/ Kultur

Nach dem Dunkel kommt das Licht

Schlagerpop mit bemühter Bedeutung: Die Leipziger Band Karussell würde heute gut in eine Carmen-Nebel-Show passen

Einer Band aus der Jugendzeit wiederzubegegnen, von der man lange nichts gehört hatte, kann ein Wagnis sein. Man weiß ja nicht, wer sich über die Jahre mehr verändert hat - die Musik, die Musiker oder man selbst? Wiederbegegnung mit Karussell. Die Band aus Leipzig gehörte zu denen, die die Rockszene der DDR in den 80er Jahren prägten. Mit charismatischen Sängern wie dem Renft-Urgestein Peter Cäsar Gläser, später dem jungen Dirk Michaelis. Völlig unterschiedliche Typen; Stimmen, die im Ohr blieben.

Nun also eine neue Platte. Erster Impuls: Was, die gibt’s noch? Schon wieder, muss man sagen, denn die ersten Nachwendejahre liefen für Karussell nicht so gut wie für andere Ostkünstler, und von Mitte der 90er Jahre bis in dieses Jahrtausend hinein war sogar etwa zehn Jahre lang Sendepause. Bis Mitbegründer Wolf-Rüdiger Raschke ein paar alte und neue Musiker zusammentrommelte und das Karussell 2007 erneut anwarf. Frontmann diesmal: sein Sohn Joe.

»Erdenwind« heißt das jüngste Werk, das nun herauskam. Karussell-Klassiker fallen einem ein - »Ehrlich will ich bleiben«, »Das einzige Leben«, »Entweder oder«, »Nämlich bin ich glücklich«, »Wie ein Fischlein unterm Eis«. Vor allem »Als ich fortging«, fast schon eine Hymne. Teils kunstfertig ausgefeilte Musik, ohne Scheu vor Emotionen und mit einer Spur Pathos, in den Texten immer eine Botschaft, eine Haltung - das war Karussell. Und ist es immer noch.

Das will die neue Platte beweisen und kann sich doch nicht mit den inzwischen fernen Vorläufern messen. Die Musik kommt leider im Wesentlichen nicht über balladeske Belanglosigkeiten hinaus. Jeder Anflug von Ruppigkeit, von Charakter ist ihr ausgetrieben. Was bleibt, ist - man muss es so sagen - eine Gefälligkeitsakustik, die ein paar modische Kinkerlitzchen mitmacht und damit bis auf wenige Ausnahmen nahtlos und unauffällig in eine Carmen-Nebel-Show passen würde. Schlagerpop zum Feuerzeugschwenken.

Aber wenn es nur das wäre - da sind ja noch die Texte. Liebe, Leid, Selbstsuche und Selbstbehauptung, Aufbegehren gegen Unvernunft, auch eine Ode an die Heimatstadt Leipzig: das übliche Programm. Soweit nichts Besonderes, aber auch kein Problem. Doch was soll man von einem Songtext halten, in dem es heißt: »und die seele brennt / wenn man nicht erkennt / dass es nur ein moment ist / wo man ernsthaft denkt / dass die zeit wegrennt / man trotzdem zu viel pennt / die tat wiegt nicht so viel / als dass man sie benennt / weitsicht wird beengt / dann der blick sich senkt / durch das schleichende gefühl / dass man sich verrennt / die lösung weiß ich nicht / auch belehren will ich nicht / leichter , wenn man weiß / nach dem dunkel kommt das licht«.

So geht es Strophe um Strophe, Lied um Lied, in ermüdender, schwer bemühter Bedeutungshuberei, und man muss sich fast bis zum Ende der Platte durchkämpfen, bis man - sofern man nicht längst ausgestiegen ist - doch noch einen unvermuteten Akt der Subversivität erlebt, allerdings nur einen ganz kleinen: als nämlich Reinhard Huth in seinen leicht resignativen Song »Mein letztes Lied?« einen Anflug von DDR-Hymne hineinschmuggelt.

Ist das alles zu hart geurteilt? Führt hier Nostalgie die Feder? Zum Glück gibt es ja noch die alten Tonträger. Nicht alles war früher besser, aber Karussell schon, und zwar um Längen. Da ist, wenn man die Band von heute hört, einiges an Unverwechselbarkeit, an künstlerischem Anspruch auf der Strecke geblieben. Vielleicht aber ist man auch einfach nur älter geworden.

Karussell: »Erdenwind« (Monopol Records)

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