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Erfurt wird zum Mekka der Puppenspieler

Zum Festival »Synergura« treten Künstler aus zehn Ländern in Thüringens Landeshauptstadt auf

Szene aus dem Stück »Die Liebe in den Zeiten der Cholera« von Gabriel Garcia Marquez, aufgeführt beim Erfurter Festival im Jahr 2016

Erfurt. Menschliche Hände erzählen eine mitreißende Geschichte von Liebe und Verlust. Die weltweit gefeierte Inszenierung »Kiss & Cry« der gleichnamigen Gruppe aus Belgien stand am Mittwochabend zur Eröffnung des 12. Internationalen Theaterfestivals »Synergura« in Erfurt auf dem Programm.

Auf kleinen Spieltischen nehmen bei »Kiss & Cry« die Erinnerungen einer alten Frau an die Lieben ihres Lebens durch das Spiel der Künstlerhände Gestalt an, erklärte die Intendantin des gastgebenden Puppentheaters »Waidspeicher«, Sibylle Tröster, im Vorfeld. Die einzelnen Episoden würden dabei gefilmt, vor den Augen der Zuschauer entstehe ein Film auf Kinoleinwand.

Die Landeshauptstadt Erfurt wird bis zum Sonntag für einige Tage zum Mekka der Puppenspieler. Künstler aus neun europäischen Ländern und Israel werden dem Publikum die enorme Breite, den Reichtum des Puppenspiels und moderne Theaterästhetik nahebringen, sagte die Intendantin. Multimediales Objekttheater wie zur Eröffnung, Marionetten und Handpuppen, Schattentheater, Stücke mit Farbe und Papier, Laterna magica oder Stabfiguren - Genre und Themen seien sehr breit gefächert.

Viele Gastspiele setzen sich mit gesellschaftlich brisanten Fragen und Entwicklungen auseinander. Das musikalische Cabaret für Puppen »The House by the Lake« aus Israel erzählt die Geschichte von drei Mädchen, die sich während des Naziregimes auf einem Dachboden verstecken müssen und dort auf ihre Mutter warten. Es sei ein Stück zwischen Tragik und Komik, sagte Tröster.

Winzige historische Marionetten aus dem Jahr 1936 sind in der Koproduktion »Open the Owl« aus Ljubljana (Slowenien) und Strasbourg (Frankreich) zu sehen. Aus der Guckkastenbühne entwickele sich nach und nach ein Stück, in dem die Zuschauer im Raum einbezogen werden, erklärte die Erfurter Intendantin. Im »Bericht für die Akademie« nach Franz Kafka sind die Schauspieler Samuel Koch und Robert Lang miteinander fest verbunden. Koch, der sich 2010 bei »Wetten, dass ...?« schwer verletzte, werde allein von Lang bewegt - »ein Kraftakt für beide Akteure«, sagte Tröster.

In sechs Spielstätten quer durch Erfurt - Theater und Gotteshäuser - können Interessenten unter mehr als 30 Veranstaltungen wählen. Die meisten Gastspiele sind laut Tröster ausverkauft. Auch Fachbesucher aus Asien, Amerika, West- und Osteuropa haben sich angesagt.

Das 1979 gegründete Puppentheater im denkmalgeschützten Waidspeicher hat für das fünftägige Festival einen Etat von rund 200 000 Euro. Etwa ein Viertel davon sind Eigeneinnahmen und Drittmittel. 150 000 Euro müsse das Ensemble jedoch aus den eigenen Rücklagen bestreiten. »Eine harte Nummer und die Quadratur des Kreises«, sagte Tröster. Ob so ein kleines Thüringer Theater unter diesen Voraussetzungen so ein wichtiges internationales Festival in zwei Jahren wieder stemmen könne, sei die Frage. »Ich will es auf jeden Fall erhalten«, betonte die Intendantin des gastgebenden Erfurter Puppentheaters. dpa/nd