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Die Krux mit dem Kreuz

»Unterwerfung« von Michel Houellebecq am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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In »Unterwerfung« provozierte Michel Houllebeq mit der Vision eines muslimisch regierten Frankreichs. Nun brilliert Edgar Selge am Deutschen Schauspielhaus Hamburg als schäbig zynischer Protagonist Francois.

Er ist ein Parasit - aber ein heiliger. Sagt der erfrischend räudige Franzose Michel Houellebecq und meint: den Künstler. Der kann am besten »auf dem Körper reicher und in Verwesung befindlicher Gesellschaften gedeihen.« Wie zum Beispiel die russischen Punkerinnen von Pussy Riot. Sie sind wieder da. Mit einem neuen Video gegen das staatsgroße Gefängnis, dem Putin vorsteht - der in Syrien gerade blutige Wege freibombt für die Truppen des Diktators Assad. Putin-Versteher rührt das nicht. »Es gibt immer Typen«, sagt Houellebecq, »die noch das Schlimmste ihrer Gesinnungsgötzen hinnehmen, als sei es nicht existent. Aber so ist das eben: Wir entwickeln uns nicht, wir biegen uns alles zurecht. Wir biegen auch uns selber zurecht, bis wir in unser eigenes Weltbild passen. Und wenn das Weltbild wechselt, dann biegen wir uns weiter. Ändern tun wir uns nie.«

Wie Francois, Literaturprofessor an der Pariser Sorbonne, fragwürdiger Held des Romans »Unterwerfung« von Houellebecq - am Deutschen Schauspielhaus Hamburg fand jetzt die Uraufführung einer Theaterfassung von Karin Beier und Rita Thiele statt, Regie: Karin Beier, Bühne: Olaf Altmann. »Unterwerfung«, kein zufälliger Titel. So hieß der letzte Film des niederländischen Satirikers Theo van Gogh. Man sah in diesem Film Verse des Koran, projiziert auf einen geschundenen Frauenkörper. Van Gogh wurde ermordet - das Vorprogramm zu Charlie Hebdo. In Houellebecqs Roman wird ein Muslim, Ban Abbès, 2022 französischer Präsident. Ins Hiesige übersetzt: Die befürchtete Pegida-Prognose als Praxis - »Islamisierung des Abendlandes«; Europas Zentrum rückt in den Süden. Die Linken machen mit, beugen sich in eine Koalition, um den Siegeszug der Rechten zu verhindern. Vorwärts in einen sanften Gottesstaat! Francois, der Professor, im Umbruchswirbel. Politik? War ihm immer egal. Frauen? Nur gut als studentisches Frischfleisch. Ein linker Intellektueller, immer auf der Suche nach einer Idee, die ihm eine mühefreie Existenz ermöglicht. Linkssein: Genießen!, aber mit geballter Faust. Mit der Islamisierung der Universität verliert er seinen Job. Ist fast stolz. Bis er sich doch den Vorteilen hingibt: dreifaches Gehalt, mehrere Ehefrauen - und deren totale Verfügbarkeit ist sogar Staatsraison. Was will man mehr? Einst zeigte Bertolt Brecht in »Mann ist Mann« einen kleinen Kerl, der losging, einen Fisch zu kaufen, und heimkehrt er als beglückt eingekaufter Söldner. Vom Käufer zum Killer: ein kurzer Weg - weil der Killer längst im Käufer nistete. Wie der Extremist im Demokraten. Der Extremist oder der Mitläufer.

