Werbung

Fünfzehn Stimmen, fünfzehn Bilder

Ivan Lefkovits edierte Erinnerungen von Shoah-Überlebenden und Gerhard Richter illustrierte sie

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Oktober 1941 kam der Befehl zum Transport. Vorher musste mein Vater in Eichmanns Büro unterschreiben, dass wir auf unser Vermögen, auf die Häuser und alle Wertgegenstände verzichten … wir hatten keine Ahnung, wohin wir gingen. Es hieß, irgendwo in den Osten, zur Arbeit«, erzählt Hanus Arend.

Als die zwölfjährige Nina Weilová den SS-Mann um Hilfe für die sterbende Mutter anflehte, verpasste er ihr eine Ohrfeige und sagte: »Soll sie doch verrecken«.

»Der SS-Mann ließ die zwei Schäferhunde von der Leine, da rannte ich in Todesangst die Schanze runter – seither habe ich meine Angst vor Hunden nicht überwinden können«, gesteht Ernst Brenner.
Peter Lebovic erinnert sich: »Der SS-Mann ließ den jungen Häftling, der zwei Kartoffeln im Ärmel versteckt hatte, in eine Tonne mit vereistem Wasser werfen. Wir sahen ihn nie wieder.«

»Meine kleine Schwester kam aus der Baracke, wo sie sich versteckt hatte und gab mir ein Stück Brot. Wir weinten beide«, beschreibt Jake Verstand den Augenblick vor ihrem Abtransport nach Auschwitz.
»Im Vorraum der Baracke lag eine Frau, die schwer atmete«, berichtet Sigmund Baumöhl, »neben ihr kniete die Tochter und weinte. Als die Frau starb, hörten wir die Tochter laut schluchzen.«
»Man sprach«, ergänzt Gábor Hirsch, »von einem Goebbels-Kalender – damit war gemeint, dass die Selektionen häufig an jüdischen Feiertagen stattfanden. Das konnte Zufall gewesen sein, aber man vermutete eine Absicht.«

»Hätten sie nicht genügend Häftlinge gehabt, um einen Eisenbahnwagen zu füllen, sie hätten uns am Stadtrand erschossen«, sagt Arnost Schlesinger, sich an sein Überleben erinnernd, »so aber transportierten sie uns ins Sammellager Sered«.

»Beim Fliegeralarm rannten wir in den Wald in Deckung«, erzählt Gábor Nyirö, »das ging einem SS-Mann zu langsam, da erschoss einen jungen Häftling neben seinem Vater.«
Wohin man die Toten brachte, wusste Ivan Lefkovits damals nicht. Erst nach der Befreiung sah er einen Film, der zeigte, wie die SS die Leichen in Massengräber warf.

Die sind Zitate aus fünfzehn Erinnerungsbändchen, die ich willkürlich der Kassette entnahm. Beim Öffnen eines jeden sprangen mich jene Sätze an und sogleich erkannte ich, dass das Grauen, das gigantische Verbrechen Auschwitz sich von Seite zu Seite neu vergegenwärtigen würde.
Dem Jüdischen Verlag im Hause Suhrkamp ist es hoch anzurechnen, für die Herausgabe dieser erschütternden Memoiren den heute in der Schweiz lebenden Ivan Lefkovits gewonnen zu haben, der Ravensbrück überlebt hatte, dessen gesamte Familie jedoch in der Nazizeit ermordet worden ist. Unter seiner Obhut reifte die Sammlung zu einem schier beispiellosen Unterfangen – auch, weil der Maler Gerhard Richter hinzugezogen werden konnte, der einem seiner Gemälde fünfzehn Motive entnahm, um daraus fünfzehn separate Titelbilder zu gestalten, die ein jeder Geschichte vorangestellt wurde. Höchste Buchkunst für eine einzigartige Dokumentation der letzten Zeugen. Und so wichtig! Zum Auftakt des Detmolder Prozesses gegen einen Wachmann aus Auschwitz sorgte eine Frau für Tumult, die wiederholt den Holocaust leugnete.

Ivan Lefkovits: »Mit meiner Vergangenheit lebe ich«. Memoiren von Holocaust-Überlebenden. Mit 15 Bildern von Gerhard Richter. Jüdischer Verlag, Berlin. 995 S., geb., 79 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln