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Schlechte Ernte, aber genug Saatgut

Mecklenburg-Vorpommern: Verband sieht Engpässe, gibt sich jedoch zuversichtlich

Von Jürgen Drewes, Güstrow
Eine E-VITA-Anlage der Ceravis AG Güstrow wird überprüft. Sie sichert Saatgut durch Bestrahlung, der Einsatz chemischer Mittel ist unnötig.

Wird wegen der schlechten Getreideernte in diesem Jahr das Saatgut knapp? Der Landessaatgutverband und Saatgutaufbereiter zerstreuen solche Bedenken. »Die Situation ist zwar angespannt, aber von einer Katastrophe, wie es hier und da bereits hieß, sind wir weit entfernt«, sagt der Regionalleiter des Saatgutaufbereiters Ceravis in Güstrow, Andreas Prelwitz. »Bei einigen Sorten gibt es aktuell Engpässe«, räumt er ein. Diese würden abernach Möglichkeit durch Zukäufe aus anderen Regionen behoben.

Der Standort gilt als einer der größten für die Aufbereitung von Getreidesaat in Deutschland. Insgesamt werden täglich bis zu 600 Tonnen Saatgut aufbereitet, wie Logistikchef Carsten Bast sagt. 40 Lkw verlassen täglich mit Saatgut das Unternehmen. Derzeit fallen zwar viele Körner durchs Sieb, weil sie zu klein sind oder bei der Mahd beschädigt wurden, so dass sie nicht keimfähig sind. Aber es bleibe ausreichend Saatgut zurück.

Auch beim Landessaatgutverband ist man sich sicher, dass ausreichend Saatgut vorhanden sein wird. »Und das auch in gewohnt hoher Qualität«, betont Verbandsvorsitzender Hartmut Giermann, Geschäftsführer der Bentziner Ackerbau GmbH unweit von Jarmen. Der Verband appelliert an die Betriebe, nicht am falschen Ende zu sparen. Sie sollten zertifiziertes - sogenanntes Z-Saatgut - von hohem züchterischen Niveau verwenden, das ein Höchstmaß an Anbausicherheit garantiert. Doch das hat seinen Preis, es ist teurer als normales Saatgut. Im vorigen Jahr entschieden sich dennoch fast 600 Betriebe im Land dafür.

Ob es diesmal wiederum so sein wird, ist fraglich. »Wir sind nicht praxisfremd«, sagt der Geschäftsführer des Landessaatgutverbandes, Dieter Ewald. Wenn nach drei schlechten Ernten in Folge das Geld knapp wird, könne es gut sein, dass die Landwirte aus Kostengründen häufiger auf die eigene Ernte für die Neuaussaat zurückgreifen.

Dass dies möglich ist, geht auf das sogenannte Landwirteprivileg zurück. Das trat kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik in Kraft, um die landwirtschaftliche Produktion wieder in Schwung zu bringen. Es hat weiterhin Bestand und gilt seit 1990 auch für die neuen Bundesländer. Allerdings gibt Verbandschef Giermann zu bedenken, dass die Anbaurisiken mit eigenem, oft nur unzureichend aufbereiteten Getreide groß seien. Untersuchungen hätten ergeben, dass zum Beispiel beim Gerstendrusch viele Keime aufgrund der zu hohen Trockenheit in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Statt chemische Mittel einzusetzen, bestrahlt der Saatgutaufbereiter Ceravis in Güstrow Getreidesaat mit Elektronen, um sie vor Krankheiten schützen. Das Unternehmen hat jetzt seine zweite Anlage dafür in Betrieb genommen. Die Elektronen töten Pilzsporen, Viren und Bakterien auf der Samenschale ab. Pro Tag würden so rund 200 Tonnen Samen mit Elektronen behandelt. In Mecklenburg-Vorpommern werde das chemiefrei behandelte Saatgut schon auf 20 Prozent der Getreidefläche verwendet, sagt Prelwitz. 2016 hatte das bundesweite Pilotprojekt begonnen, gemeinsam entwickelt von dem Saatgutunternehmen und dem Fraunhofer Institut für Organische Elektronik, Elektronenstrahl- und Plasmatechnik.

Im vergangenen Jahr wurden in Güstrow rund 20 Prozent des Getreideaufkommens entsprechend behandelt. Mit der zweiten Anlage ist die doppelte Menge möglich. dpa/nd