/ Kultur

Kohlpasteten

Diana Anfimiadi

Von I.G.

Ich glaube, ich hab schon einmal von dem Garten erzählt, den unsere Familie in Awtschala (ein Stadtbezirk von Tbilissi) besaß. Ich mochte den Ort besonders gern - das Haus, das mein Vater gebaut hatte, die Bäume, die mein Großvater gepflanzt hatte und das Gemüse, das meine Mutter anbaute …

An jenem Tag waren wir in unserem Gartenhaus. Es war Frühjahr, Mutter lockerte die Erde, bereitete sie für die Aussaat vor. Auch die kleinen Bäumchen hatten wir schon von der Plastikverpackung befreit, in die sie gegen den Frost eingehüllt waren. Wir reinigten den Hof und verrichteten noch allerlei Arbeiten, bis wir Hunger verspürten.

Mutter hatte etwas zum Essen mit - Brotschnitten und Pflaumenmarmelade. Ich kann mich gut erinnern, wie kalt es war - der Winter hatte nochmals seinen frostigen Schweif geschwungen, wie man bei uns zu sagen pflegt, eigentlich war es kein Schweif, sondern eher eine Frostpeitsche … Wir hatten keine Möglichkeit, Tee zu kochen und bereiteten uns auf unsere kalte Mahlzeit vor, als auf einmal unsere Nachbarin, eine Ossetin, die Hofpforte betrat. Sie hielt in den Händen einen Teller, den sie in ein Handtuch gewickelt hatte und von dem eine milchig weiße Dampfwolke aufstieg - unter dem Handtuch schlummerten heiße Pasteten mit Kohlfüllung.

Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Kohlpasteten so gut schmecken können.

(Leider weiß ich den Namen dieser Nachbarin nicht mehr, auch Kohlpasteten habe ich seitdem nie mehr gegessen).

»Wahrsagen durch Marmelade«, so nennt Diana Anfimiadi ihr Buch, in dem sie Geschichten und Rezepte aus Georgien sammelt (146 S., geb., 21 €). 1982 in Tbilissi geboren, ist sie als Dichterin, Prosaautorin und Lehrerin tätig - und ist wohl im Privaten auch eine begeisterte Köchin. Bei manchen bleiben Düfte im Gedächtnis, bei anderen Stimmungen, bei ihr seien es die Geschmäcker, hat sie einmal gesagt. Ihren vorherigen Band auf Deutsch, »Sonntag der beleuchteten Fenster«, (150 S., geb., 18,40 €) hat sie sogar »eine kulinarische Biographie« genannt. Die darin vorgestellten Speisen sind wirklich köstlich (beide erschienen im Wieser Verlag). I.G.