Der fast dreistündige Abend ist ein Monolog. Francois erzählt seine Geschichte. Wie ein zweiter eiserner Vorhang steht da eine bühnenhohe Wand. Nah an der Rampe. Edgar Selge ist Francois. Ihm bleibt vorn ein schmaler Streifen Spiel-Raum. Aber in die Wand ist ein Kreuz gefräst, das sich im Uhrzeigersinn dreht, sehr, sehr langsam. Dort hinein kriecht, dort hinauf klettert Selge regelmäßig - die Hohlflächen des Kreuzes wie Fluchtzellen, Verstecklöcher. Jesuskreuz und Drehkreuz der Geschichte. Das religiös Aufrichtende, einst gebunden an den Todesmut, ist hier das reale Kraxelziel für einen Lebensfeigen: Francois hievt sich hoch zu den Kreuzfächern, klimmzugkeuchend, und verhuckt salbadert er aus seiner Nische - wir schauen zu, wie da einer zu Kreuze kriecht. Immer bereit für die nächste geistige Saloppheit, für die nächste ethische Bequemlichkeit, für die nächste politische Wende. Selge lässt grandios energievoll seine Ironie funkeln, spielt melancholische Depressivität und zynische Schärfe; wir sehen ihn virtuos an den Gestaltungsklippen entlang tänzeln, mit einem Spielbein stets in (scheinbarer!) Improvisation balancierend, im Spontanen, im zufällig und kunstlos Hingetuschten. Dieser schäbige, schlaue, schlurfende Francois ist redselig, in einem Alltag zwischen Erektion und Reflexion, er kumpelt mit dem Publikum, schlüpft jeweils kurz in andere Rollen, und er nimmt auch mal einen Zuschauer als unmittelbaren Gegenpart. Denn: Francois sucht Verbündete - der Bürger in der Krise kann sich den Menschen nicht denken, ohne ihn zu verallgemeinern. Das Individuum, das unteilbares Subjekt sein will, sehnt sich nach Objektivierung: Es müssen alle gemeint sein, wenn er sich selbst in jenes Spiel bringt, bei dem die Courage nicht allzu gut wegkommt. Das ist der Tarnkappengeist - Unterwerfungsverrücktheit, getüncht als gewiefte Skepsis. Haltlosigkeit eines eingebildeten Souveräns, der andere braucht, um er selbst zu sein. Ein salopper Wurstigkeitsphilosoph, ein Dickfelliger, der sich dünnhäutig gibt. Ein Mensch, der kein Leben hat - außer in Worten, die der jeweils günstigsten Gelegenheit zusprechen. Ein nach Liebe bettelnder Liebloser.

Selge ist großartig, freilich erschüttert er nicht, er ist bestechend kabarettistisch. Er ist die flatternde, fluchende, schwitzend erklärungsnotständige Verkörperung der europäischen Syndrome: überall gefräßiger Selbstbezug, gottlose Demokratien. Die Ängste streunen. Und auch eine linke Kulturkritik hierzulande streunt; ihr politischer Zirkel hat weder dort Charisma, wo er sich als Partei an den Realitäten abarbeitet, noch dort, wo er die alten Phrasen von Aufstand und Radikalität recycelt. Und schon gar nicht zeigt das Linke dort Wirkung, wo es in bedrängender Geistknappheit nur immer die Abschaffung des Kapitalismus neu auflegt. Als sei alles Unbill dieser Welt einzig mit sozial- und politökonomischer Hebelkraft aufs erlösende Gleis zu heben. Als gebe es nicht jene gigantische Verbrechensspur, die sich just unter revolutionierten sozialen Bedingungen in die Geschichte grub. Eine Spur, die wesentlich zur Schandbiografie der Aufklärung und zu einem Weltgedächtnis geführt hat, das wohl auf nicht absehbare Zeit nur immer neurotisch auf neuerliche Bewusstseinsschulen reagiert. Und vor allem: Als gebe es nicht die so entscheidende bipolare Natur des Menschen - er meißelt den hohen Gedanken, um im gleichen Atemzuge kräftig zu verzwergen. Die Großväter noch in der Widerstandsbewegung, die Enkel, die's besser ausfechten sollen, schon in der Bewegung des geringsten Widerstandes. Francois, der Prototyp. Auch eines Westens, der an sich selber eingeht, weil nichts mehr von ihm ausgeht. Es leben die Ideale! Ja, so, wie es eine von Francois’ Frauen sagt: »Ich liebe Frankreich - ich liebe Käse!«

Houellebecqs Frankreich-Vision hat geistige Nachbarn. Angesichts einer verheerend ungezügelten westlichen Missions- und Befriedungsgier sehnte sich Botho Strauß schon vor Jahren nach einem »panislamischen Reich vom Sudan bis nach China. Hätten wir es schon! Ein Kalter Krieg wäre wieder möglich. Also Bedrohungspotenziale. Waffenruhe.« Waffenruhe - besser als Frieden, diese Wortverhunzung. Eine wuselwilde Demontage. Die Rückverwandlung eines Etablierten zum Kaspar Hauser einer verödeten Moderne. Francois hockt in den Schlupflöchern, das Kreuz als Krux - wohin mit dem bisherigen Glauben?! Selge schmiert sich mit Heilsalbe ein, ein weißes Clownsgesicht, ein Verblassender, ein Gebleichter, wirr und irr steht er jetzt da, in dunkler Unterwäsche - plötzlich fährt die Wand zurück, das Kreuz verschwindet im Dunklen, als gehe eine ganze Welt unter, ein kurzes »Oh!« nur, schon zieht sich der Professor mechanisch wieder an, steht nun da in züchtiger muslimischer Garderobe. Der neue Mensch in neuer Zeit. Edgar Selge erstarrt. Lebloser kann Zukunft nicht sein. Alles nur Theater.

Nächste Vorstellungen: 10., 16., 17.2.

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