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Die Lust an der Abwesenheit

Der Dichter Durs Grünbein und seine Dresdner Kindheitserinnerungen »Die Jahre im Zoo«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Soziale Geborgenheit. Angstfreies Gesichertsein. Bildung gut, medizinische Versorgung gut, der Friedensgedanke auch gut, mehr noch: ein hohes Gut. Mit jedem Tag, da die DDR ein Stück tiefer in die Kälteschichten der Geschichte sinkt, scheinen ihre Vorzüge deutlicher denn je durch die Gedächtnisse vieler Menschen zu geistern. Von Regisseur Andreas Dresen überliefert: eine Diskussion von Filmleuten nach der friedlichen Revolution über Vor- und Nachteile eines Ost- und eines Westlebens. Die Urteile über das Westleben: hart, ungerecht, wenig solidarisch. Und das soll nun die lohnenswerte Alternative zur DDR sein? Kurz und knapp sagt Dresens Studien- und Regiekollege Andreas Kleinert: Ja, gewiss furchtbar, »aber lieber im Dschungel als im Zoo!«

Der Zoo: Zähmung. Zahnschwäche. Zaungewalt. Fütterung mundgerecht. Muskelschwäche als Erziehungserfolg. »War es nicht so, dass wir gewissermaßen eingepfercht lebten in diesem Stück Kulturlandschaft, das uns von Geburt an zugeteilt war, vom Horizont umschlossen die Schläfen, und es gab kein Entkommen?« Fragt der Dichter Durs Grünbein in seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen »Die Jahre im Zoo« und nennt das »kleine Land« ein »einziges Lager, aus dem keiner, wer da hineingeraten war, jemals ausbrach - es sei denn mit dem Risiko, dass man mit einer Maschinenpistole hinter ihm herschoss«.

Die DDR als das »Große Gehege«? Anklang an Caspar David Friedrichs Gemälde der Ostra-Gegend nordwestlich von Dresden, eine düstere, gleichsam mondferne Verweigerung von Weltvertrauen; das Bild als metaphorischer Verweis auf Grünbeins Empfindung von einem »in Unfreiheit begonnenen Leben«. Anpassung? Ja. Zwar wird er später zur NVA gehen, aber »auf Republikflüchtlinge zu schießen, das kam nicht in Frage«, man schickt ihn daher in den äußersten Norden des Landes, »damals erfuhr ich, was es heißt, verachtet zu werden ... ich war unbrauchbar für sie, einer, den man am besten ausschied aus dem Volkskörper und seinen klassenfeindlichem Eigensinn überließ. Sie beschimpften den Vater, verfluchten die Mutter, und von da an war meine Zukunft in diesem Land verbaut.«

Grünbeins Kindheit: frühe »Lust an einer gewissen Abwesenheit«. Der Dresdner hat Sehnsucht nach Klassik, nach höherer Gestimmtheit, das ist durchgängig ahnbar in der Art, wie er seine Kindheit aufschreibt. Hellerau, die 1906 begründete Gartenstadt auf den nördlichen Hügeln, eine Modellsiedlung für die Einheit von Wohnen, Arbeit und Kunst. Kafka, der Hellerau besuchte und moderne Möbel mochte - Durs jagt ihm förmlich nach im Bücherdickicht der Antiquariate.

Was der Lyriker Grünbein heraufholt, es geschieht in grandios dichtem Ausdruck, in durchgefeilter Sprache, die so genau ist, so schmeckend, so fassbar - und doch geprägt von einem entschiedenen Anhauch der Wirklichkeitsüberschreitung. Historie verschmilzt mit Momentaufnahmen der alltäglichen, familiären Schicksale. Striche von Düften, Bildern, Geräuschen. Ein Ton, der stellenweise zum Poem wird und der das Existenzbewusstsein wie einen Pfeil durch die Zeiten schickt - ein Ton, der Anverwandtschaft sucht bei Gestorbenen, bei Überlieferten, den wahren Siegern der Demokratie: Sie sind die Mehrheit; wir wären verloren, hörten wir nicht mehr auf ihre Stimmen.

Ein Buch mit Außenklo, mit einer Badewanne, die sich das Kind mit Karpfen teilt, mit dem Geruch eines Fischladens im Wohnhaus der Großeltern. Hitlers Regime zieht als familiäre Erinnerung vorbei, die nicht unbedingt mit Widerstand verbunden ist. Das Dresden der Weltgeschichte: Schutt. Das Dresden des Großvaters: der Städtische Vieh- und Schlachthof. Großvater bringt Fleischpakete mit nach Hause, die menschenblutigste Assoziationen wecken. Der muffige Kinosaal am Ort, die Krähenschwärme am »volkseigenen Himmel«, das Knistern der Schulheizung im Winter, »alles ging seinen ruhigen Gang, fern der Weltgeschichte«. Und jedes Jahr die Freuden zu den Sommerfilmtagen, Gojko Mitic als Glücksdroge, auch wenn es in den DEFA-Indianerfilmen bisweilen zuging »wie in einer Lehrveranstaltung zu den Zehn Geboten der sozialistischen Moral und Ethik«.

