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Auf den Spuren der Flucht

Jugendliche reisten auf der Balkanroute von Aachen nach Thessaloniki und besuchten Hilfsorganisationen

Von Philip Blees
Ungarischer Polizist patrouilliert an der Grenze zu Serbien.

2015 flüchteten rund 700 000 Menschen über die sogenannte Balkanroute. Die Länder dort, aber auch Österreich reagierten schnell und schlossen schon Ende des Jahres ihre Grenzen. Viele Geflüchtete sind allerdings immer noch dort und leben unter oftmals schlechten Lebensbedingungen in Camps. Sie sind von Aachen aus entgegen der Balkanroute gereist. Was war der Gedanke hinter dieser besonderen Reise?

Die Idee des evangelischen Jugendreferats in Aachen war es, dass wir uns vor Ort selber ein Bild machen über die Situation von Flüchtlingen. Der Fokus lag dabei auf der Unterstützung in dem jeweiligen Land. Wir wollten die Thematik ungefiltert und persönlich vor Ort erleben.

Wie kam es dazu, dass Sie an der Fahrt teilgenommen haben?

Ich fand das Gesamtpaket gut. Viele Städte auf der Balkanroute haben mich interessiert. Aber natürlich auch das Thema. Ich hatte das Gefühl, dass ich darüber nicht genug wusste. Die Debatte über die Medien zu verfolgen fiel mir schwer. Dadurch, dass man persönlich da lang fährt, kann man die Situation besser einschätzen.

Die Fahrt war kirchlich organisiert.

Mit der evangelischen Kirche habe ich sonst wenig zu tun. Ich bin sogar katholisch getauft. Das hatte auf die Reise selber eigentlich gar keinen Einfluss. Wir haben nicht gebetet. Allerdings haben wir kirchliche Träger besucht. Es gibt natürlich auch evangelische Hilfsorganisationen entlang der Balkanroute. Aber die Fahrt war nicht auf den kirchlichen Aspekt bezogen.

Wie verlief die Reise?

Wir sind sehr viel Bus gefahren. In einer Stadt waren wir ein bis zwei Tage und haben dort verschiedene Organisation besucht. In München haben wir uns mit den »Orienthelfern« getroffen. Das ist eine kleine Hilfsorganisation, die zum Beispiel Kuscheltiere an Kinder verteilen. In Wien besuchten wir das Rote Kreuz, und in Budapest trafen wir auf ein Projekt, das von der Kirche unterstützt wird, das Kalunba Zentrum.

Und dann ging es weiter auf den Westbalkan?

Genau, wir sind dann in Szeged kurz vor der Grenze zu Serbien gewesen. Dort haben wir uns die ungarischen Grenzzäune angeguckt. Wir wollten ursprünglich zu Fuß über die Grenze laufen, das war allerdings nicht möglich. Es gab die Befürchtung, dass wir nicht über die Grenze kommen. Wir haben es allerdings ohne große Probleme nach Belgrad, Skopje in Mazedonien und zum Schluss nach Thessaloniki geschafft. Dort haben wir dann weitere Organisationen besucht.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

In Serbien haben wir Helfer kennengelernt, die vor Ort bei einer spanischen Organisation arbeiten. Die helfen Flüchtlingen in einem illegalen Camp, in dem tatsächlich nur Jugendliche dieser Initiative arbeiten. Mit Leuten in unserem Alter ein persönliches Gespräch zu führen, die sich in der Region wirklich einsetzen, fand ich beeindruckend.

Gab es auch negative Erlebnisse?

Besonders schockierend fand ich den Besuch beim Kalunba Zentrum in Budapest. Die ungarische Regierung dort macht wirklich Propaganda gegen Flüchtlinge, die sie als Terroristen ansieht, und auch gegen die Hilfsorganisationen. Eine Mitarbeiterin hat ihr eigenes Projekt als »schwarzes Schaf« der Gesellschaft beschrieben. Dass so etwas in einem EU-Land möglich ist, konnte ich mir vorher nicht vorstellen.

Die mediale Aufmerksamkeit in der Asylpolitik liegt jetzt auf dem Mittelmeer.

Man hat schon gemerkt, dass die Route nicht mehr aktuell ist. Wir haben keinen einzigen Menschen direkt auf der Flucht gesehen. Ich denke, vor zwei Jahren war das ganz anders. Es ging uns allerdings auch nicht darum, Flüchtlinge anzugucken, sondern wir wollten die Situation vor Ort kennenlernen. Die Hilfsorganisationen standen im Fokus, und die haben noch immer viel zu tun.

War es nicht trotzdem etwas Besonderes, über diese Route zu reisen, auf der vor drei Jahren Hunderttausende flohen?

Wenn man so darüber nachdenkt, auf jeden Fall. Aber dadurch, dass die Flüchtlinge an sich nicht präsent waren, hat man das eher vergessen. Mir wurde das erst wieder bewusst, als wir uns mit den Organisationen getroffen haben.

Hat die Reise bei Ihnen etwas verändert?

Ich habe einfach einen besseren Überblick über die Situation bekommen. und mein Bewusstsein zur Flüchtlingsthematik hat sich geändert. Einige aus der Reisegruppe waren auch vorher schon in der Flüchtlingsarbeit aktiv. Bei mir war das der erste persönliche Kontakt mit dem Thema. Vielleicht werde ich demnächst auch aktiv.

Und welche politische Forderungen haben Sie?

Man sollte das Thema insgesamt menschlicher betrachten und daran denken, dass es Menschen sind, die vor allem Hilfe brauchen und nichts Böses wollen. Der Umgang in der EU widerspricht diesem Gedanken. Ich glaube, wenn mehr Leute eine solche Reise machen würden, würde das Bewusstsein dafür wachsen.

Ihre Erfahrungen hielten die Jugendlichen auf einem Blog fest: www.bisansmittelmeer.de