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Chefin in Teilzeit

Führungspositionen in Schulen und Kitas: Über den Frauenanteil und die Arbeitsbedingungen. Von Jürgen Amendt

Um das Gendern, also das geschlechtergerechte Schreiben, tobt seit vielen Jahren ein Kulturkampf. Dieser wird mittlerweile auch auf allen Ebenen der Bildungsbürokratie ausgetragen. Es heißt dann Lehrerinnen und Lehrer, Pädagoginnen und Pädagogen - oder das Ganze mit Sternchen-, Binnen-I- oder Unterstrichschreibweise. Nur ein Beruf kommt ohne das Gendern aus: der der Erzieherin. Nach wie vor ist der Frauenanteil in diesem Beruf allen Bemühungen zum Trotz, männlichen Nachwuchs zu gewinnen, sehr hoch. 95 Prozent der Beschäftigten sind weiblich - und der Anteil ist seit Jahren stabil. Und so ist es auch kein Wunder, dass in den Leitungen fast ausschließlich Frauen arbeiten. Nach einer 2015 von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellten Studie sind 97 Prozent der Leitungsfunktionen von Frauen besetzt.

Dass sich so wenige Männer selbst hier in die obersten Etagen verirren, hat zwei Gründe: das vergleichsweise geringe Gehalt und die schlechten Arbeitsbedingungen. Zwar wurden die Gehälter der Erzieherinnen in den vergangenen Jahren angehoben, aber mit knapp 3000 Euro Einstiegsgehalt ist der Verdienst für eine Leiterin einer Kita mit 70 Kindern und rund zehn Erzieherinnen immer noch wenig attraktiv. Zum Vergleich: Grundschullehrerinnen und -lehrer in Berlin erhalten rund 4500 Euro im Monat.

Kita-Leiterinnen müssten einen Managerjob stemmen, sagt Sabine Henze, freigestellte Personalrätin der Stadt Teltow in Brandenburg und stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Henze ist selbst Erzieherin und führte von 2000 bis 2013 eine Kindertagesstätte mit 340 Kindern in Teltow. Wenn die 55-Jährige auf die Zeit ihrer Tätigkeit als Kita-Leiterin zurückblickt, betont sie vor allem, wie schlecht die Rahmenbedingungen im Vergleich zu Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern waren. »Zwischen mir und meiner ›Lieblingskollegin‹ aus Baden-Württemberg lagen Welten«, erzählt sie. »Diese hatte eine Stellvertreterin oder eine Wirtschaftsleitung, ich hatte keine Stellvertretung und freigestellt war ich für die Leitungstätigkeit nur halbtags.«

Die Aufgaben einer Kita-Leitung seien anspruchsvoll, sagt Henze. »Wir müssen Berufseinsteiger und Auszubildende anleiten, Abrechnungen machen, Elternarbeit etc. Ohne Stellvertretung und vollständige Freistellung heißt das aber, dass eine Kita-Leiterin im Land Brandenburg regelrecht verheizt wird.« Viele dieser Tätigkeiten würden mittlerweile in die sogenannte mittelbare pädagogische Arbeit gepackt, ohne dass die Leitungen dafür mehr Arbeitszeit bekämen. Ein Problem gerade von Frauen in Führungspositionen im sozialen Bereich sei, so Henze, die intrinsische Motivation. Das Verantwortungsbewusstsein und die Einsatzbereitschaft sei hoch, doch auf die Dauer auch krankmachend. Aus Beratungsgesprächen als Personalrätin wisse sie, dass viele Kolleginnen gar nicht mehr merken, wie sie sich selbst bis zur Selbstaufgabe ausbeuten.

Die Statistik zeigt zudem, dass Frauen in Leitungstätigkeit im Kita-Bereich weniger häufig als Männer Vollzeit arbeiten. Nach einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung sind knapp zwei Drittel der zu 100 Prozent für Leitungstätigkeiten freigestellten männlichen Erzieher vollzeitbeschäftigt. Bei ihren Kolleginnen trifft das nur auf 58,5 Prozent zu. »Häufig bedeutet dies: Weniger Arbeitszeit bei vollem Programm«, sagt Sabine Henze.

Für Birte Radmacher, Referentin für Jugendhilfe und Sozialarbeit beim GEW-Bundesvorstand, offenbart sich hier auch ein strukturelles Problem. »Es gibt immer noch Fachkräfte, die für ihre Leitungstätigkeit keine Freistellung haben, sprich sie erledigen diese Aufgabe neben dem regulären Gruppendienst. Andere wiederum sind mit vollem Stundenumfang freigestellt, wobei ihnen neben der Verwaltung auch die pädagogische Leitung, Teamleitung etc. zukommt.« Kita-Leitungen bräuchten, so Radmacher, ein eigenständiges Tätigkeitsprofil. Dazu zähle auch eine bessere Bezahlung.

