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Die Fliegerkönige

Vier Geschichten aus dem deutschen Skispringerquartett, das in Oberstdorf WM-Gold gewann

Von Lars Becker, Oberstdorf
.So jubeln nur Sieger: Pius Paschke, Markus Eisenbichler, Severin Freund, Karl Geiger bei der Medaillenzeremonie (von links nach rechts).

Die coronagetesten Volunteers auf den Tribünen trampelten lautstark und schwenkten deutsche Fähnchen. Beim Finale dieser Nordischen Skiweltmeisterschaften ohne Zuschauer kam in Oberstdorf sogar so etwas wie Stimmung auf, als sich die deutschen Skispringer wie 2019 den Team-Weltmeistertitel geholt hatten. Der unglaublich nervenstarke Lokalmatador Karl Geiger krönte sich mit seiner vierten Medaille vor seiner Haustür zum Fliegerkönig dieser WM. Doch das war nur eine von vier unglaublichen Geschichten im deutschen Goldquartett.

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»Ich bin so unglaublich stolz auf meine Jungs. Es war unser Traum, hier Gold zu gewinnen und es ist extrem genial, es dann in einem der hochklassigsten Teamwettkämpfe aller Zeiten tatsächlich zu schaffen. Das ist der Lohn für unseren einmaligen Teamgeist«, lobte Bundestrainer Stefan Horngacher ungewohnt überschwänglich. Mit vier von sechs deutschen Medaillen retteten die Skispringer fast im Alleingang die deutsche Bilanz bei der Heim-WM. Mit einem goldenen Happy End: Mit 1046,6 Punkten verteidigte Deutschland seinen Titel nach einem dramatischen Wettbewerb vor Österreich (1035,5) und den Polen (1031,2), die vor dem letzten Sprung noch geführt hatten.

Doch dann kam Karl Geiger, »der mental stärkste Athlet, den ich je kennengelernt habe« (Horngacher). Wie schon beim Sensationsgold im Mixed-Wettbewerb sicherte Geiger als Schlussspringer mit einem Traumflug auf 136 Meter den Titel. Selbst Einzelweltmeister Stefan Kraft (Österreich) hatte keine Chance gegen den Oberstdorfer. »Karl ist eine einfach eine Maschine. Er liefert, wenn es drauf ankommt«, kommentierte Teamkollege Pius Paschke. Nach zweimal Teamgold sowie Einzelsilber und -Bronze werden sie Geiger in seinem Heimatort wohl ein Denkmal setzen.

»So ein Erfolg zu Hause ist schon etwas ganz Besonderes. Ich hoffe, dass ich damit auch etwas an die Oberstdorfer zurückgeben konnte, die unter den schwierigen Bedingungen so eine tolle WM gezaubert haben«, meinte Geiger gewohnt bescheiden. Vor ein paar Wochen noch völlig außer Form, war er beim vielleicht wichtigsten Höhepunkt seines Skispringerlebens auf den Punkt topfit. Nach dem Weltmeistertitel im Skifliegen und dem Sieg beim Tournee-Auftaktspringen in Oberstdorf krönte der 28 Jahre alte Ingenieur einen unglaublichen Winter. Und hatte danach vor allem einen Wunsch: Seine Ehefrau Franziska und die nicht einmal drei Monate alte Tochter Luisa in die Arme zu schließen.

Auch der Dank von Severin Freund ging zuerst an Ehefrau Caren und seine zweieinhalb Jahre alte Tochter. »Danke, dass ihr das in den letzten Jahren mitgemacht habt. Man kann sich vielleicht vorstellen, was mir dieser Titel nach der ganzen Zeit bedeutet«, meinte Freund. Viele hatten den 32-Jährigen nach seiner unglaublichen Verletzungsserie in den letzten Jahren mit einer Hüftoperation, zwei Kreuzbandrissen und latenten Rückenproblemen schon abgeschrieben. Doch der Titel hat den unglaublichen Kampfgeist von Severin Freund belohnt, der nach seinem doppelten Titelgewinn 2015 im schwedischen Falun erstmals nach sechs Jahren wieder bei einer WM zum Einsatz kam.

»Ich freue mich mega für Severin. Er ist ein Vorbild für uns alle«, meinte Markus Eisenbichler. Auch der Mann, der bei der WM 2019 mit drei Titeln noch der Fliegerkönig gewesen war, schrieb seine ganz spezielle Geschichte. Nachdem er beim Einzelspringen von der Großschanze am Freitagabend im Flockenwirbel gestürzt war, trug er mit der Teambestweite (138,5 m) entscheidend zum WM-Gold bei. Mit sechs WM-Titeln ist Eisenbichler nun der erfolgreichste deutsche Skispringer aller Zeiten. »Ich habe meine Topform hier in den beiden Einzelspringen nicht zeigen können, aber Teamwettbewerbe mag ich halt besonders. Schließlich sehe ich meine Kollegen das ganze Jahr über häufiger als meine Freundin und all meine Spezl’n«, sagte Eisenbichler mit einem Grinsen.

Einer der Teamkollegen ist Pius Paschke, der in diesem Winter mit 30 nun doch noch den Durchbruch in die Weltspitze geschafft hat: »Jetzt bin ich Weltmeister - das ist der Hammer. Das ist der emotionalste Tag in meinem Skisprungleben.« Der danach im deutschen Fliegerteam ausgiebig gefeiert wurde - natürlich jederzeit coronakonform.