/ Kultur

Begriff in Bewegung

Neue Stimmen zu einem alten Problem: Klassismus

Von Ricardo Altieri
Kulturelle Investition in die Klassenlage: Vater mit Kind bei der Weitergabe bürgerlichen Stallgeruchs

Der Begriff »Klassismus« hat in jüngster Zeit an Bedeutung gewonnen. Das ist insofern von Relevanz, weil er ein Phänomen beschreibt, das den meisten Menschen vertraut ist, obwohl sich noch keine griffige Umschreibung durchgesetzt hat: Es geht hierbei um die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft. Von »Klassismus« sind also vorzugsweise solche Personen betroffen, die der »Armutsklasse« entstammen.

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Nun haben Francis Seeck und Brigitte Theißl einen Sammelband veröffentlicht, in dem es konkret um Handlungsempfehlungen geht. In 27 Beiträgen wird häufig aus der Egoperspektive auf individuelle Erfahrungen eingegangen, also darauf, wo Klassismus im Alltag erfahrbar ist und wie man dagegen intervenieren kann. In der Einleitung heißt es: »Schon vor der Corona-Krise wurde im deutschsprachigen Raum vermehrt über soziale Ungleichheit gesprochen, der Klassenbegriff feiert ein kleines Comeback: Der Begriff Klassismus, der analog zu Rassismus und Sexismus eine Diskriminierungs- und Unterdrückungsform beschreibt, etabliert sich langsam auch im Deutschen - und wir immer seltener mit der Kunstepoche Klassizismus verwechselt.«

Eigentum und anderes Kapital

Francis Seeck erklärt, dass es bei der Klassenzugehörigkeit um verschiedenste Formen von Besitz geht, je mehr davon angehäuft wird, desto eher sei der Aufstieg in einer »Leistungsgesellschaft« möglich, so scheint es. Es gibt demnach ökonomisches Kapital, also Eigentum und Vermögen, kulturelles Kapital - etwa Bildungsabschlüsse - und schließlich soziales Kapital, das sprichwörtliche »Vitamin B«. Und »auch der Name, der Wohnort, die Sprache und der Geschmack können Marker für Klasse sein.« So konstatiert Seeck, dass Klassismus zu Scham führt, unter anderem deshalb, weil Klassenprivilegien nicht benannt werden.

Dass ein akademischer Hintergrund keinesfalls ein »Marker« für den Klassenaufstieg sein muss, zeigt Olja Alvir, indem sie gesteht, als Autorin mit Studienabschluss nur ein Viertel von dem zu verdienen, was ein befreundeter Softwareentwickler ohne hochschulische Vergangenheit erwirtschaftet. Das weist vor allem darauf hin, dass bei aller Normierung durch Begriffe wie »Klassismus« einer differenzierten Betrachtungsweise stets der Vorzug gegeben werden sollte. Als Beispiel diene der scheinbare Aufstieg bei Arbeitsmigration in die BRD: Zwar mag die Gehaltshöhe im Berufsleben in Deutschland bisweilen attraktiv wirken, doch das deutsche Rentensystem kann mit Blick auf die soziale Gerechtigkeit keinesfalls mit südlichen Ländern wie Italien, Spanien oder gar Griechenland mithalten. So wartet im Alter oftmals der Abstieg in die Armutsklasse.

Der Band enthält unter anderem ein Interview mit Jutta Werth, eine Rentnerin, die im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist. Sie war in den 1970er Jahren in der Antiknastbewegung tätig, was die Frage aufwirft, ob denn in deutschen Gefängnissen heute die Armutsgefahr zumindest insofern gebannt ist, als dass die mehr als 60 000 Inhaftierten, die dort zu täglicher Arbeit verpflichtet werden, den gesetzlichen Mindestlohn erhalten? Das ist mitnichten der Fall. Topverdiener wie die Chefs von Aldi und Daimler lassen hier für einen Stundenlohn von maximal drei Euro Hilfstätigkeiten für ihre Milliardenkonzerne verrichten. »Sagen, wie es ist, sagen, wie die Verhältnisse sind«, das ist für Jutta Werth der richtige Weg. Philipp Schäfer beschreibt Armut als »Produkt gesellschaftlich hergestellter sozialer Ungleichheit«.

