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Apple will nicht beim Geräteeinbruch helfen

US-Unternehmen sieht Präzedenzfall in FBI-Anfrage - IT-Unternehmen wehren sich gegen »digitale Hintertüren«

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.
Das FBI kann die Verschlüsselung eines iPhones nicht knacken. Apple soll helfen und weigert sich trotz eines Gerichtsbeschlusses. Die Weigerung hängt auch mit einem entscheidenden Element des Geschäftsmodells zusammen.

Freiheit oder Sicherheit in der digitalen Sphäre? Zwischen diesen Pole bewegt sich der Konflikt zwischen dem IT-Unternehmen Apple und US-amerikanischen Behörden - bei dem sich der iPhone-Hersteller sogar auf die Seite von Terrorhelfern gestellt sieht: »Apple entschied sich, die Privatsphäre eines toten IS-Terroristen statt der Sicherheit des amerikanischen Volkes zu schützen«, verkündet der republikanische Senator Tom Cotton. Und der Präsidentschaftsbewerber Donald Trump erklärt, das Unternehmen handele »schadhaft« - und müsse notfalls zur Zusammenarbeit mit dem FBI gezwungen werden.

Was versetzt die US-Politik, abgesehen vom Wahlkampfgetöse und dem Signalwort »Terror« so in Rage gegen eines der profitabelsten und erzkapitalistischsten Unternehmen? Apple weigert sich trotz einer gerichtlichen Anordnung, der US-Bundespolizei Hilfe beim Entsperren eines iPhones zu leisten: Es geht dabei um ein Gerät, dass einer der getöteten Attentäter von San Bernardino nutzte. Dieses fiel dem FBI Anfang Dezember in die Hände, nachdem das Attentäterpaar, das sich zum IS bekannte, 14 Menschen in Kalifornien erschoss. Mit dem Gerät hat das FBI jetzt aber ein Problem: Es ist passwortgeschützt und hat eine automatische Löschfunktion. Wird zehnmal ein falsches Passwort eingegeben, werden die auf dem Gerät gespeicherten Daten unwiederbringlich gelöscht. Das FBI weiß nicht, ob diese Funktion aktiviert ist - und hat auch keine Möglichkeit, Entschlüsselungsprogramme über digitale Schnittstellen auszuprobieren, um die manuelle Eingabe zu umgehen. Das Gericht ordnete nun an, diese »digitale Hintertür« zu öffnen.

Apple weigert sich aus zwei Gründen. Das Unternehmen will das nicht, um das Vertrauen der Kunden in die Sicherheit ihrer Daten nicht zu untergraben - und man könne das auch gar nicht: »Jetzt hat die US-Regierung nach etwas gefragt, was wir einfach nicht haben - und auch zu gefährlich finden, es zu erschaffen«, sagt der Chef des Unternehmens, Tim Cook. Der Konzern sei technisch nicht in der Lage, die Verschlüsselung der Geräte und Daten auszuhebeln und auf viele Informationen der Nutzer überhaupt zuzugreifen. Frühere iPhones ließen sich entsperren, in den neueren Versionen des Betriebssystems iOS wurde diese Möglichkeit aber versperrt. Unter anderem auch, um die Nutzung der Smartphones nach einem Diebstahl unmöglich zu machen.

Das kalifornische Gericht und das FBI argumentieren, dass die angeforderte Entschlüsselungstechnik nur für ein bestimmtes Gerät bestimmt sei. »Das ist einfach nicht wahr«, kontert Cook in einem Brief: Einmal entwickelt, könnte die Technik immer wieder angewandt werden - es wäre das digitale Äquivalent zu einem Generalschlüssel für alle möglichen Häuser, Geschäfte oder Banken. Die Regierung würde Apple bitten, die eigenen Kunden zu hacken. »Dieselben Mitarbeiter, die die Verschlüsselung des iPhones entwickelt haben, sollen ironischerweise diese nun wieder knacken«, schrieb Cook.

Viele US-IT-Unternehmen wehren sich seit Jahren gegen immer neue Versuche von US-Behörden, die Unternehmen zu zwingen, »digitale Hintertüren« in ihre Geräte oder Dienste zu integrieren - vor allem die Snowden-Enthüllungen zur NSA befeuerten die Debatte stark. Datensicherheit ist seitdem verstärkt auch ein Verkaufsargument. Es stecken aber auch politische Implikationen dahinter, wenn Cook anmerkt: »Wir glauben an die guten Absichten des FBI, aber wir sehen eine Überreaktion der Regierung. Wir fürchten, dass ihre Wünsche die grundlegenden Freiheiten untergraben, die die Regierung schützen soll.«

Begehrlichkeiten, die Datensätze zu nutzen, sind aus Regierungssicht sogar verständlich: Während in den USA kein zentrales Melderegister existiert, geben Smartphone-Nutzer detaillierteste Informationen über ihre Geräte preis: Vom aktuellen Aufenthaltsort über Freundeskreise bis hin zu sexuellen Vorlieben. Würden die Unternehmen hier nachgeben, wäre das Geschäftsmodell vieler IT-Unternehmen, das auch auf einer Verzerrung beruht, erschüttert: Die Nutzer geben bereitwillig Daten über Geräte oder Software an Unternehmen, während die Vorstellung, dass die gleichen Daten in die Hände von Kriminellen oder auch Regierungen gelangen, für viele erschreckend ist.

Dementsprechend schnell sprangen auch die Spitzen anderer IT-Unternehmen aus dem Silicon Valley Apple bei: Google-Chef Sundar Pichai und WhatsApp-Gründer Jan Koum warnten fast wortgleich vor einem »gefährlichen Präzedenzfall«, sollte ein Unternehmen das Hacken eigener Software oder Geräte zulassen. Und der demokratische Senator Ron Wyden bemerkte, dass die US-Regierung so auch Russland und China ermutigen würde, auch amerikanische Unternehmen zu digitalen Hintertüren zu zwingen.

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