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Immer mehr Alleinerziehende

Armutsrisiko bei Betroffenen weiter hoch / Diskussion über Hilfen

Kinder alleine zu erziehen, ist längst kein Randphänomen mehr. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland anderthalb Millionen Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil. Knapp jede fünfte Familie mit mindestens einem minderjährigen Kind hatte eine alleinerziehende Mutter oder einen alleinerziehenden Vater. Das waren rund 200 000 mehr als vor 20 Jahren, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Nach einer Trennung bleiben die Kinder in neun von zehn Fällen bei den Müttern.

Für Alleinerziehende ist es deutlich schwerer, Kindererziehung und Beruf miteinander zu vereinen. Knapp ein Drittel von ihnen (27 Prozent) ist erwerbslos, mehr als die Hälfte würde aber gerne arbeiten. Folglich ist das Armutsrisiko bei ihnen deutlich höher. »Finanziell stehen sie nach wie vor oftmals schlechter da als Menschen, die in anderen Familienformen leben«, sagte der Präsident des Statistischen Bundesamts, Georg Thiel. Die Armutsgefährdungsquote bei Alleinerziehenden lag 2016 bei 33 Prozent, während sie im Bevölkerungsdurchschnitt 16 Prozent betrug.

Annähernd zwei Drittel der alleinerziehenden Eltern (63 Prozent) hätten auch nicht die Mittel gehabt, unerwartete Ausgaben in Höhe von 1000 Euro zu bestreiten, ermittelte das Statistikamt in einer Studie. Im Durchschnitt der Bevölkerung seien es lediglich 30 Prozent aller Haushalte.

Mehr Unterstützung erhalten Alleinerziehende bereits durch die Reform des Unterhaltsvorschusses, der inzwischen bis zum 18. Lebensjahr gezahlt wird. Finanziell habe sich die Lage vieler Familien dadurch verbessert, meinte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Von der Novelle, die im vergangen Jahr in Kraft trat, profitieren rund 300 000 Kinder, insgesamt erhalten derzeit 714 000 Kinder diesen Vorschuss.

Dennoch sind Kinder von Alleinerziehenden nach wie vor in besonderer Weise von Armut betroffen. Knapp eine Millionen von ihnen müssen laut der Bertelsmann-Stiftung von Hartz IV leben. Diese Kinder hätten weniger Bildungsmöglichkeiten als die meisten Kinder in Paarbeziehungen, erklärte Maria Loheide aus dem Vorstand Sozialpolitik der Diakonie. Sie forderte die Einführung einer Kindergrundsicherung, die spezielle Bedürfnisse dieser Kinder besser berücksichtigen könne. Es sei eine wirkungsvolle Leistung, damit die betroffenen Kinder unter gleichen Bedingungen aufwachsen können, wie ihre Altersgenossen, so Loheide.

Am Dienstag hatte die rheinland-pfälzische Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) angekündigt, gemeinsam mit Ressortkollegen aus anderen Bundesländern einen neuen Anlauf für die Einführung einer Kindergrundsicherung zu starten. Jedes Kind solle demnach einen monatlichen Festbetrag zur Sicherung des Lebensunterhalts erhalten, der deutlich höher ausfallen müsse, als das Kindergeld, erläuterte Spiegel. Die Details der Initiative würden derzeit noch diskutiert und im Herbst vorgestellt.

Die Diakonie schlug darüber hinaus vor, die Kinderbetreuung an den Tagesrandzeiten zu verbessern, um eine Vereinbarkeit von Betreuung und Arbeit besser zu gewährleisten. Mehr Hilfen bei Hausaufgaben und kostenlose Mittagessen in Kita und Schule müssten außerdem hinzukommen.

Es gibt ja bereits ein Bildungs- und Teilhabepaket, mit dem minderjährige Hartz-IV-Bezieher unter anderem einen Anspruch auf Zuschüsse für Vereine, Schulmittagessen oder eine Lernförderung haben. Das Paket ist allerdings sehr bürokratisch gestaltet und reformbedürftig. »Der Aufwand ist dermaßen hoch, dass das viele nicht in Anspruch nehmen«, sagte Loheide. »Das geht an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei.«

Der Rat für kulturelle Bildung, ein unabhängiges Beratungsgremium, hatte bereits moniert, dass dieses Teilhabepaket viele Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien nicht unterstütze. Seit Jahren nähmen nicht einmal zehn Prozent der berechtigten Kinder und Jugendlichen ihnen zustehende Leistungen für soziokulturelle Teilhabe in Anspruch, so der Rat. Insgesamt lägen jährlich Beträge im dreistelligen Millionenbereich bundesweit brach.