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Ende des Jahrhunderts ein Klima wie in Norditalien?

Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst über Konsequenzen der globalen Erwärmung für die deutsche Landwirtschaft

Landwirtschaft ist vom Wetter abhängig, und in den letzten Jahren häufen sich europaweit Meldungen zu extremen Wetterlagen. Ist das nur eine Frage der Wahrnehmung, oder gibt es wirklich eine Veränderung?

Es ist nicht nur eine Frage der Wahrnehmung, extreme Wettersituationen nehmen tatsächlich zu. Sicher ist, dass die Temperatur unserer Lufthülle schon seit mindestens hundert Jahren ansteigt. Natürlich sehen die konkreten Messungen seit 1881 ein wenig wie eine Fieberkurve aus. Doch das Mittel, die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland, ist seitdem um 1,4 Grad gestiegen.

Sie liegt noch über dem globalen Durchschnitt?

Ja, um ein Zehntel Grad. Aber da gibt es ohnehin große Abweichungen. Auf der Südhalbkugel mit seinen großen Wasserflächen ist das Klimasystem viel träger. Auf einer Insel wie Réunion im Indischen Ozean sind die Veränderungen nicht sehr groß. Ganz anders in der Arktis. Dort liegt die Erwärmung deutlich über dem globalen Mittelwert. Das zeigen schon die Veränderungen der Eisbedeckung. Wenn man sich ältere Satellitenaufnahmen ansieht, ist die Schrumpfung überdeutlich sichtbar.

Und was hat das mit unserem Wetter zu tun?

Großwetterlagen, also die Stellung von Hochs und Tiefs am Boden, verändern sich, weil sich die Strömung der Luftmassen über uns, also in etwa sechs bis zehn Kilometern Höhe verändert. Dort oben befindet sich übrigens auch der Jetstream. Dieses Strömungsfeld schwingt wie eine Sinuskurve und bewegt sich üblicherweise von West nach Ost. Auf Wellenberg folgt Wellental. Nördlich davon Polarluft, im Süden warme Tropikluft. Wenn jedoch die Temperaturunterschiede zwischen dem Pol und den Tropen abnehmen, läuft häufiger alles langsamer oder die Welle kommt sogar zum stehen. Das bedeutet dann am Boden gleichbleibendes Wetter statt wechselhaftem Wetter. So was erleben wir gerade: anhaltendes Hochdruckwetter, mit viel Sonne, Hitze und kaum Regen. Darauf sind wir schlecht vorbereitet.

Bringt die Erwärmung nicht auch Vorteile für die Landwirtschaft mit sich?

Der Frühlingsbeginn ist in den letzten Jahrzehnten um zehn bis 14 Tage nach vorne gerutscht, dadurch hat sich die Vegetationsperiode verlängert. Das hat für die Landwirtschaft durchaus Vorteile. Man kann Pflanzen anbauen, die länger zur Reife brauchen oder auch zwei Fruchtfolgen hintereinander ernten. Unsere Böden würden das durchaus ermöglichen.

Aber Pflanzen brauchen auch zur rechten Zeit die richtige Menge Wasser. Und da liegt bei zunehmender Erwärmung das Problem. Durch die höheren Temperaturen wird der Wasserkreislauf in der Atmosphäre intensiver, weil die wärmere Atmosphäre auch mehr Wasserdampf transportieren kann. Und wenn der dann wieder als Regen fällt, dann sind das oft größere Mengen. Starkniederschläge sind dabei nicht unbedingt häufiger geworden, aber es fällt oft mehr Regen in kürzerer Zeit. Passiert das nach einer längeren Trockenperiode, kann der Boden das Wasser gar nicht mehr aufnehmen.

Muss also künftig auch bei uns häufiger bewässert werden?

Da bin ich nicht sicher, wie weit das möglich ist. Bisher hat nur ein Bruchteil der Landwirte überhaupt eine Genehmigung, Grundwasser zur Bewässerung zu nutzen. Und das Oberflächenwasser kommt wohl auch kaum in Frage, wenn Flüsse Niedrigwasser führen. Wenn überhaupt, ginge das nur mit wassersparenden Methoden wie der Tröpfchenbewässerung.

Könnte man nicht die Wassermengen bei Starkregen nutzbar machen?

Wenn sie da an Zisternen denken, wäre das durchaus eine Möglichkeit. Immer vorausgesetzt man hat den Platz und die Infrastruktur, um das Wasser auch auf die verschiedenen Felder zu bringen. Man wird über neue Lösungen nachdenken müssen, weil sich unsere Klimazone in den nächsten Jahrzehnten verändern wird. Einige Prognosen besagen, dass wir in Deutschland Ende dieses Jahrhunderts Klimaverhältnisse wie heute in Norditalien haben werden.

Muss man sich auch auf neue Pflanzen- und Tierkrankheiten und andere Schädlinge einstellen?

Davon gehe ich aus. Zwar ist bei trockenem Wetter das Risiko eines Pilzbefalls geringer, dafür gibt es Sonnenschäden bei Tafelobst. Außerdem ist nach milden Wintern, wie wir sie inzwischen immer häufiger haben, der Schädlingsbefall größer.

Gerhard Lux

Gerhard Lux ist Pressesprecher beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Der Diplom-Meteorologe arbeitete zuvor im Vorhersagedienst, in der Klimatologie und als Klima-Gutachter. Steffen Schmidt sprach mit ihm über Konsequenzen der gegenwärtigen Erderwärmung für die deutsche Landwirtschaft.

Foto: Deutscher Wetterdienst - DWD