Der andere Großvater, der Kreuzworträtselfanatiker aus Gotha, weckt Durs aus dem »Tiefschlaf der Sprache«, und mählich empfindet dessen werdendes Gemüt einen wohlig empfundenen Tiefschmerz über den »sozialistisch realistischen« Erneuerungsrumor. Wo doch in allem, was sich bewegt, was sich neu formiert, was sich dynamisch gebärdet, eine Gültigkeit aus Jahrhunderten ruht. Ruht - aber auch klebt, und wer’s ändern will, muss auf Menschen zurückgreifen und bauen, die es nicht gibt. Deren Phantomname: revolutionäres Subjekt. Grünbein, der Nachgeborene vom Jahrgang 1962, beharrt jedoch auf Individualität als letzter und vielleicht einziger Rettung vor dem Virus des Totalitären. Poesie erscheint so auch als Infragestellung einer Vernunft, die nach außen, ins Machbare drängt und auf ihren Wegen voran übermüdete Erwartungen hinterlässt.

Kein Dichter kann um den Preis seiner Berechtigung absehen von sich selber, aber Grünbein hat mit diesem Buch über seine Herkunft auch ein ganz anderes Buch geschrieben: Aus dem Porträt des Außenseiters formt er, inmitten gesellschaftspolitischer Bedrängungen, das Bild des beglückend utopiefreien Menschen. Als nähme diese vorsichtige, misstrauische, mitunter nahezu ausgemusterte Frühzeit eines Jungen in Hellerau vorweg, was im Aufbau des neuen Staates auch dessen Ruin betrieb: steigendes Desinteresse der Millionen an Bewusstseinsoperationen. Übertragbar auf unzählige Existenzen: Nische, List, Skepsis, allumfassendes Fernweh und Distanzverhalten. Viel, viel später, im Herbst 1989, wird das Früchte tragen, die den Träumern sauer schmecken: Es findet erstmals eine deutsche Revolution ohne Vordenker statt. Was am Ende der DDR Tausende auf die Straße trieb, war einzig die Unerträglichkeit der Zustände, nicht jedoch der verzweifelte Utopieschwung hoffnungsvoller Reformer. Und im Kleinen einer Hellerauer Biografie spiegelt sich diese vielleicht geschichtsmächtigste Kraft: Leben, das nichts (mehr) zu tun haben will mit einem gedanklichen Vorläufertum, das sich nur immer radikal veränderte Geschichtsgänge ersinnt.

»Durch das ganze zwanzigste Jahrhundert streunen die Hunde«, hat Grünbein einmal geschrieben. Verweis auf das Abenteuer der Unbehaustheit, das von keinerlei sozialem Ordnungsstreben verhindert, gedämmt werden kann. Immer siegt irgendwann ein Freiheitswille, der sich zwar den Schmutz, den Staub des Lebens auf die Haut holt, aber just dabei seine Lebendigkeit erfährt.

Dieses Buch habe ich mit der Anteilnahme für einen Jungen gelesen, der das Wort »wir« nur wie ein mühsames, fast peinigendes Einverständnis mit lebensbestimmenden Gemeinschaften aussprechen kann, seien es die Kinderbanden, seien es die aufgezwungenen Kollektivismen. Sensibilität als Gefahr, als Kainsmal - wer einzeln ist, hat es nie sehr weit zu großen Ängsten.

Berührend Grünbeins Porträt des Hellerauer Bohemiens Paul Adler. Jude aus Prag, der sich in der Vorhitlerzeit bei den Behörden als unzurechnungsfähig anzeigte, weil er das Schreckliche voraussah: dass, wie Grünbein schreibt, »der gesunde Menschenverstand in den kollektiven Wahnsinn führen musste«. Adler ging in die Wälder um Dresden und atmete tief ein. Wo einer tief einatmet (prüf dich!), hat er alles hinter sich. Und bei sich.

Auch das Dichterleben eines Durs Grünbein, mitten im Labsal heutiger bürgerlicher Fülle, steht für das würdigste Schicksal der Poesie: Sie bleibt einsam. Sie ist das einzeln Freie. Grünbeins erster nächtlicher, sich regelmäßig wiederholender Albtraum der Kindheit: Das Dach öffnet sich, auch der eigene Kopf. »Ich war dem schwarzen Außenraum ausgesetzt und hatte das Gefühl, mit großer Kraft nach draußen gesogen zu werden.« Von da an durchkreuzt etwas Entscheidendes »die Jahrhunderte meiner Kindheit« - denn was den Siebenjährigen streift, ist »die Gewissheit der Sterblichkeit, das Gefühl der Ausgesetztheit«. Vielleicht beginnt so die wahre Freiheit: Die Träume wandern ins Innere und besetzen das Gedächtnis - das irgendwann nichts Neues mehr braucht, um alles zu wissen.

Durs Grünbein: Die Jahre im Zoo. Ein Kaleidoskop. Suhrkamp. 404 S., geb., 24,95 €.

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