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Dauerfeuer der Monstrositäten

Roger Vitracs »Victor oder die Kinder an die Macht« am Berliner Ensemble

Von Volker Trauth

Er gehöre zu den Dramatikern, die die Wirklichkeit durch »Maskierung der Absurdität« einsichtig machen wollen und deshalb zu gröberen Mitteln greifen würden, sagte der große französische Autor Jean Anouilh, nachdem er die Uraufführung von Roger Vitracs Stück »Victor oder die Kinder an die Macht« in der Regie von Antonin Artaud 1927 in Paris gesehen hatte. Die hatte ihn so beeindruckt, dass er später Vitracs »böses Ballett« in seinem Stück »Ardele« plagiierte. Auch in »Ardele« die Explosion der Monstrositäten: eine wohlsituierte Bürgerin, die es mit dem buckligen Hauslehrer trieb oder ihre ältere Schwester, die - ebenfalls bucklig - den Stau ihrer sexuellen Gelüste nicht eindämmen konnte.

Der Monstrositäten hatte es ja in »Victor...« jede Menge gegeben. An die Stelle von Logik und Glaubwürdigkeit sind Albträume und Zerrbilder, all die Spukgestalten der Nacht, getreten. Auslöser einer Familienkatastrophe ist der »schrecklich intelligente« Victor geworden, ein Kind, das schon zwei Meter groß ist und die Verlogenheit und Leere der Eltern sowie von deren Bekannten mit grellen Tönen aufdeckt. Zusammen mit seiner Freundin, der sechsjährigen Esther, spielt er die von Esther belauschte Sexszene zwischen seinem Vater Charles und deren Mutter Therese vor. Den Vater Esthers, Antoine, provoziert er mit der Nennung des Namens vom Generals Bazaine, der ihn mit unsinnigen Befehlen während des Deutsch-Französischen Krieges von 1871 in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem grenzdebilen General Etienne nötigte er das Versprechen ab, auf ihm reiten zu dürfen und einer seltsamen Besucherin namens Ida Totemar die minutiöse Schilderung eines Geschlechtsaktes sowie den Ausstoß eines gewaltigen Furzes.

Nach dem Abgang dieser merkwürdigen Dame bröckelt in diesem Vorreiterstück des absurden Theaters die Fassade scheinbar wohlanständigen Familienlebens endgültig ab. Auf freudlosem Nachtlager will Charles seinen Fehltritt gestehen, die Ehefrau wiederum versucht ihn mit kläglichem Misslingen um die Ecke zu bringen, ehe sie tränenreich vergibt und den Unhold sowie dessen Geliebte zum Schwur der Unterlassung zu veranlassen. In die weihevolle Schwurszene platzt die Nachricht vom Freitod von Thereses Ehemann Antoine, der mit dem Gesang der Marseillaise auf den Lippen über Paris schweben will. Am Ende nimmt sich auch Victor das Leben, weil er begriffen hat, dass er doch nicht Jesus ist. Das Stück ist eine Parodie auf das Salonstück mit seinem überlieferten Personal, das Vitrac bis zur Unkenntlichkeit auf den Kopf stellt.

In einem Manifest zur Uraufführung plädieren Autor und Regisseur für ein Theater, das imstande ist, die »Zuschauer zum Schreien zu bringen«. Die Zuschauer zum Schreien vor Lachen bringen will auch der junge Regisseur dieses Abends, der in Frankreich mehrfach ausgezeichnete Nicolas Charaux. Er strebt eine Spielweise an, die auf den Flügeln der Fantasie die Wirklichkeit spielend überfliegt. Der wahnsinnige Antoine geht buchstäblich die Wand hoch, wenn er den Namen Bazaine hört, der General Etienne scharrt mit den Füßen, ehe er dem neunjährigen als Reittier dienen darf und das gesamte Figurenensemble verkeilt sich zu einem gierigen Klumpen, wenn es die Lust des kollektiven Fleischfressens preist.

Antoine und Charles übertreffen sich gegenseitig bei der Schilderung von Kriegserlebnissen. Charles inszeniert sich als Hauptakteur der Schlachten und Antoine lässt mit Geschrei die arabischen Hengste ausreiten. Charaux lässt Rituale wie die Geburtstagspolonaise breit ausspielen und zelebriert unbeirrt die von Vitrac beschriebenen Obszönitäten wie die Beschreibung des »rosaroten Polypen« als Ausweis der Liebesbereitschaft von Charles. Ein Musiker begleitet auf wechselnden Instrumenten die Vorgänge und treibt mit seltsam orgelnden Tönen die Furzszene der Ida Totemar auf die groteske Spitze.

Irgendwann aber geht dem Abend die Luft aus und das Dauerfeuer der Monstrositäten beginnt sich abzunutzen - sicherlich auch weil es an Momenten der Bestürzung und Nachdenklichkeit fehlt. Schauspielerisch fällt ein gravierender Unterschied im Maß von Realitätsferne und artifizieller Kunstfertigkeit auf. Norbert Stöß als Charles könnte als beinahe realistisches Abbild eines ewig nervenden Kleinbürgers durchgehen, während Jörg Thieme die artistische Nummer eines hüpfenden und zappelnden Sonderlings liefert. Die Leistung des Abends aber gelingt Swetlana Schönfeld als Victors Mutter Emilie. Im jähen Wechsel von röhrenden Fischweibtönen, theatralischen Erregungsgesten und sentimentaler weihevoller Feierlichkeit beweist sie eine Vielgestaltigkeit, an der es der Inszenierung mitunter fehlt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte; nächste Termine: 19. und 23.2.; www.berliner-ensemble.de

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