Mit Jan Niggemann und Andreas Kemper sind in dem Band auch zwei Vorreiter auf dem Gebiet der Klassismusforschung vertreten. Niggemann dekonstruiert klassistische Stereotype, die in der Gesellschaft tief verankert sind - in zahlreichen, auch raffinierteren Versionen des Grundgedankens, Arme seien faul und selbst schuld an ihrer Lage. Zu dieser Form der Individualisierung klassistischer Diskriminierung äußert sich auch Lena Hennes. Dahinter verbirgt sich nicht nur eine platte Denkweise, sondern eine Ideologie, die davon ausgeht, dass Menschen in der Armutsklasse ihren Platz aus »natürlichen«, kulturellen oder gar »genetisch bedingten« Gründen erhalten hätten, dass eben alles seine Ordnung und Richtigkeit habe. Diese sozialen Hierarchien werden überall reproduziert, insbesondere im Bildungssektor. Kemper wirft hierzu einen Blick auf das Schul- und Hochschulsystem und kommt zu dem Fazit: »Was selten berücksichtigt wird, ist die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die sich nicht nur beispielsweise rassistisch und sexistisch zeigt, sondern auch klassistisch. Es gibt feindliche Einstellungen gegenüber Arbeiter*innenkindern, sie haben Gegner*innen und gut organisierte Feinde.«

Ängste von Jugendlichen

Der Band bietet zudem antiklassistischen Organisationen eine Plattform, zu Wort kommen etwa die Berliner Erwerbsloseninitiative BASTA! und die Solidarische Aktion Neukölln. Regina Amer beschreibt in einem Interview die bürokratische Sprache als Machtinstrument, insofern komplexe bürokratische Antragstexte eben nicht darauf zielen, von allen verstanden zu werden: »Behördenbriefe sollten in einer Sprache geschrieben sein, die ein normaler Mensch versteht«. Diese Haltung vertritt auch Anita Drexler, die eine antiklassistische Strategie bereits darin erkennt, Diversität in der Sprache sichtbar zu machen. Nicht zuletzt legt hier Arslan Tschulanov den Finger in die Wunde der deutschen Linken, denn auch in ihr habe sich Klassismus erhalten. »Dass diese das Problem bestreitet oder kleinredet«, ist jedenfalls teilweise nicht von der Hand zu weisen. »Klassismus und Diskriminierung bleiben Klassismus und Diskriminierung - egal, welche Intention sich dahinter verbirgt.«

Klassismus ist immer auch intersektional, das heißt parallel dazu können Rassismus, Sexismus, Transphobie, Antisemitismus, Ableismus und viele weitere Ausgrenzungsformen auftreten. Während sich Julia Wasenmüller der Kombination aus Klassismus und Rassismus widmet und dabei feststellt, dass insbesondere in Krisen diejenigen sichtbar werden, die sonst unerkannt bleiben und keine Lobby haben, lenken David Ernesto García Doell und Barbara Koslowski den Blick auf Menschen mit Behinderung, die gleichzeitig von Klassismus betroffen sind.

Hier mögen sich all jene angesprochen fühlen, die in Schule, Ausbildung, Studium oder Berufsalltag mit Suizidgedanken leben, ständige Versagensängste erdulden müssen, eben weil die Intersektionalität voll zuschlägt: »Depressionen sind multifaktorielle Krankheiten, bei denen biochemische Prozesse, Armut, Krieg, Gewalt, Rassismus, Sexismus, Kindheitstrauma und anderes eine Rolle spielen können.« Bettina Aumair will die Perspektive auf Klassismus zudem dezidiert außerhalb des schulischen Bildungsweges beachtet wissen.

Ein besonderer Vorzug des Bandes liegt darin, dass er nicht ausnahmslos aus akademischen Forschungsbeiträgen besteht, wenngleich die Theorie nicht zu kurz kommt. Interessant auch für die wissenschaftliche Befassung sind jene Stimmen Betroffener, sei es in Form von Erfahrungsberichten wie bei Geneva Moser, Charlotte Hitzfelder und Nadine Kaufmann, oder bei Interviews und Aufrufen zu praktischer Solidarität, aber auch in kreativen Ausdrucksformen, wie einem Gedicht von Sabto Schlautmann. Ziel des Bandes ist es, »den Begriff Klassismus (...) in Bewegung« zu halten oder zu bringen - und dazu trägt er auch bei.

Francis Seeck/Brigitte Theißl (Hg.): Solidarisch gegen Klassismus - organisieren, intervenieren, umverteilen. Münster: Unrast-Verlag, 275 S., brosch., 16 €.