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Pinselstriche wie blutrote Striemen

Malerei des Berliner Künstlers Hans Vent in der Galerie Parterre

Auf die Frage, was sich denn in den letzten Jahren in seinem Schaffen verändert habe, antwortete er lapidar: »Ja, was soll ich sagen, man macht eben immer seine Sache weiter. Was sich ändert, ist das Zeitempfinden, das Malerei ja immer ausdrückt. Ich habe für mich eine Ausdrucksform gefunden, die sich nicht im eigentlichen Sinne weiterentwickelt oder irgendwohin geht«. Was aber ist die »Sache« des Berliner Malers Hans Vent, dem die Galerie Parterre jetzt zu seinem vorjährigen 80. Geburtstag eine nachträgliche Jubiläumsausstellung ausgerichtet hat?

Seine Gemälde und (farbigen) Papierarbeiten der letzten Jahrzehnte geben Strandfiguren, Akte, Rufer, Läufer, Paare, Gruppierungen, Köpfe, einzeln oder miteinander verspannt, wieder. Neben einem dünnen Farbauftrag, der das Papier durchscheinen lässt, stehen pastose und krustige Partien auf der Leinwand. Konturen werden plötzlich unterbrochen oder verschwinden unmerklich in Flächengrund. Mit der Verdichtung der Farbe geht eine Abstraktion der Pinselschläge zu symbolhaft-suggestiven Kürzeln einher. Von Schleiern umhüllt, dann wieder wie in Stein geschlagen die Köpfe, in ein konstruktives Gerüst gepresst, dann wieder innere Unruhe, pulsierendes Leben vermittelnd. Zwischen-Zustände des Lebens. Die Pinselbewegungen werden horizontal wie vertikal gesetzt, brechen ab und setzen von Neuem an. Es ist unentschieden, welcher Impuls sich schließlich durchsetzen wird.

Man schaut in die elementaren Körperstrukturen, die Gesichter hinein wie in eine Landschaft - es geht hier um Physiognomisches, Gestisches, nicht um Porträthaftes. Geborgenheit, Vertrauen, Verletzbarkeit, Einsamkeit und auch Angst sprechen aus ihnen. Pinselstriche wie blutrote Striemen verweisen auf ein Golgatha des gepeinigten Menschen. Manchmal liegt ein Munch’scher Schatten auf ihnen, so dass sie wie eine Todesvision erscheinen und Memento-mori- oder Vanitas-Charakter annehmen. Durch die prismatische Auflösung des Bildes in ein konsequentes Flächenmuster wird jeglicher räumlich-illusionistischer Zusammenhang vermieden. Gewiss kann man mit den Akten anderer Künstler leichter leben, doch die Vent’schen Akte öffnen mit kühnem Wagemut und kompromissloser Ehrlichkeit neue Wege für die Kunst: »Das Aufbrechen der Form, das ich immer wieder versuche«, sagt Vent, »ist ein Bild für die Brechung der Realität in uns.« Der Mensch als dramatisches Konfliktzeichen.

In seinen jüngeren Arbeiten bricht Vent die Flächen stärker zum Relief auf. Er richtet die Abfolge der Flecken und Flächen nach verschiedenen Richtungen aus, die mit dem, was sie bezeichnen sollen, in keinerlei Verbindungen zu stehen scheinen. In der Auftragsrichtung springt er von rechts nach links, von links nach rechts, in die Horizontale, Diagonale und Vertikale um. Kann man schon hier von einem gegenstandsfernen Rhythmus sprechen, der den Aufbau des Bildes prägt, so verstärkt sich diese Rhythmik im Bau der Figuren. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, den Blick nicht an der Integrität der Körperformen und an der Richtigkeit der Anatomie zu orientieren, sondern an der inhärenten Rhythmik des Körpers, dann erschließt sich die Darstellung auf eine lebendige und adäquate Weise.

Wie in der Fotografie, wie im Film sind die Bewegungs- und Sehphasen aufgefächert, die Oberfläche des Körpers durch Lichtreflexe und Spiegelungen zersplittert, Formen und Farben spektralisiert. Starke Kontraste, harte Konturen und dann wieder Wischungen und Undeutlichkeiten stellen eine Herausforderung an den Betrachter dar. Wir vergegenwärtigen uns nicht mehr einen realen oder idealen Körper - innerhalb der Tradition -, sondern haben die Figuren innerhalb eines Prozesses aus bedeutungslosen Farb-Form-Elementen erst zu »realisieren«. Da der Bildprozess nicht abgeschlossen ist, wird auch der Bildinhalt zum Gegenstand einer unendlichen Wiederholung. Was diese Körper- und Kopflandschaften auch sein mögen - Hoffnungspartikel oder Motivfragmente einer verklingenden Menschlichkeit -, der Maler Vent macht eben unbeirrbar »immer seine Sache weiter«.

Galerie Parterre, Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg, Mi-So 13-21 Uhr, Do 10-22 Uhr, bis 20. März. Arbeitsheft XI (Vent. Der Maler) 18 Euro.

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