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Liebliche Landschaft und zahlreiche Paläste

Entdeckungstour entlang der Schlösser in der Woiwodschaft Opole

Von Cornelia Höhling

Was könnten so grundverschiedene Persönlichkeiten wie der Romantik-Dichter Joseph von Eichendorff, Entertainer Thomas Gottschalk und Frankreichs Ex-Präsident Charles de Gaulle gemeinsam haben? Die Antwort findet man in Schlesien, in der Woiwodschaft Opole (Oppelner Land). Das macht neugierig. Allein der lieblichen Landschaft wegen lohnt sich eine Entdeckungstour. Auch wer immer schon mal in die schlesische Geschichte eintauchen wollte, ist dort richtig. Beim Anblick der zahlreichen Paläste und Schlösser geraten nicht nur Architekturliebhaber ins Schwärmen.

Über eine von Azaleen und Rhododendren gesäumte Allee erreichen wir zunächst Schloss Moszna (Moschen) - das »polnische Neuschwanstein«, wie es Schlossführer Piotr Kolek nennt. Gekrönt von 99 Türmen und Dachreitern, ist es zweifellos eines der prächtigsten Bauwerke der Region. Die Türme stehen jeweils für eins der Landgüter des 1840 geadelten Besitzers Hubert von Tiele-Winckler. Der oberschlesische Industrielle hatte es nach einer steilen Karriere vom Bergmann zum achtreichsten Mann im Kaiserreich 1866 erworben. Nach einem Brand baute es Sohn Franz noch größer wieder auf, sodass sich hier Neogotik, Neobarock und Neorenaissance vereinen. Es hat 365 Räume, so viele wie Tage im Jahr.

Wo einst Kaiser Wilhelm II. zu Gast war, geben sich heute Hochzeitspaare das Jawort. Neben Ballsaal, Café und Restaurants laden Konzerte und Kulturevents ins Schlosshotel ein. Wie andere Besucher der Ausstellung bestaunen auch wir Bibliothek und italienischen Marmor. 1945 floh die Familie vor der anrückenden Roten Armee, deren Soldaten Mobiliar und Bücher im Kamin verbrannten, um das im Krieg unzerstörte Schloss zu heizen, erzählt Kolek voll Bitterkeit. Davon unberührt wachen steinerne Löwen an der Terrassentreppe zum malerischen Park mit Wasserkanälen, romantischer Insel und Gestüt.

Bis zum nächsten Prachtbau ist es nicht weit. In diesem Landstrich stoße man vielerorts auf palastartige Residenzen, sagt Reisebegleiter Waldemar Gielzok. Die meisten werden heute als Hotel genutzt wie in Izbicko (Stubendorf) oder als Museum wie in Niemodlin (Falkenberg). Im Backsteinschloss Wiekszyce (Wiegschütz) streifen wir die »Kulinarische Route«, zählt doch das hier 2011 eröffnete Restaurant zu den 100 besten in Polen.

Später lernen wir auch traditionelle Hausmannskost kennen. Denn bevor wir den wiederaufgebauten Palast Kamien Slaski (Groß Stein) besuchen, dessen Kapelle des Heiligen Hyazinth mit Rokokoaltar Gläubige aus aller Welt anzieht, kehren wir im Restaurant Kamieniec ein. Die Piroggi wurden hier schon im Mittelalter mit Graupenfüllung gereicht, erzählt Eigentümerin Anna Jaskula. Alles schmeckt, auch das sogenannte Panschkraut und Zurek, eine Sauerteigsuppe. Wie sie betont, kämpfe sie darum, dass Letztere, einst ein Armeleuteessen, in die Liste der typischen regionalen Gerichte und Spezialitäten aufgenommen wird.

Endlich ist Nysa (Neisse) erreicht, und wir kommen langsam dem Geheimnis um die eingangs genannten Persönlichkeiten auf die Spur. Da wäre die nach dem hier verstorbenen Dichter benannte Eichendorff-Höhe, von der aus man einen guten Blick über die im 13. Jahrhundert von Breslauer Bischöfen gegründete und von Deutschen besiedelte Stadt bis hin zu dem Gebirgszug der Sudeten hat. Sie lässt sich gut über den stadtnahen Rad- und Wanderweg erreichen, der über die alten Festungsanlagen führt, die zu 60 Prozent erhalten sind. Aktivtouristen finden hier ein Radwegenetz von 250 Kilometern, aber auch Möglichkeiten zum Wassersport im Stausee.

