Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Warum der kleine Kolja schweigt

Zehntausende Menschen fanden Zuflucht im südrussischen Gebiet Rostow

  • Von Ulrich Heyden, Solotaja Kosa
  • Lesedauer: 4 Min.
Die russische Regierung bereitet 50 000 neue Plätze für Flüchtlinge aus der Ostukraine vor. Einige fanden in einem Kinderheim im Gebiet Rostow Zuflucht.

Durch die kahlen Bäume im Park des Kinderheims »Romaschka« pfeift der Wind. In dem Heim haben seit dem letzten Jahr 120 Flüchtlinge aus der Ost-Ukraine, darunter 47 Kinder, Unterschlupf gefunden. Das Gebäude ist frisch renoviert und strahlt in einem hellgrünen Pastellton. Die drei Mahlzeiten am Tag sind kostenlos. Jede Familie hat ein Zimmer für sich. Hier in der Bucht von Taganrog kann man im Sommer wunderbar im Asowschen Meer baden. Das Wasser ist nicht tief, ideal für Kinder. Sie werden in den Ferien erwartet.

Deshalb müssen die zeitweiligen Bewohner das schöne Heim am Meer wieder verlassen. Einige der 120 Flüchtlinge kehren zurück in die ostukrainischen »Volksrepubliken« Lugansk und Donezk. Sie haben kein gutes Gefühl, gibt es doch immer noch Beschuss durch die ukrainischen Streitkräfte. Andere Flüchtlinge werden im südrussischen Gebiet Rostow umquartiert.

Seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland im April 2014 wurde das Rostower Gebiet an der Grenze zur Ukraine einer der wichtigsten Korridore für Hunderttausende Menschen, die Schutz in Russland suchten. Nach Angaben der Migrationsbehörde in Moskau kamen zwischen dem 1. April 2014 und dem 26. Januar 2016 rund 1,1 Millionen Ukrainer nach Russland, die bisher nicht wieder zurückkehrten. 19 000 Ukrainer, darunter 6000 Kinder, lebten Ende Dezember 2015 in 383 Flüchtlingsunterkünften in Russland. 170 000 Ukrainer wollen für immer in Russland bleiben und haben sich nach Angaben der Behörde um die Genehmigung bemüht.

Ein sehr großer Teil der ostukrainischen Flüchtlinge in Russland lebt bei Verwandten oder Bekannten. In Rostow sind nach Angaben der Gebietsverwaltung allein 27 800 Menschen auf diese Weise untergebracht.

Wie die »Nesawissimaja Gaseta« berichtete, bereitet die russische Migrationsbehörde inzwischen 50 000 neue Plätze für Flüchtlinge aus der Ostukraine vor. Sie sollen vor allem in Regionen Sibiriens, dem Ural- und dem Wolgagebiet untergebracht werden. Die Flüchtlingskinder aus dem Heim »Romaschka« gingen in die nahe gelegene Schule im Dorf Solotaja Kosa (Goldene Landzunge). Sie bekamen kostenlos Schulbücher und Hefte, wurden neu eingekleidet, erzählt die 29-jährige Jekaterina. Sie ist mit ihren zwei kleinen Kindern aus der Bergarbeiterstadt Krasnodon im Lugansker Gebiet geflüchtet. Die Spenden, erzählt sie, kamen von Privatleuten und der russisch-orthodoxen Kirche.

Auf einem der langen Korridore komme ich mit einer Großmutter ins Gespräch, die ihren dreijährigen Enkel auf dem Arm hat. Viele Kinder seien traumatisiert, haben Mütter berichtet. Kolja schaut Fremden nicht ins Gesicht und sagt keinen Ton. »Zuerst dachten wir, dass er nach den Bombardierungen überhaupt nicht mehr spricht. Erst im Dezember hat er damit angefangen«, erzählt die Babuschka. Was der Grund seines Schweigens sei? »Er hat alles gesehen. Neben uns hat man ein Wohnheim bombardiert.« Wenn er ein Flugzeug hörte, verstecke er sich unter einem Bett. Ihre Tochter sei alleinerziehend und arbeite jetzt im Rostower Gebiet.

Einer der wenigen männlichen Flüchtlinge ist Denis. Der 29-Jährige erzählt, er sei ohne Vater aufgewachsen und gemeinsam mit Mutter und Großmutter geflüchtet. Denis ist von Beruf Systemadministrator und sucht Arbeit in Russland. Um sich wenigstens etwas Taschengeld zu verdienen, hat er in der Nachbarschaft in einem landwirtschaftlichen Betrieb Äpfel sortiert. Sein Haus am Stadtrand von Lugansk liege auf einer strategisch wichtigen Anhöhe. Es sei bei den Kämpfen zwischen den Opoltschenzi, also den Aufständischen, und der ukrainischen Nationalgarde zerstört worden.

Im Eingangsbereich des Heims sitzt eine Gruppe Rentnerinnen aus dem Dorf Krasny Jar in der nicht anerkannten Volksrepublik Lugansk. »Wir lebten dort praktisch an der Front«, sagt eine ältere Frau, die sich auf ihren Krückstock stützt. »Die Naziki haben ihre Stellungen drei Kilometer von unserem Dorf entfernt. Wir sehen sie und sie sehen uns. Was sie über uns denken, wissen wir nicht.« »Naziki« (Nazis) oder »Karateli« (Mitglieder von Strafbataillonen) nennen die Frauen die Soldaten des ukrainischen Freiwilligenbataillons Aidar, die im Juli und August 2014 das Dorf Krasny Jar mit Panzern beschossen.

Wenn die Rentnerinnen jetzt zurückkehren müssen, wird es schwierig. Ihr Mehrfamilienhaus habe nur noch ein halbes Dach und die Fenster seien mit Plastikfolie bespannt, erzählt die Frau mit dem Krückstock. Immerhin helfe das Internationale Rote Kreuz bei der Instandsetzung der Häuser. Es seien Balken, Holzplatten, Schiefer und Nägel geliefert worden. Lebens- und Reinigungsmittel liefere Russland. Das Trinkwasser aber müssen die Frauen, wenn sie zurückkehren, mit Eimern in ihre Wohnungen schleppen.

Im Flüchtlingsheim bekämen sie Medikamente kostenlos, erzählen die Rentnerinnen. Aber zuhause in Krasny Jar müssten sie Medikamente selbst bezahlen. Bei einer monatlichen Rente von 2000 Rubel (rund 24 Euro) sei das schwierig.

Hoffentlich fängt der Krieg nicht wieder an, sagt eine weißhaarige Frau. Zuviel haben diese Frauen nach einem anstrengenden Arbeitsleben schon durchgemacht. Das Leben im Kinderheim an der Taganrog-Bucht ist vielleicht sogar ein Sonnenstrahl in ihrem Leben.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln