/ Berlin

Zurück in die 90er

Eine Multimedia-Ausstellung beschäftigt sich mit dem Wandel Berlins in den Jahren nach dem Mauerfall

Ein dunkler Flur. Schwarze Wände, schwarzer Boden. Nur ein dünner Streifen Licht erleuchtet der Weg. Der Bass dröhnt rhythmisch. Ein Herzschlag. Der Herzschlag Berlins. So beginnt die Ausstellung »Nineties Berlin« in der Alten Münze.

Hat man den Weg aus dem Tunnel gefunden, landet man nicht wie erwartet in einem Club, sondern steht vor einer riesigen 270-Grad-Leinwand. Während der Herzschlag aus Bässen langsam verklingt, beginnt eine von lauter elektronischer Musik unterlegte Projektion mit Fotos und Filmaufnahmen aus dem Berlin der 90er Jahre. Bilder von Hausbesetzungen, Mauerfall und dem Sturm der Stasi-Zentrale ziehen vorbei, die berühmtesten Politikerzitate des Kalten Kriegs werden abgespielt. Tanzende Massen bei der Loveparade.

Schnitt. Der nächste Raum. 13 überlebensgroße Video-Stelen zeigen Interviews mit Zeitzeug*innen des bedeutenden Jahrzehnts. Über einen Guide-Bot kann man sich ergänzende Informationen auf sein Smartphone schicken lassen. Die Interviews werden alle gleichzeitig laut abgespielt, es entsteht ein Durcheinander an Stimmen. Erst über Kopfhörer wird es möglich, die einzelnen Protagonist*innen zu hören. Zum Beispiel den ehemaligen Hausbesetzer Andreas Jeromin oder den einstigen Beamten der Volkspolizei, Andreas Schlüter. Auch prominente Zeitzeug*innen wie Danielle de Picciotto, Mitbegründerin der Loveparade, und Gregor Gysi teilen hier ihre Erinnerungen. »Sie alle«, so der Kurator des Raums, Michael Geithner, »verbindet am Ende ihre Hassliebe zur Stadt«.

Einige Schritte weiter tritt man aus der Dunkelheit ins Tageslicht. Im Innenhof der Alten Münze stehen zwölf Mauersegmente. Diese kann man aus nächster Nähe frontal betrachten oder von der Hinterseite über eine Treppe erklimmen. Selfie-Station für alle, die damals nicht dabei waren.

Hinter der Mauer steht eine Installation des Historikers und wissenschaftlichen Leiters des DDR Museums, Stefan Wolle. Symbolisch für die 140 Mauertoten hängen 140 Kalaschnikow-Attrappen an einer Wand. Die Gewehrläufe sind direkt auf die Besucher*innen gerichtet. An der gegenüberliegenden Wand stehen die Namen aller Opfer. Über den Guide-Bot kann man sich zu jedem einzelnen die Kurzbiografie ansehen. So gebe man den Toten ihre Individualität zurück, sagt Wolle. »Aus einer statistischen Zahl werden Menschen, deren Schicksal an der Mauer zerbrach.«

Mit Touchscreens und Techno führt der letzte Raum labyrinthartig in die einstigen Undergroundclubs - Tresor, Tacheles, Eimer. Bei Diskobeleuchtung und verspiegelten Wänden kann an einer Sound-Maschine zum Schluss jede*r zum Loveparade-DJ werden. Dem Kurator Jörn Kleinhardt geht es aber um mehr als nur Party. »Diese Locations machten Berlin aus«, sagt er. »Gentrifizierung und politische Entscheidungen sorgten dafür, dass diese Orte verschwanden.« Mitgestalter Michael Geithner pointiert: »Die 90er Jahre sind wirklich vorbei und werden auch nicht wiederkommen.«

»Nineties Berlin«, 4. August bis 28. Februar, Alte Münze, Molkenmarkt 2, Mitte