrenzenden kolumbianischen Departamento um Tumaco.