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Antifa braucht auch Konzerte

Sebastian Bähr freut sich, wenn kritische Künstler dort auftreten, wo es wehtut

Nach den pogromartigen Ausschreitungen der vergangenen Tage kommen am Montag zahlreiche Bands nach Chemnitz. Einige kritisieren, dies wäre ein symbolisches Wohlfühlevent ohne Konsequenzen, eine Entpolitisierung des brodelnden Hasses, eine oberflächliche kurzfristige Befriedung - eine bürgerliche Beruhigungspille.

Diese offenbar aus einer Luxussituation heraus geäußerte Einschätzung verkennt die dramatische Situation, die wir seit Jahren in Teilen Deutschlands haben. Es gibt schlicht Orte, die brauchen jede Unterstützung, die sie kriegen können. Orte, in denen man als Antifaschist oder als Demokrat allein dasteht und zermürbende Sisyphusarbeit leistet, um das Schlimmste zu verhindern. Orte, an denen Rechten die Straßen gehören, die Bevölkerungsmehrheit wegschaut, die Behörden kriminalisieren, verschweigen, relativieren oder anheizen. Dort, wo man die Wahl zwischen Wegziehen, Rückzug oder dem Kassieren von Prügel für seine Ideale oder Hautfarbe hat.

Politisch bewusste Kulturevents wie »Wir sind mehr« oder »Noch nicht komplett im Arsch« können in diesen umkämpften bis feindlich gesonnen Landschaften Kraft spenden. Sie zeigen, dass man nicht alleine ist. Dass es der Gesellschaft nicht egal ist, was passiert. Unentschlossenen oder Verängstigten wird ein niedrigschwelliges Angebot gemacht. Wenn nur ein paar über die Worte von Monchi, Torsun oder Marteria ins Grübeln kommen, ist es ein Fortschritt; wenn sie sich später engagieren, ein Erfolg. Alles, was hilft, die rechte Hegemonie zu durchbrechen, und sei es für einen Tag, verschafft Luft zum Atmen. Man muss es sich leisten können, auf den Aufstand der Anständigen zu verzichten.

Pro - Kontra: Antifa ist kein Konzertabend - Gratiskonzerte sind nur eine Wohlfühlberuhigungspille fürs Bürgertum

Feine Sahne Fischfilet erklären selbst, »dass nach Montag die Welt nicht in Ordnung ist«. Natürlich braucht es langfristige Unterstützung antifaschistischer Strukturen und der Zivilgesellschaft. Kulturarbeit kann Basisarbeit nicht ersetzen. Sie kann letztere aber stärken.

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