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Piloten am Boden

Für alle, die es anders haben wollen: »Leben in der blauen Stunde« von Ray Zwie Back mit SMS-Lyrik

Von Michael Hametner

Als Kritiker versucht man gerne, einen Autor mit anderen zu vergleichen. Für das Buch von Ray Zwie Back mit dem schönen Titel »Leben in der blauen Stunde - Briefe an eine Unbekannte« gibt es keinen Vergleich.

Das merkt man bereits am Anfang der 164 Seiten. Der Band versammelt rund hundert kurze Texte zwischen zwei und 32 Zeilen lang. Briefe ohne Anrede und ohne Grußformel. Es sind Nachrichten, poetische Nachrichten und SMS.

Ein Beispiel: »… die zeit vor der morgenanbetung / ist die nacht … irgendwann muß man / sich allein zur truhe legen …und dort / etwas finden…was den schlaf bringt … / etwa die truhen zählen …prächtig wie / sie sind …mit ihren ganzen schafen …/ wie sie sind …durch das tor in den schlaf wagen.« Bei diesen und anderen Texten von Zwie Back will die innere Deutungsmaschine nicht richtig greifen. Also sagt man: Nonsens. Das scheint immer richtig. Poetischer Nonsens wäre in seinem Fall noch richtiger. Doch liest man seine Texte mehrmals, sind sie nicht ohne Sinn, geschweige denn ohne Humor. Schlaf finden zu wollen heißt plötzlich: »Sich allein zur Truhe legen.« Und es geht auch nicht um einen Schlafwagen, sondern darum, den Schlaf zu »wagen«.

In einem anderen Text ist die Rede von »teddys beeren …in volieren« und: »äste blätterüppig tanzen mit dem wind ... / gäste wiegen in Gedanken in der hinterfeiernacht«. Besonders beim letzten Wort bleibt man als Leser garantiert hängen und fragt sich, was das sein mag. Es ist eine Vokabel aus der Traumwelt, aus der Poesie- und Nonsenswelt des Ray Zwie Back, alias Wolfgang Krause Zwieback, geboren 1951 in Kamenz, mit bürgerlichem Namen Wolfgang Krause.

Bei Amazon ist er gegenwärtig nicht zu finden. Das würde auch nicht gut gehen, wenn dort unter dem »Leben in blauer Stunde« stehen würde: »Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen ...«

Leser auf literarischer Plotsuche werden bei ihm manchmal für drei Zeilen fündig und stehen aber dann in den Binsen und sehen nichts mehr. Humorlose Leser haben es besonders schwer.

Krause-Zwieback hat die Leipziger Kunsthochschule HGB absolviert und wurde als Sprachdreher bekannt - was viel mehr ist als ein »Sprachverdreher«. Das passierte ihm vor rund 35 Jahren mit seinem »Kabasurden Abrett« im »Haus der Volkskunst«, was ja auch ein kabasurd-reifes DDR-Wort ist. Danach ging er künstlerisch auf die Bretter, was hieß, er ging in die Breite des Theaters, indem er nicht nur Texte schrieb, sondern sie auch inszenierte, vertanzte und singen ließ. Meist mit sich selbst als Hauptakteur, der die Bühne baute, ins Licht setzte und den Ton mitspielen ließ bis das Gesamtkunstwerk Krause-Zwieback geboren war.

Aus Spiellust wurde dank seiner »perforierten Phantasie« eine eigene poetische Welt mit Köchen ohne Herd, Piloten am Boden, versagenden Stabhochspringern und vor allem melancholischen Detektiven auf Brückenköpfen.

Mindestens ein Dutzend Theaterabende hat er kreiert und gespielt, in Leipzig, Berlin, Bonn und auf Gastspielen im halben Land. Weil das Theater als Kunst des Augenblicks so wenig nachhaltig wirkt, ist er mit »Leben in der blauen Stunde« zum Buch übergegangen. Für alle, die es anders haben wollen.

Gesucht werden die Leser, die nicht alles sofort verstehen wollen. Hier ist Zwie Back ganz nah an der konkreten Poesie und an anderen lautpoetischen Formen des Sprachexperiments: Um damit klar zu kommen, darf man sich an Klang und Rhythmus halten: »… KUCKUCK KUCKUCK KUCK / KUCKUCK KUCK KUCKUCK / KUCKUCK GU KUCK GUGU KUCK / GUGU GUGU GUGU GUGU GUG GU / KUCK KUCKUCK GU GUGUGUGU /GUCK.«

Altmeister wie Kurt Schwitters, Gerhard Rühm oder Eugen Gomringer bestätigen Ray Zwie Backs Position des produktiv-poetischen Unverstands, der dem Verstand zu Hilfe kommt, wo er versagt.

Wer dafür empfänglich ist, der danke dem Mitteldeutschen Verlag in Halle. Der hat die Texte von Ray Zwie Back zusammen mit Fotos, Fotographiken und -collagen, die so aussehen, wie sich die Texte lesen, für alle albern Gebliebenen zu einem schönen Buch zusammengestellt.

Ray Zwie Back: Leben in blauer Stunde. Briefe an eine Unbekannte. Mitteldeutscher Verlag, 164 S., br., 20 €.