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Kräuterfrauen, Buckelapotheker und pfiffige Marketingleute

Das Schwarzatal in Thüringen ist mehr als eine Wanderregion.

Von Horst Schwartz

Jana Kriebel ist Kräuterfrau. Eine von vielen, denn dieser Beruf - oder besser: diese Tätigkeit - erlebt gerade eine Renaissance. »Ich bin durch ein krankes Kind darauf gekommen«, sagt sie. In mehreren Lehrgängen hat sie gelernt, Kräuter nach ihrer heilsamen Wirkung zu unterscheiden und gezielt einzusetzen, Bibernell (unter anderem gegen Husten), Quendel (Gelenkschmerzen), Augentrost (gegen Entzündungen der Augenbindehaut), Hirteltäschel (Regelblutungen), Johanniskraut (Depressionen) oder Arnika (entzündungshemmend) und viele Kräuter mehr. Ihre Erfahrung: »Pflanzen sind die sanftere Medizin, sie haben ein breites Wirkungsspektrum und weniger Nebenwirkungen.«

Drei Jahrhunderte lang war das Schwarzatal die Heimat der Kräuterfrauen. Es erstreckt sich von der Quelle der Schwarza unmittelbar am Rennsteig bis zur Mündung in die Saale bei Rudolphstadt und zählt zu den kräuterreichsten Regionen Mitteleuropas. So entstand die Tradition, aus wild wachsenden Heilkräutern Naturheilmittel herzustellen. Für die in langen Winternächten produzierten Olitäten - das sind Destillate aus Pflanzenölen -, wohlriechende Essenzen, Salben und Pillen, die in ganz Europa begehrt waren, existierte ein ausgeklügeltes Vertriebsnetz: Sogenannte Buckelapotheker transportierten die in Krügen, Flaschen und Schachteln verpackte Ware auf großen Holzgestellen sogar bis Italien und Spanien. Jede Händlerfamilie hatte ihr genau festgelegtes Absatzgebiet. Damit sie nicht als vogelfrei galten, führten die Buckelapotheker fürstliche Schutzbriefe mit sich.

An diesen Berufsstand erinnert der zehn Kilometer lange Wanderweg »Auf den Spuren der Buckelapotheker« rund um Oberweißbach. Ein vier Kilometer langes Teilstück wurde zu einem originellen Kräuterlehrpfad umfunktioniert, über den Jana Kriebel und andere nebenberufliche Kräuterfrauen auf Wunsch Gäste führen. Über 90 verschiedene Heilpflanzen wachsen am Weg. Jede ist durch eine mit einem QR-Code versehene kleine Tafel markiert; wird der Code gescannt, werden die Pflanzen noch einmal in Wort und Bild erläutert.

Der Kräuterlehrpfad endet in Oberweißbach. Dort erfüllt das Fröbelhaus viele Funktionen. Jana Kriebel und andere Kräuterfrauen führen hier Kräuterseminare durch. Das Haus ist Touristeninformation und Kräuterlädchen. Eine ständige Ausstellung informiert über den historischen Olitätenhandel. Der 400 Jahre alte Fachwerkbau ist das Geburtshaus von Friedrich Fröbel. Dem weltweit geachteten Vorschulpädagogen und Erfinder des Kindergartens, der von 1782 bis 1852 lebte, wurde hier ein Memorialmuseum eingerichtet. Gerd Eberhardt, der längst pensionierte Leiter des Fröbelhauses, ist mit dem Leben des Reformpädagogen vertraut wie kaum ein anderer. Wer das Glück hat, ihn bei einem seiner leidenschaftlichen Vorträge über Fröbels Leben und Werk zu erleben, bekommt Fröbel so schnell nicht mehr aus dem Kopf.

Kräuter und Fröbel sind zwei der Säulen des Tourismus, auf die sich der vor vier Jahren gegründete Tourismusverein Schwarzatal mit seinen über 20 Gemeinden stützt. Die dritte ist Aktivurlaub. Und das bedeutet in erster Linie: wandern. Durch die wildromantische Landschaft - dieses Prädikat verdient das Schwarzatal in der Tat - führt über 126 Kilometer der zertifizierte, in acht Etappen gut zu bewältigende Panoramaweg Schwarzatal. Dazu wurde ein dichtes Netz kurzer Rundwanderwege geschaffen. Bei den Startpunkten aller Rundwanderwege kommt wieder Fröbel ins Spiel, auf den die Region so stolz ist: Dort ist jeweils das Fröbelsche Markenzeichen aufgestellt, Kugel, Walze, Würfel. Diese Wanderstarts, das ist klug durchdacht, müssen drei Bedingungen erfüllen: Sie sollen Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr haben, Parkmöglichkeiten aufweisen und in der Nähe eine Möglichkeit zum Einkehren bieten. Vom Frühjahr bis zum Herbst bringt der Wanderbus dem Schwarzatal an vier Tagen pro Woche Wanderer an den Startpunkt ihrer Wahl.

