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Eine Klasse empört sich

Die Allianzen des wehleidigen Bürgertums bereiten Leo Fischer mehr Sorgen als jede Maskenpflicht

Von Leo Fischer
"Sie tragen das empörte Antlitz des Zahnarztes, der nicht versteht, dass nach 23 Uhr die Cappuccino-Maschine nicht mehr für ihn eingeschaltet wird."

Vor kurzem produzierten 52 Schauspieler*innen versehentlich einen Querdenken-Werbespot. Ein paar distanzierten sich, als sich eine Affinität der Produzenten zur Verschwörungsszene als gar zu offenkundig herausstellte; man hat mal wieder von nichts gewusst. Die anderen werden jetzt von Talkshow zu Talkshow gereicht.

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Ihre Positionen sind die von Querdenken; wenn sie sich distanzieren, dann rhetorisch. So, wie man sich in der »Mitte« von Nazis distanziert, weil sie »dumm« sind, distanziert man sich hier von Querdenken, weil sie »Spinner« sind. Tatsächlich dürften weite Teile der Oberschicht mindestens Sympathien zu »Querdenken« haben; die Industrie sowieso. Solange die Querdenker auf den Straßen sind, hat die Politik ihre »besorgten Bürger«, deretwegen sie über »Öffnungen« nachdenken kann, und solange rollen die Fließbänder unbehelligt. Auch die Schauspieler wollen wieder zum Italiener und Geld verdienen wie früher; von der Politik fordern sie lediglich, in ihrem Lebensstil nicht länger eingeschränkt zu werden. Während die Krankheit Familien zerstört und Millionen ins Elend taucht, will die deutsche Oberschicht vor allem wieder in die Oper gehen.

Weil die Aktion der Schauspieler dann doch zu plump war, wird jetzt für die Akademiker*innen im hohen Register nachgelegt. Die »Zeit« holt dafür drei Autor*innen zum Gespräch zusammen. Thea Dorn, Juli Zeh und Daniel Kehlmann zeichnen sich dadurch aus, dass sie letztes Jahres komplett durchdrehten. Kehlmann verbarrikadierte sich im Frühjahr mit seiner Playstation in einem Landhaus und sah noch im Herbst die USA zu einem neuen Nordkorea mutieren, weil seine Freundin ihre Nobelboutique in Manhattan schließen musste. Während sich die Tönnies-Mitarbeiter zu Hunderten infizierten, gab ihnen Juli Zeh per »Welt«-Interview zu verstehen, dass der Tod nun mal zum Leben gehöre. Thea Dorn lamentierte in einem eilends hingepfuschten Corona-Roman über unseren fehlenden Willen zum Hedonismus, während die Alten in den Pflegeheimen starben wie die Fliegen.

Alle drei wollen sich mit dem Interview offenbar irgendwie rehabilitieren. Rhetorisch haben sie abgerüstet, inhaltlich bleibt alles beim Alten: »Keine Gesellschaft hört einfach nur auf die Wissenschaft«, »die Wissenschaft« gebe es gar nicht, jammert Boutiquenfreund Kehlmann und vergleicht den Kampf gegen Corona mit dem amerikanischen »War on Terror«. Thea Dorn orakelt, wenn sie sich nicht über »Todesverhinderung« lustig macht, von »Weimar« und »Ausnahmezustand«; wir erinnern uns, auch die AfD sprach vom »Ermächtigungsgesetz«. Zeh empört sich, dass Politik durch »Pädagogik« ersetzt würde, wahrscheinlich, weil sie sich neuerdings die Hände waschen soll, und will an »die großen Stellschrauben«, schweigt aber so beredt wie die anderen Beiden von der Industrie, die von fast jeder Pflicht befreit Rekordgewinne macht. Sie tragen das empörte Antlitz des Zahnarztes, der nicht versteht, dass nach 23 Uhr die Cappuccino-Maschine nicht mehr für ihn eingeschaltet wird.

Es ist die Empörung einer ganzen Klasse, die nicht einsieht, dass für sie noch Regeln gelten. Maßnahmen können ihretwegen getroffen werden, aber nicht für sie - sie wollen weitermachen wie bisher. Überhaupt von Gesetzen betroffen zu sein, sich nicht rauskaufen können, behandelt zu werden wie Hartz-IVler, bei denen sie aber keinen Gedanken an Freiheiten und Grundrechte verschwenden, ist schon der ganze Grund der Empörung. Die Allianzen, die das Bürgertum in seiner Wehleidigkeit schmiedet, machen mir persönlich mehr Sorgen als jede Maskenpflicht.