/ Der Heppenheimer Hiob

Wann verschlägt es denen mal die Werbesprache?

Roberto J. De Lapuente wünscht sich ein Ende des Weglächelns und eine streitbare Demokratie

Als ich letzte Woche mal im Teletext der ARD nach Nachrichten forschte, lauschte ich dem hintergründigen Programm. Da ging es in einem Feature um eine dieser Aufreger, die man in deutschen Sendeformaten so oft einbaut und die als »Irrsinn der Woche« präsentiert werden. Es sind Geschichten von architektonischen Fehlleistungen oder vom Versagen der Städteplanung. Keine großen Sachen meist, nur mehr so Ausdruck dafür, in welcher Alltagsdeppenrepublik wir mittlerweile zu hausen scheinen. Man plant beispielsweise Brücken zu niedrig oder stellt Brunnen auf, die Passanten einnässen. Jedenfalls ging es in dem besagten Feature um was Wahnwitziges in Paderborn. Dort hat man in der Innenstadt eine Bank aufgestellt. Weil die was für das Auge sein sollte, hat man als Material viel Messing und ein bisschen Holz verwendet, was dazu führt, dass sich das Ding bei Sonneneinstrahlung wie ein Ofen aufheizt.

So wie das Sitzarrangement nun dasteht, ging es als Sieger einer öffentlichen Ausschreibung hervor. Das erklärte eine Dame des hiesigen Straßenbauamtes. »Pfiffige Architekten« hätten die Idee gehabt, Messing als Eyecatcher zu verwenden. Zur Kritik der Paderborner an der Bank sagte die Dame: »Da gilt es einfach nochmal zu gucken. Wenn es eine kleine Nuance gibt, die nicht so stimmig ist, dann machen wir es eben noch besser.« In ihrer Stimme klang Fröhlichkeit. Mittlerweile hatte ich kurz vom Teletext abgelassen, man ist ja neugierig, wenn einem der Irrsinn präsentiert wird. Aber diesen letzten Satz der Frau aus dem Straßenbauamt fand ich abstoßend. Da lauerte nämlich wieder mal dieser euphemistische Formulierungszwang. Und der mag alles sein: Aber sicher nicht demokratisch.

Es ist diese Sprache der Wohlgefälligkeit, die sich weigert, Negatives beim Namen zu nennen und ganz offen damit umzugehen, die unser öffentliches Leben bestimmt. Eine sprachliche Verweigerungshaltung quasi. Man verweigert etwas linguistisch so zu bezeichnen, wie man es vorfindet. Und man verweigert die Debattenkultur, um das Sujet in einen Einheitsbrei aus PR-Sprech und Zwangsoptimismus zu bannen. Hier fuhrwerkt das rhetorische Mittel einer wirklichkeitsverweigernden Realitätsumschreibung, die so tut, als nehme es sich der Kritik an, um just im Moment der Annahme schon abzuschwächen und es herunterzuspielen. Die Wahrnehmung wird hierbei ausgeblendet, man verwaltet die Deutungshoheit und spielt sie nonchalant herunter.

Heraus kommt dabei eine Herrschaftssprache, die anders als viele Herrschaftssprachen zuvor, nicht etwa rüde oder menschenverachtend klingt: Sie klingt scheißfreundlich, überbesorgt und irgendwie roboterhaft. Nehmen wir nur mal den oben zitierten Satz: »In Nuancen«, »nicht so stimmig« und »noch besser« - ein Satz wie ihn kein normaler Mensch formulieren würde. Da ist nichts in Nuancen nicht so stimmig – und nichts so gut, dass man es eben noch besser machen könnte. Hier verwaltet man den Eindruck, den die Paderborner haben, indem man sie in einer sprachlichen Harmoniesucht erstickt. Harmonie ist toll am Frühstückstisch oder unter Familien, Nachbarn und Kollegen. Der öffentliche Raum einer Demokratie sollte dieser Tugend nicht auf dem Leim gehen. Zu viel Harmonie kann auch wütend machen.

Seit Jahren haben wir es nun mit dieser Art von öffentlicher Sprache zu tun, die sich notorisch weigert, die Realitäten so in Sätze zu bannen, dass die Menschen im Lande sich darin abgebildet sehen. Was wäre denn dabei, um bei der Messingbank zu bleiben, wenn jemand aus der Stadtverwaltung öffentlich zugeben würde, dass da was scheiße gelaufen sei? Man kann über einen solchen Vorfall freilich lachen – aber ihn weglächeln und ihn süffisant in Wohlgefälligkeit überführen: Das zeigt nur abgehobene Bürgerferne.

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Wie schon gesagt, diese Sprache ist zur Amtssprache des öffentlichen Deutschland geworden. So sprechen Politik, Verwaltung und Unternehmen dauernd. Hier hat der Duktus der Werbung Einzug gehalten, in der man bloß nichts Negatives betonen möchte, jeden Nachteil zum Vorteil modelliert und den Kunden mit Konzilianz bei Laune hält. Wir sind aber keine Kunden: Wir sind Bürger! Streiten gehört zur Demokratie – streitbar sein auch. Menschen merken irgendwann, ob man sie in eine synthetische Harmonie schwatzt oder wirklich ernst nimmt. Diese Weichspülung als vermeintliche Bürgernähe dürfte jedenfalls in den letzten Jahren viel zum Phänomen der Wutbürger beigetragen haben. Und das ist der eigentliche Irrsinn in diesem Land. Nicht Messingbanken, Tiefbrücken oder Spritzbrunnen.

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