/ Das kann weg

Hosen

Leo Fischer über Zwieback, Zivilisationsbruch und die Verteidigung der Sicherheit Deutschlands beim Badespaß

Das war die Botschaft dieser Woche: Die deutsche Erinnerungskultur, für die man sich hierzulande gerne und mit beiden Händen selbsttätig auf die Schultern klopft, findet ihr natürliches Ende in der Badehose von Alexander Gauland. Jawohl, wir haben unsere Lehren aus der Geschichte gezogen - aber wenn die Würde eines Holocaustrelativierers angegriffen wird, dann ist das wiederum selbst schon ein »kleiner Zivilisationsbruch«, wie es Jochen Bittner von der »Zeit« formulierte, kann also nur mit einer Vokabel beantwortet werden, die die Shoa meint. Einen Holocaustrelativierer mit einer Holocaustrelativierung verteidigen, weil jener Opfer eines Streichs wurde, und sich dann wie Bittner scheinheilig über eine »Verrohung des politischen Klimas« aufregen - das ist wahrscheinlich die Art Liberalität, die in einer »Zeit« gepflegt wird, die einen unschuldig dreinblickenden deutschen Schäferhund als Opfer wutkläffender Auslandsmächte aufs Titelblatt hievt. »Entwürdigend« fand das Foto auch Ulf Poschardt, dessen Springer-Verlag keine Probleme damit hat, in den sozialen Medien nach Fotos zu Tode gekommener Kinder zu suchen, um sie den trauernden Eltern noch unter die Nase zu reiben.

Späterhin schränkte Bittner den »Zivilisationsbruch« ein - er habe lediglich den zivilisatorischen Konsens gemeint, beziehungsweise den »Verlust der Zivilisiertheit auf beiden Seiten«. Wörter bedeuten für diesen Journalisten anscheinend überhaupt nichts, beziehungsweise je nur das, was er im nachhinein gemeint haben will. Zivilisation, Zivilisiertheit, Holocaust - alles dasselbe. Er könnte auch noch den Verlust der Zivilehe, des Code civil und des Zwiebacks beklagen.

Auf beiden Seiten wurden also Fehler begangen. Gauland hat sechs Millionen ermordete Juden als »Vogelschiss« abgetan, jemand hat ihm dafür die Klamotten geklaut - eine Tat, die, wenn Bittners Sohn sie beginge, ein tadelndes Gespräch und zwei Wochen Hausarrest nach sich zöge, in der nun aber, die Sicherheit Deutschlands wird auch beim Badespaß verteidigt, der Staatsschutz höchstselbst ermittelt. Außerhalb rein »diskursiver Ächtung« möchte Bittner gegen Gauland nichts vorbringen; die Frage, ob dessen Äußerungen für einen Staatsschutz, der seine Aufgaben ernst nähme, selbst schon relevant wären, kommt ihm gar nicht - so weit geht schon die Identifikation mit dem »alten Mann«, der ja letztlich nur provokante Dinge sagen will, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Man erinnert sich daran, dass Jochen Bittner mal gegen Satiriker vor Gericht zog, weil sie ihm Interessenkonflikte als Journalist und Mitarbeiter von Lobbyorganisationen vorwarfen - des einen diskursive Ächtung ist eben des anderen Prozesshanseltum.

Offenkundig geht bei Bittner und Poschardt die Angst um, schon bald selbst ohne Hosen dazustehen, denn beide wissen auf mindestens halbintuitiver Ebene, dass sie sich den Positionen Gaulands künftig eher noch weiter anähneln werden müssen, sollen ihre Formate wirtschaftlich überleben. Bittner verteidigt in Kolumnen schon mal »Tichys Einblick«, ein rechtskonservatives Independent-Projekt, das mit Gruselgeschichten über Flüchtlinge inzwischen besser verdient als viele Traditionszeitungen - diese Tür will man sich gern offenhalten. So schützt man schon heute die Positionen, die man morgen beziehen möchte.

Aber auch strukturell gibt es Sympathien, seit die Arbeit von Journalisten und Rechtspopulisten eine gemeinsame und arbeitsteilige geworden ist. Auch Bittner muss sich ja jede Woche mit steilen Thesen hinauswagen, das Gelände testen, die Grenzen des Zumutbaren ausloten und Stimmen respektive Klicks einfangen; eine Arbeitsplatzbeschreibung, die mit der Gaulands im Wesentlichen identisch ist. »Diskursive Ächtung« ist da gewünscht, Teil des Spiels; auch Bittner retweetet stolz die Artikel, die ihn kritisieren. Nur eins darf dabei nicht passieren: Konsequenzen in der wirklichen Welt. Auch Bittner möchte bitte nicht auf seine Texte angesprochen werden, im Restaurant möchte er weiter bedient werden und seine Hosen anbehalten; der zivilisationäre Konsens gebietet, dass niemand für seine Worte ernstgenommen werden darf. Noch ziviler im Sinne der zivilisierten Zivilisation wäre nur, wenn beide, Bittner und Gauland, ihre Tätigkeit endlich einstellten. Dann wären auch ihre Hosen wieder sicher.