Wir aber wenden uns der Stadt selbst zu, die wegen ihrer Barockarchitektur, der Brunnen und rund 100 Türme einst das »schlesische Rom« genannt wurde. Sehenswert ist die Jakobuskirche, eine der größten gotischen Kirchen Polens mit einem der steilsten Dächer Europas. Pfarrer Mikolaj Mróz zeigt uns voller Stolz die Schatzkammer im frei stehenden, unvollendeten vierstöckigen Glockenturm. Während wir die wertvollen liturgischen Gefäße und Monstranzen bestaunen, die noch regelmäßig zum Einsatz kommen, erzählt er, dass sie fast in Vergessenheit geraten waren, weil man sie zum Schutz vor Plünderungen in den Kriegswirren eingemauert hatte. Dann macht er auf die Herzkapsel des Bischofs Karl von Habsburg aufmerksam, der hier 1622 - genau 100 Jahre nach Einführung der lutherischen Reformation - die Gegenreformation einleitete.

Der ehemalige Palast der Bischöfe ist heute Regionalmuseum. In den früheren Wirtschaftsgebäuden der 1810 aufgegebenen Residenz empfängt jetzt ein Hotel Gäste. Nysas Stadtbild prägen nicht nur Kirchtürme. Über Jahrhunderte wurden diese vom gotischen Rathausturm am Salzmarkt überragt, der das Selbstbewusstsein der Bürger demonstrierte, bis er im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche versank. Eine Privatinitiative ließ ihn 2009 als Beton- und Stahlkonstruktion wiedererstehen. Ihre Lage an der Fernhandelsstraße zwischen Wien und Breslau hatte Nysa einst aufblühen lassen. Davon zeugt noch das »Neisser Konfekt«. Den Bäckern dieser Pfefferkuchen erlaubte der Breslauer Fürstbischof 1677, eine eigene Gilde zu gründen. Die Spezialität ist bis heute nicht nur als Mitbringsel heiß begehrt.

Ab 1643 zur Festung ausgebaut, erinnert Nysa alljährlich mit Kanonendonner und Schaugefechten daran, dass es sich 1807 erst nach 114 Tagen Belagerung napoleonischen Truppen ergeben musste. Beim Rundgang durch die Bastionen entdecken wir in den Kasematten eine Gedenktafel für Charles de Gaulle, der während des Ersten Weltkrieges hier als Kriegsgefangener interniert war. Eichendorffs Grab übrigens finden wir auf dem Jerusalemer Friedhof. Für den Erhalt seines Denkmals trat Thomas Gottschalk als Sponsor auf, dessen Eltern aus dem nahe gelegenen Oppeln stammen, wie er in seiner Autobiografie »Herbstblond« schreibt.

Heute ist das 800-jährige Opole Hauptstadt der gleichnamigen Woiwodschaft und Zentrum der deutschen Minderheit. Unser Begleiter Gielzok, Vorsitzender der deutschen Bildungsgesellschaft in Opole, sagt, dass lange kein Deutsch gesprochen werden durfte und sich viele Schlesier polonisieren ließen. Aber seit einiger Zeit besinne man sich zunehmend auf die Geschichte. So erinnerten neuerdings Bronzetafeln an hier geborene Persönlichkeiten wie den Zoologen Bernhard Grzimek (1909-1987) oder den Mediziner und Nobelpreisträger Konrad Bloch (1912-2000).

Den Beinamen »Venedig Schlesiens« erhielt Opole wegen seiner vielen Brücken. Auch das Rathaus am Marktplatz, vor 200 Jahren im Renaissancestil des Florentiner Palazzo Vecchio umgebaut, strahle mediterranes Flair aus, meint Gielzok. Natürlich gehören Kirchen wie die mächtige Kathedrale zum Heiligen Kreuz zum Stadtbild. Das älteste Bauwerk jedoch sei der Piastenturm. Als Überrest der Burg aus dem 14. Jahrhundert auf der Insel Pasieka (Pascheke) dient er heute als Aussichtsturm. Auf die Insel gelangt man über die für Fußgänger gebaute »Pfennigbrücke«. Sie überspannt den Mühlgraben, einen Seitenarm der nur einen Steinwurf entfernten Oder. Früher musste man eine Maut zahlen. Auch wir lassen hier unser Geld, allerdings in der Gaststätte am Ufer, einst »Schweizer Häuschen«. Nach ein paar Bier kommen wir ins Schwärmen, waren wir doch in Rom, Venedig und Schlesien unterwegs.

Infos

Polnisches Fremdenverkehrsamt: www.polen.travel
Tel.: (030) 210 09 20

Woiwodschaft Opole (Oppelner Land):
www.visitopolskie.pl

Wiekszyce (Wiegschütz): www.palacwiekszyce.pl

Moszna (Moschen):
www.moszna-zamek.pl

Niemodlin (Falkenberg): www.niemodlinzamek.pl

Izbicko (Stubendorf):
www.palacizbicko.pl/de

Nysa (Neisse):
www.nysa.eu

Opole (Oppeln):
www.opole.pl

Kamien Slaski (Groß Stein): www.gogolin.pl

Tipp:
Vom 27. bis 29. Juli finden in Nysa die alljährlichen Nysa-Festspiele statt, bei denen unter anderem die Schlacht von 1807 zwischen 
Preußen und den napoleonischen Truppen nachgestellt wird.