/ Kultur

Die Tümpel werden Meer

Andreas Reimanns Lyrik

Von Hans-Dieter Schütt

Leichtfertige Lüge: von einem Menschen zu sagen, er schlage sich durchs Leben. Es ist das Leben, das schlägt, und der sich da angeblich durchs Leben schlägt ist damit geschlagen, nicht zurückschlagen zu können. Nicht zu wollen.

So wurde Andreas Reimann in der DDR Transport- und Hilfsarbeiter - und Exmatrikulierter und Häftling und Verzweifelter. Und Dichter großer Verse: »wieso eigentlich/ wirds einem nicht leichter, wenn man im leben/ etwas verliert?« Oder: »zu totengräbers erleichterung/ nisten wir ärmeren schweine/ letztlich in leichterem holz.« oder: »Die sintflut kostet viel. Und ist umsonst.«

Ein Heft der Reihe »Poesiealbum« präsentiert nun 38 Gedichte Reimanns, auch einige Erstveröffentlichungen. Gedichte über Schreibtisch und Einzelhaft, die Toscana und Markkleeberg. Gleichsam das Porträt eines unbezähmbaren, lustvoll wilden Lebensschmerzes, und diesem Schmerz gibt der 1946 in Leipzig Geborene einen Ton, der im Wüten heiter schwingen kann, der jungenhaft forsch ins Dunkle wandert, der mitunter im Schweigen ankommen will und sich doch ständig in erregten, scharfen oder ehrlich müden Wellen bewegt. Wellen der Unnachgiebigkeit, mit einem »intakt schizophrenen gehirn« wach und entschieden zu bleiben: »man muß nicht fliegen können, aber wollen!«

Dieser Poet ist ein Maß-Sprengender. Er intoniert feinnervig und impulsiv. Rimbaud streunt durchs Gemüt, dessen »trunkenes schiff ... ein meer aus den tümpeln« machte. Dichtung über unerwiderte Zuneigungen, Trugbilder und Traumbilder, Verletzungen und Verhetzungen, Beschwichtigungen und Bezichtigungen, Verstellungen und Selbsttäuschungen. Schreiben, damit sich alle Aggressivität, alle Gequältheit, alle Spaß-Wütigkeit und aller Zeit-Zorn endlich auflösen darf in Ausdruck.

Die Flucht ist so radikal, dass der Dichter gleichsam sein eigenes Inneres durchstößt und »an dem jenseitigem Ufer der Seele« (Kleist) Weltentdeckung feiert. Man meint im Vers aber auch der Welt zuschauen zu können, wie sie ihre Selbstbewusstseinsvernichtung betreibt.

Reimann wehrte sich gegen das berüchtigte 11. SED-Plenum 1965, gegen die Panzer in Prag 1968 - das Elend der Zivilcourage passt in zwei Zeilen: »›Wie weit darf man gehen‹ fragten die einen,/ und waren also schon gelähmt.« Revolution? »Wie wildwein wuchert die wände herauf/ das blut der erschlagenen, das nichts mehr zählt,/ als in den mörtel zu bluten.«

Reimann besingt das Nashorn: »so würdig sein! Und: völlig unbrauchbar«. Verse einer Existenz, die mit den plagenden Aktualitäten des Daseins und sämtlichen Realismen nur deshalb einen Vertrag schließt, um unbestechlich auf die Ausstiegsklausel zu pochen. Herzpochen eines Menschen, der im Überschaum seiner Satzmelodien das Weite sucht: sich selber. Uferloses Unterfangen, also: große Hoffnung, dass die Horizonte nie ausgehen.

Poesiealbum 336: Andreas Reimann. Auswahl: Axel Helbig, Grafik von Andreas Reimann. Märkischer Verlag, 32 S.,br., 5 €.