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»Tschechow war schön«

Viktorija Tokarjewa und die Männer ihres Lebens

Das Foto auf dem Buchumschlag zeigt sie lächelnd, jung. Aber vielleicht war sie auch schon über 50, als Isolde Ohlbaum sie vor die Kamera bekam. Und so stellt man sie sich auch als Ich-Erzählerin dieses Bandes vor, auch wenn man weiß, dass Viktorija Tokarjewa inzwischen das 80. Le-bensjahr vollendet hat. Sie ruht in sich, und das war ihr womöglich schon viel früher so gegeben. Dem Tag lebensfroh und mit Elan zu begegnen, offen zu sein für alles Neue, das er bringt, das ist eine Gabe. Die hat man eben oder nicht. Sie hatte nie Scheu, auf andere zuzugehen, so, dass sie freundlich auf ihre Freundlichkeit antworteten. Ja, auch darum bitten konnte sie, so wurde ihr geholfen.

Ihr Weg in die Literatur begann damit, dass sie als junge Lehrerin einen Kinderbuchautor in ihre Schule einlud. Sergej Michalkow war allseits berühmt (von ihm stammte auch der Text zur sowjetischen Nationalhymne); also rief sie ihn an, und er sagte zu. Damit begann eine lang währende Bekanntschaft. Er war 24 Jahre älter als sie, eine Art Vater. Sie wünschte sich einen Studienplatz an der Moskauer Filmhochschule, er rief den Rektor an. Als Präsident des Schriftstellerverbandes der RSFSR war Michalkow dafür bekannt, dass er ein offenes Ohr hatte. »Er besorgte Wohnungen, fand Arbeitsplätze, organisierte Betten in Krankenhäusern, holte Leute aus dem Gefängnis, stoppte Denunziationen.« Warum er sich dermaßen in Stücke reißen lasse, hat ihn die Autorin gefragt. »Ich b-b-baue an meinem Leben nach der Beerdigung«, antwortete er, der bekanntlich ein Stotterer war. Allein diese kleine Episode, offenbart viel über die UdSSR mit ihren Widersprüchlichkeiten.

Ein autobiographischer Text über das Werden einer Schriftstellerin, aufrichtig, offen, lässt er doch manches in der Schwebe. »Wladimir Woinowitsch hat mich in die Literatur geschubst. Und Georgij Danelija hat mir die Tür zum Film geöffnet und ist Hand und Hand mit mir hindurchgegangen.« Konstantin Simonow war so freundlich, ihr zur Veröffentlichung ihrer ersten Erzählung ein Geleitwort zu schreiben. Und dann traf sie den Schweizer Verleger Daniel Keel. Beim Diogenes-Verlag hat sie inzwischen mindestens ein Dutzend Erzählungsbände herausgebracht, zuletzt »Auch Miststücke können einem leidtun«, aber sie trägt die Nase nicht hoch, sondern gedenkt in Dankbarkeit jenen, die ihr geholfen haben. In einer männlich dominierten Gesellschaft sind das eben Männer gewesen. Sie spürten ihre Gutherzigkeit.

Freundlich spricht sie von Gorbatschow - und urteilt hart über seine Politik. »Die Perestroika hat die Nation zerstört. Die Russen wurden mit einem Mal praktisch wie die Amerikaner. Und wo ist die große, uneigennützige russische Seele geblieben?« Sie hat diese große Seele behalten, man spürt sie in allen ihren Büchern. Gut sein wollen, verstehen, verzeihen, helfen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ihre Sprache ist unambitioniert und dabei genau, ohne jeden falschen Ton. »Wozu braucht man Schriftsteller? Sie helfen den Menschen, dem Leben um sie herum einen Sinn zu geben.«

Insofern ist Tschechow ihr großes Vorbild. Ihm gilt der zweite Text in diesem Band. »Tschechow war schön ... Ich würde nur zuhören und ihn mit begeisterten Augen anschauen … Jetzt, wo das Materielle unsere Gesellschaft auffrisst, brauchen wir Tschechow mehr denn je. Er würde mit seinem Spazierstock auftauchen, groß, leicht vornübergebeugt, einsam, an Tuberkulose erkrankt, und würde sich das alles betrachten. Was würde er sagen? Nichts. Er würde nur schauen und schweigen. Und alle würden sich schämen.«

Viktorija Tokarjewa: Meine Männer. Aus dem Russischen von Angelika Schneider. Diogenes, 164 S., geb., 20 €.