In den Schulen haben die Frauen dagegen in allen Bereichen aufgeholt - wenn nicht die Männer sogar überholt. In allen Schulformen liegt der Frauenanteil bei den Beschäftigten mittlerweile über dem der Männer; selbst in Gymnasien, die lange Zeit Männerdomänen waren, beträgt er mittlerweile gut 66 Prozent, in der Oberstufe liegt er bei 56 Prozent. Bei den Schulleitungen zeigt sich ein differenziertes Bild. Grundsätzlich gilt: Je höher die Schulform und höher die Besoldung, desto geringer der Frauenanteil in den Leitungsstellen. Selbst dort, wo deutlich mehr Frauen arbeiten als Männer, sind sie in den Leitungspositionen unterrepräsentiert.

Beispiel Niedersachsen: Hier beträgt nach Angaben der Landes-GEW der Anteil der weiblichen Lehrkräfte in den Gymnasien mittlerweile mehr als 50 Prozent, aber kaum ein Drittel der Leitungsstellen ist von Frauen besetzt. Ein ähnliches Bild zeigt sich laut Kultusministerium in Hannover an den Grundschulen: Hier arbeiteten 2016 rund 89 Prozent Frauen, die Grundschulleitungen waren aber nur mit 78 Prozent weiblich besetzt. Ähnlich in den Förderschulen: 75 Prozent Frauen, aber lediglich 50 Prozent Anteil in Leitungsfunktionen.

Auch in Berlin zeigt sich dieses Missverhältnis. Hier sind in allen Schulformen zusammengerechnet 73 Prozent aller Lehrkräfte weiblich, aber nur 57 Prozent der Führungskräfte; die Grundschulen werden zu 75 Prozent von Frauen geführt, die Gymnasien lediglich zu 36 Prozent. »Es ist auffällig, dass für männliche Kollegen eine Leiterstelle sehr interessant ist«, sagt die Vorsitzende der Berliner GEW, Doreen Siebernik. »Leitungsstellen werden besser bezahlt und Männer übernehmen schneller und zielsicherer Leitungsverantwortung«.

Wencke Hlynsdottir vom Referat Frauen- und Gleichstellungspolitik der niedersächsischen GEW weist auf eine systemische Ursache des Ungleichgewichts bei der Geschlechterverteilung hin. Grundschulleiterinnen und -leiter sind in Niedersachsen in der Gehaltsstufe A13 eingruppiert. »Das entspricht dem Einstiegsgehalt einer Gymnasiallehrkraft«, erläutert Hlynsdottir. »Männer, die in der Schule Karriere machen wollen, werden entweder keine Grundschullehrer oder sie bewerben sich dort schnell auf Leitungspositionen«.

Hlynsdottir benennt aber auch gesellschaftliche Gründe, die den Aufstieg von Frauen in schulische Leitungspositionen erschweren. Immer noch würden Frauen bei der Kindererziehung und im Haushalt die Hauptlast der Arbeit und der Verantwortung tragen. »Die Tätigkeitsprofile in den Leitungsstellen nehmen darauf keine Rücksicht. Das schreckt viele Lehrerinnen ab, sich überhaupt auf Schulleiterstellen zu bewerben.«

Eine Lösung könnte darin bestehen, mehr Teilzeitstellen auch in Leitungspositionen zu schaffen. Dafür plädiert die thüringische GEW-Vorsitzende Kathrin Vitzthum. In ihrem Bundesland würden entsprechende Anträge allerdings derzeit aufgrund des Lehrermangels nur noch in Ausnahmen genehmigt. »Solange sich die traditionellen Geschlechterbilder nicht auflösen, wird eine Leitungstätigkeit für Frauen in der Schule eine Doppelbelastung bleiben. Und solange werden es Frauen schwerer als Männer haben, in Führungspositionen zu kommen.«

Michael Cremers/Jens Krabel: Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten - Eine Studie zur Situation von Männern in Kindertagesstätten und in der Ausbildung zum Erzieher

Ländermonitor: Leitung von Kindertageseinrichtungen - Eine Bestandsaufnahme von Leitungskräften und Leitungsstrukturen in Deutschland, Bertelsmann-Stiftung 2017