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Im Vollrausch

Kroatien feiert den ersten Finaleinzug seiner WM-Geschichte. Viele Unternehmer werden dabei ganz spendabel

Von Elke Windisch, Dubrovnik

»Heute 30 Prozent Rabatt für Engländer auf alle Artikel« verspricht ein Schild im Schaufenster eines Souvenirladens im kroatischen Dubrovnik. Passanten grinsen, bleiben stehen, zücken das Handy, es macht »Klick«. »Das schicke ich meiner Tochter in Kanada«, sagt eine ältere, etwas kompakter gebaute Dame. Ihr weißer Labrador-Rüde, auch er leicht übergewichtig, trägt ein Halsband mit rotweißem Schachbrettmuster der kroatischen Nationalflagge. Es steht für die 20 Gespanschaften - die Regionen - der Vier-Millionen-Republik.

Seit Donnerstagnacht ist die Nation im Vollrausch. Ein polyphoner Jubelschrei hallte über das nächtliche Meer, als Kroatien kurz vor 23 Uhr Ortszeit in der Verlängerung das 2:1 erzielte. Danach werden Feuerwerkskörper gezündet, Autos drehen hupend und mit eingeschalteten Nebelscheinwerfern immer neue Runden um die festlich angestrahlte Altstadt von Dubrovnik. Auf den Motorhauben prangen kroatische Flaggen im Gigaformat, auch auf den Rückseiten der Seitenspiegel ist das Schachbrettmuster immer wieder zu erkennen.

Es ziert auch die Brustseite der Fantrikots, auf den Rückseiten stehen Namen und Nummer der Fußball-Nationalspieler. Sogar ein Tourist aus Moskau läuft hier damit herum. »Die Lust am Leiden«, erklärt er nach Russlands Niederlage gegen Kroatien im Viertelfinale, »ist für uns so eine Art nationale Idee. Aber Scherz beiseite. Die Kroaten waren einfach besser.« Er werde ihnen auch für das Finale die Daumen drücken.

Auf dem Trikot, das die Besitzerin des Labrador-Rüden trägt, stehen eine zehn und der Namenszug von Luka Modrić. »Wir heißen auch Modrić«, sagt sie. Eigentlich interessiere sie sich nicht für Fußball. Aber beim Halbfinale habe sie »Blut geleckt«. In der Verlängerung habe sie Herzrasen bekommen. Bei Nachbar Pero sei sogar eine Notfallambulanz mit Blaulicht und Tatütata vorgefahren. »Zum Glück musste er nicht ins Krankenhaus. Da hätten sie ihn das Endspiel bestimmt nicht gucken lassen.« Pero leide an Bluthochdruck.

Taxifahrer Ivo dagegen sieht dem Finale am Sonntag »absolut gelassen und entspannt« entgegen. »Auch unsere Jungs werden total entspannt spielen«, sagt er. Denn selbst, wenn sie gegen Frankreich verlieren sollten, wären sie immer noch Vizeweltmeister. »So weit hat es bisher weder Jugoslawien noch ein anderer von dessen Nachfolgestaaten gebracht. Das macht 45 Kuna.« Mit dem letzten Satz meint Ivo den Fahrpreis von etwa 6,50 Euro. »Meine Gäste kriegen heute bei mir einen Rabatt von 50 Prozent. Donnerstagnacht hätte ich Sie ganz umsonst gefahren.«

Für das Finale sollen auf dem Stradun - der Flaniermeile in der Altstadt - sogar Großbildschirme für ein Public Viewing aufgestellt werden, besagt die Gerüchteküche. Das sei jedoch wenig wahrscheinlich, weil es mit einem Konzert im Rahmen der Dubrovniker Sommerfestspiele kollidieren würde, sagt Nino, der ein Café in einer der malerischen Seitengassen führt. »Uns kann das nur Recht sein. Wir freuen uns auf die Fans und haben beim Großhandel schon eine Extraladung Bier bestellt. Natürlich kroatisches. Und wenn wir gewinnen, gibt es für jeden Gast einen Travarica auf Kosten des Hauses.« Der süddalmatinische Kräuterschnaps ist ziemlich hochprozentig.

Eine Lage auf Kosten des Hauses spendierte Nino schon nach dem Halbfinale. Zu den Briten hat er ein gespaltenes Verhältnis. »Tapfere Trinker, die viel Geld bei mir lassen, aber voll imperialer Arroganz. Daher haben sie uns auch beim Halbfinale total unterschätzt.«

Bruno, bei dem man im hippen Banje Beach Wassermotorräder und Banana-Boote mieten kann, sieht das ähnlich und hofft, die kroatische Elf werde daraus lernen. »Die Franzosen sind gut, Selbstherrlichkeit könnte uns in letzter Minute um den verdienten Titel bringen.«

Damit Bruno und seine Helfer das Spiel verfolgen können, schließt sein Verleih »Crazy shark« am Sonntag schon um 16 Uhr. Obwohl das Geschäft an Wochenenden sonst am besten läuft, ist dieses Mal auch kaum mit Kundschaft zu rechnen. Einige Supermärkte machen wie schon beim Halbfinale ebenfalls eher dicht. Und die diensthabenden Mitarbeiter der städtischen Wasserwerke verfolgen das Spiel am Arbeitsplatz live, um »operativ reagieren zu können«. Vom Halbfinale wissen sie, dass in der Halbzeit und unmittelbar vor Beginn der Verlängerung nahezu in jedem Haushalt die Klospülung betätigt wird.

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