/ Wissen

Dem Erbe Einsteins verpflichtet

Ein Fotoband würdigt Leben und Werk des großen Physikers Hans-Jürgen Treder. Von Martin Koch

Von Martin Koch

Wenn sich an unserer Akademie auch kein Genie befindet, so haben wir doch ihn als dem Genie am nächsten Kommenden.« Mit diesen Worten charakterisierte Jürgen Kuczynski, der Nestor der DDR-Gesellschaftswissenschaften, den Physiker Hans-Jürgen Treder, der auch außerhalb seines Fachs in der DDR eine erstaunliche Bekanntheit erlangt hatte. Denn er entsprach wie kein Zweiter dem Klischee des geistig hochfliegenden, aber zugleich weltfremden und praktisch unbegabten Gelehrten. Er besaß weder Schreibmaschine noch Computer, legte kaum Wert auf sein Äußeres und wirkte im Umgang mit anderen oft scheu und unbeholfen.

Es verwundert daher umso mehr, dass es der Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth gelungen ist, Treder über mehrere Jahrzehnte mit der Kamera zu begleiten - im Hörsaal ebenso wie im Privaten. Die faszinierenden Fotos, die dabei entstanden sind, sollten eigentlich schon 1989 in einem Buch des Aufbau Verlags erscheinen. Doch der Umbruch in der DDR machte den Plan zunichte. Das hatte zumindest aus künstlerischer Sicht auch sein Gutes. Denn so konnte Schulz-Fieguth ihr Projekt bis zu Treders Tod im Jahr 2006 fortführen. Jetzt hat sie ihre Bilder in einem Buch veröffentlicht, in dem auch das Werk Treders gebührend gewürdigt wird.

Der Berliner Physikhistoriker Dieter Hoffmann hat sich eigens dafür in die Archive begeben, auch um die teilweise lückenhafte Biografie Treders zu vervollständigen. Als Sohn eines Magistratsbeamten und einer Hausfrau kam dieser am 4. September 1928 in Berlin-Charlottenburg zur Welt. Er besuchte die Volksschule und wurde im Zweiten Weltkrieg als Luftwaffenhelfer und später zum Volkssturm eingezogen. Dem Nazi-Regime stand er ablehnend gegenüber, stattdessen begeisterte er sich schon früh für die Ideen des Kommunismus. 1946 trat er der SED bei und gründete mit Gleichgesinnten in Charlottenburg die Freie Deutsche Jugend, die damals noch überparteilich agierte.

Treders besondere Liebe galt jedoch den Naturwissenschaften und der Mathematik. Bereits als 15-Jähriger glaubte er, auf Widersprüche in der Relativitätstheorie gestoßen zu sein, und wandte sich deswegen an keinen Geringeren als Werner Heisenberg. Der lud Treder zu sich ein, widerlegte dessen Einwände und riet ihm abschließend, Mathematik oder Physik zu studieren. Anfangs belegte Treder beide Fächer an der Technischen Hochschule in Charlottenburg, doch nach drei Semestern wechselte er an die Humboldt-Universität. Hoffmann vermutet, dass für diese Entscheidung politische Gründe maßgebend waren, denn in Westberlin war Treder als SED-Mitglied nicht sonderlich gelitten. In Ostberlin studierte er zunächst Philosophie, musste aber wegen einer schweren Erkrankung das Studium unterbrechen. Nach seiner Rückkehr an die Universität entschied er sich endgültig für das Fach Physik.

Bereits in seiner Dissertation (1956) ließ Treder mit der Entdeckung einer unbekannten Kraft, die in der einheitlichen Feldtheorie Einsteins auftritt und mit der Entfernung nicht schwächer wird, seine außergewöhnliche Kreativität aufblitzen. 1961 habilitierte er sich mit einer Arbeit über gravitative Stoßwellen und wurde zwei Jahre später zum Professor für Theoretische Physik an der Humboldt-Universität und zum Direktor des Akademieinstituts für Reine Mathematik ernannt. Außerdem leitete er ab 1966 die Sternwarte in Potsdam-Babelsberg, wo er zuletzt auch lebte.