Einer der Wanderstarts liegt in Meuselbach-Schwarzmühle, die Übernachtungs- und Einkehrmöglichkeit ist das Flair Hotel »Waldfrieden«. Wie es sich für ein Hotel in Thüringen gehört, ist Küchenchef Stephan Jüttner ein Meister im Herstellen von Thüringer Klößen. Sascha Schwarze, Leiter des anheimelnd-altmodisch wirkenden Hauses engagiert sich sehr für den Tourismus im Schwarzatal. Warum sind die vielen Flyer und Prospekte mit dem Claim »TourismusRegion Rennsteig-Schwarzatal« versehen? Ist das nicht ein wenig Etikettenschwindel? Ja, räumt er ein, »aber die Bezeichnung ›Thüringer Schiefergebirge‹ zieht nicht.« Aber sie wäre korrekt, denn sie bezeichnet die Bergrücken, die zu beiden Seiten der Schwarza ansteigen.

Astrid Apel ist auch eine Mitstreiterin, um den Tourismus im Schwarzatal voranzubringen. Die quirlige junge Frau ist Marketing- und Kommunikationschefin der Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn. Die Bahn mit diesem Namensungetüm besteht aus drei Strecken, die aus dem touristischen Angebot der Region nicht wegzudenken sind. Da ist zuerst einmal die 25 Kilometer lange, 1900 erbaute Strecke von Rottenbach bis Katzhütte. Ein Waggon ist seit Mai zur »Fürstenkutsche zur Bergbahn« ausgestaltet worden. Optisch äußerst gefällig nehmen Prinzessin Henriette und Prinz Ludwig Friedrich II. aus der Fürstenfamilie von Schwarzburg-Rudolstadt in großformatigen Bildern die Passagiere mit auf eine Zeitreise 300 Jahre zurück. So bringt die Bahn geschickt eine der größten Attraktionen der Region ins Gespräch - die Schwarzburg. Der letzte Fürst, Günther Victor von Schwarzburg Rudolstadt und Schwarzburg-Sonderhausen, hat bei der Streckenführung mitgearbeitet und ein Sechstel der Kosten von drei Millionen Reichsmark beigesteuert.

Seit die Nazis Schloss Schwarzburg, Sommerresidenz und Jagdsitz der Fürsten, zum »Reichsgästeheim« umfunktionieren wollten und deshalb massiv in die Bausubstanz eingriffen, ist das Schloss Ruine. Aber das Zeughaus ist in jahrelanger Arbeit restauriert und vor zwei Monaten mit seinem in 500 Jahren gewachsenem Originalbestand wiedereröffnet worden. Die Waffensammlung ist mit 4000 Objekten die älteste und einzig noch erhaltene fürstliche Zeughaussammlung im deutschen Sprachraum.

In der Mitte der Schwarzatalbahnstrecke liegt Obstfelderschmiede, Talstation der Oberweißbacher Bergbahn. Die denkmalgeschützte, 1,4 Kilometer lange Standseilbahn wurde zwischen 1919 und 1923 errichtet, um die auf dem Berg angesiedelte pharmazeutische Industrie zu unterstützen. Bis dahin musste die Ware mühselig auf dem Rücken der Mitarbeiter ins Tal gebracht werden. Für Eisenbahnfans ist die Seilbahn, die eine Steigung von 25 Prozent bewältigen muss, eine besonderes »Schmeckerchen«. Eingesetzt werden im Halbstundentakt ein schräg gestellter Personenwagen, der aussieht wie eine rollende Treppe, und - im Sommer - eine schräge Güterbühne mit einem aufgesetzten Cabriowagen.

Damit nicht genug: Von der Bergstation Lichtenhain führt eine zweieinhalb Kilometer lange elektrifizierte Flachstrecke über Oberweißbach, die Fröbelstadt, nach Cursdorf. Dabei werden zwei historische Triebwagen aus den 1960er Jahren eingesetzt. »Die sehen Sie nur bei uns«, freut sich Astrid Apel, »sie sind echte Unikate, die speziell für die Oberweißbacher Bergbahn gebaut wurden.« Einer der beiden Triebwagen wurde zum Olitätenwagen umgebaut, mit Glasdach und glasfreien Fenstern sowie interaktiven Elementen, um beispielsweise Heilkräuter zu schnuppern. Und um die herrliche Landschaft der Umgebung zu erkunden, hängen Ferngläser bereit.

Um Interesse an den drei Bahnen zu wecken, lässt sich Astrid Apel immer wieder Neues einfallen - Kombiticket, Flyer, Events und vieles mehr. Der Arbeitgeber - die Deutsche Bahn - lässt der einfallsreichen Marketingfrau offensichtlich ziemlich freie Hand. Die Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn ist eine Tochter der DB RegioNetz Infrastruktur GmbH. Was die Bahn landauf und landab durch Verspätungen und Unregelmäßigkeiten an Sympathien einbüßt, macht sie hier mehr als wett.

Infos

Tourist- und Servicecenter TourismusRegion Rennsteig-Schwarzatal
Tel.: (036741) 2667, www.rennsteig-schwarzatal.de