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SDS protestiert vor Springer-Haus

Linker Studierendenverband: Berichterstattung von »Bild« befeuert rechtsradikale Angriffe

»Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!«, hieß es auf der »Bild«-Titelseite vom 7. Februar 1968. Damit keine Missverständnisse aufkommen konnten, präzisierte das Boulevardblatt des Axel-Springer-Konzerns in den folgenden Zeilen: »Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen!« Neben dem Artikel das Foto von Rudi Dutschke, erklärter »Staatsfeind Nr. 1«. Einige Wochen danach, am 11. April, schoss der rechtsradikale Josef Bachmann auf den Studentenführer. Dutschke starb Jahre später an den Folgen der Kopftreffer, die empörte außerparlamentarische Bewegung machte die Hetze der »Bild« für das Attentat mitverantwortlich.

Der Studierendenverband »Die LINKE.SDS« nahm am Dienstagabend den 50. Jahrestag des Angriffs zum Anlass, um erneut auf die Rolle des Blattes – trotz Rückgangs immer noch mit einer Auflage von mehr als 1,6 Millionen verkauften Exemplaren und mit ungebrochen hohem Einfluss in der Bevölkerung – aufmerksam zu machen.

Rund 20 Aktivisten besuchten dafür zu später Stunde das Axel-Springer-Hochhaus in der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße. Sie projizierten eine unmissverständliche Botschaft an die Außenwand: »50 Jahre Hetze – ›Bild‹ bleibt tödlich«. Auf der Projektion waren neben der Aufschrift ein Fahrrad und eine Aktentasche abgebildet – Symbole für das Attentat, ein Foto mit beiden Gegenständen Dutschkes vom Unglücksort ging damals um die Welt.

Für Rhonda Koch, die Bundesgeschäftsführerin des SDS, hat das Springer-Blatt heutzutage nichts von seiner Gefährlichkeit verloren. »2017 gab es 922 rechtsextreme Angriffe in Deutschland, die Berichterstattung der ›Bild‹ hat diese mit befeuert«, sagte sie gegenüber »nd«. »Ihre menschenverachtende Ideologie entlädt sich in Hass.« Die Zeitung produziere nach wie vor eine Stimmung, die Rechtsradikale aufgreifen könnten.

Die SDS-Aktivisten bauten 68 rote Kerzen vor dem Eingang des Springer-Hauses auf. »Wir gedenken damit Rudi und allen, die von der ›Bild‹ kaputt gemacht werden: Frauen, Flüchtlinge, Hartz-IV-Empfänger, Muslime, Linke«, so Koch. Die SDS-Geschäftsführerin beklagte, dass die Zeitung die »Unterdrückten« gegeneinander ausspiele und gleichzeitig auf ihre Kosten Profit mache – »ohne Rücksicht auf Verluste«.

Ein Blick in die jüngste Berichterstattung der »Bild« zeigt, dass die Kritik des SDS nicht abwegig ist. Vermeintliche G20-Demonstranten – darunter eine 17-Jährige – wurden im vergangenen Dezember mit der Ablichtung von Fahndungsfotos an den Pranger gestellt, Sexismus und Linkenhass kulminierten in Zuschreibungen wie »Krawallbarbie«, Redakteure riefen die Bevölkerung zur Denunziation von Verdächtigen auf. Es gab fünf Beschwerden beim Presserat, die jedoch im März abgewiesen wurden.

Die Berichterstattung der »Bild« traf und trifft regelmäßig auch andere: Ob die Verunglimpfung von »Sozialschmarotzern« und »Asylbetrügern«, ob die Degradierung von Frauen zu »Miezen« und »Girls« – die Zeitung schießt vor allem gegen die, die nicht zu den Gewinnern der Gesellschaft gehören, mitunter ohne Faktenprüfung. Das Webprojekt bildblog.de hat Dutzende Beispiele parat.

Rhonda Koch sieht auch die gesellschaftliche Linke in der Verantwortung, sich wieder verstärkt mit Medienkritik auseinanderzusetzen. »Die ›Bild‹ versucht jede linke Protestbewegung bereits im Keim zu ersticken, dennoch machen Linke die Rolle der Medien heute kaum noch zum Thema«, sagte die SDS-Geschäftsführerin. »Man überlässt die Kritik damit den rechten ›Lügenpresse‹-Rufern.«

Zu kritisieren gebe es dabei viel, beispielsweise bei der »Bild«. Am 50. Jahrestag der Schüsse auf Dutschke veröffentlichte die Zeitung auf ihrer Webseite ein Video mit dem Unternehmensarchivar Rainer Laabs. Dieser zeigt in einem dreiminütigen Clip vor allem Fotos mit den Resultaten der Proteste, die im Anschluss an das Attentat vor dem Springer-Haus stattgefunden hatten. Zerstörte Scheiben, ein Mitarbeiter, der Glassplitter abbekam. Auf die Übernahme von Verantwortung wartet man vergebens. Die »Bild« zieht es vor, sich als Opfer zu inszenieren.

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