Aus Treders Feder stammen über 20 Monografien und rund 500 Aufsätze, in denen er Probleme der allgemeinen Relativitätstheorie, der Quantenmechanik und der Kosmologie behandelte. Dabei war ihm besonders daran gelegen, die Tragkraft physikalischer Prinzipien zu analysieren. Viel Mühe verwandte er auf das Verständnis des Machschen Prinzips, demzufolge die Trägheit eines Körpers durch die Gesamtheit der Massen im Universum bestimmt wird. Einstein hatte sich von diesem Gedanken bei der Entwicklung der allgemeinen Relativitätstheorie leiten lassen, ihn allerdings später verworfen. Treder griff die Machsche Idee erneut auf, ohne sie jedoch in ein schlüssiges Konzept überführen zu können. Dies sei sein folgenreichster Fehler gewesen, räumte er selbstkritisch ein und ergänzte, dass jeder, der ihm Böses wolle, das Ganze als »Mach-Einstein-Treder-Doktrin« bezeichne.

Dass Treders Name auch Nicht-Physikern ein Begriff war, lag vor allem an dessen Vorlesungen zu physikhistorischen Themen, die bei Studenten der Humboldt-Universität eine Art Kultstatus erlangten. Viele wollten den »verschrobenen Professor« hautnah im Hörsaal erleben. Während seines Vortrags lief Treder pausenlos hin und her und redete häufig zur Tafel hin, so dass die Hörer Mühe hatten, dem Feuerwerk seiner Ideen zu folgen. Glücklicherweise hat er die meisten davon in seinem Buch »Große Physiker und ihre Probleme« verewigt.

Doch Treder war nicht nur ein intimer Kenner der Physik und ihrer Geschichte. Er wusste auch in den Geisteswissenschaften und der klassischen Literatur zu brillieren. Jürgen Kuczynski war davon so beeindruckt, dass er 1986 ins Schwärmen geriet: »Treder ist der gebildetste Physiker, der mir seit Einstein begegnet ist, wohl noch gebildeter als dieser, da er als Marxist größere politische Einsicht hat.« Letzteres hinderte Treder jedoch nicht, sich mit dem in der DDR verfemten Philosophen Karl Popper anzufreunden, der ihm gegenüber einmal scherzte: »Dass Sie Marxist sind, kann ich Ihnen nachsehen, aber dass Sie Platoniker sind, das sehe ich Ihnen nie und nimmer nach.« »Und was ich Ihnen nicht nachsehe, ist, dass sie dogmatischer Nichtdogmatiker sind«, konterte Treder, der überhaupt einen sehr feinsinnigen Humor hatte. Als ein Journalist ihn einmal fragte, was er auf eine Reise zu einem anderen Planeten unbedingt mitnehmen würde, lautete seine Antwort: »Ich fahr’ schon so ungern von Potsdam nach Berlin, warum soll ich zu einem anderen Planeten fliegen?«

In den Westen zu gehen, kam für Treder nie in Frage. Zu sehr fühlte er sich der DDR und der Berliner Tradition der Wissenschaftsgeschichte verbunden. Am liebsten hielt er sich in Einsteins ehemaligem Sommerhaus in Caputh auf, das zum 100. Geburtstag des Begründers der Relativitätstheorie 1979 restauriert worden war. Dazu hatte Treder die Zustimmung der Einstein-Erben gewinnen und auch den Kontakt zu Konrad Wachsmann, dem in den USA lebenden Architekten des Hauses, herstellen können. 1982 übernahm Treder in Caputh die Leitung des »Einstein-Laboratoriums für theoretische Physik«, in dem er mit wenigen Mitarbeitern »physikalische Grundlagenforschung im buchstäblichen Sinn des Wortes« betrieb, wie Hoffmann betont.

Nach dem politischen Umbruch in der DDR sah sich Treder zunehmend in die wissenschaftliche Isolation gedrängt. 1991 wurde das Einstein-Laboratorium aufgelöst, da die Gutachter meinten, es könne keinen wesentlichen Beitrag zur Lösung der komplexen Probleme der Kosmologie und der Vereinigung von Allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenmechanik leisten. Treder fand sich unversehens im Vorruhestand wieder und war fortan nur noch selten in der Öffentlichkeit zu sehen. Eine letzte wissenschaftliche Heimat fand er wie viele Mitglieder der abgewickelten Akademie in der Leibniz-Sozietät, zu deren Mitbegründern er 1993 gehört hatte. Am Ende seines Lebens sei Treder weicher geworden, irgendwie entrückt, erinnert sich Monika Schulz-Fieguth, die ihn im September 2006 zum letzten Mal besuchte. »Die Realität hat er wohl nur noch partiell wahrgenommen.« Zwei Monate später starb Hans-Jürgen Treder, den manche ehrfurchtsvoll den »Einstein der DDR« nannten. Er wurde 78 Jahre alt.

Monika Schulz-Fieguth: Hans-Jürgen Treder. Ein Porträt. 127 S., 35 € (zu bestellen über: m@schulz-fieguth.de)