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Lieber schnell vergessen

Für geflüchtete Frauen, die von Gewalt betroffen sind, sind spezielle Rückzugsorte in Notunterkünften und mehr Plätze in Frauenhäusern nötig

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.
Flüchtlinge wissen oft nicht, dass es Beratungsstellen und Zufluchtsorte für von häuslicher und sexueller Gewalt Betroffene gibt. Deshalb gehen deren Vertreter nun auf sie zu.

LARA hat eine Kochgruppe gegründet. Eigentlich war eine sogenannte Stabilisierungsgruppe in einer Berliner Notunterkunft für Flüchtlinge geplant. Aber die Mitarbeiterinnen des Krisen- und Beratungszentrums für vergewaltigte und sexuell belästigte Frauen LARA merkten schnell, dass viele Frauen lieber vergessen wollten, was sie auf der Flucht erlebt hatten, statt sich darüber auszutauschen. Jetzt wird zusammen Essen zubereitet - als niedrigschwelliges Angebot, sich erst einmal langsam gegenseitig kennenzulernen.

Notrufnummern, Frauenhäuser, Beratungsstellen für von häuslicher oder sexueller Gewalt Betroffene - Einrichtungen, an die sich Frauen wenden können, wenn der Partner oder ein Mitbewohner in der Notunterkunft sie belästigt, gibt es zumindest in Großstädten. Doch die neu Angekommenen wissen kaum um deren Existenz, hinzu kommen fehlende Sprachkenntnisse auf beiden Seiten - und seit Jahren beklagter Personalmangel in den Einrichtungen.

Vermehrt gehen die Hilfsorganisationen nun von sich aus auf die Betroffenen in den Not- und Gemeinschaftsunterkünften zu. Die Berliner Initiative gegen Gewalt gegen Frauen (BIG) bietet Beratungen sowohl für Mitarbeiter als auch Bewohnerinnen von Flüchtlingsheimen an. Die »Interkulturelle Initiative« plant die Einrichtung mobiler Beratungen in Notunterkünften oder in Kindertagesstätten oder an anderen Orten, wo die Betroffenen geschützt über ihre Erfahrungen sprechen können.

Was fehlt, sind spezielle Schutzräume für Frauen in den Flüchtlingsheimen selbst. Das forderten am Montag auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özuguz (SPD) und die Diakonie Deutschland. Allein aus bautechnischen Gründen ist das aber häufig nicht machbar. Und Schutzräume alleine reichen auch nicht, meint Nadja Lehmann, Geschäftsführerin der »Interkulturellen Initiative«, die seit 15 Jahren ein Frauenhaus vor allem für Migrantinnen betreibt. »Wenn Frauen in der Unterkunft sexuell belästigt werden oder in der Beziehung von Gewalt bedroht sind, ist es häufig das beste, zumindest vorübergehend mal weg zu kommen.«

17 von 25 Plätzen in ihrem Frauenhaus waren 2015 von Flüchtlingsfrauen belegt, viele brachten ihre Kinder mit. Weil die Frauenhäuser seit Jahren überfüllt sind, will Lehmann nun ein weiteres Haus eröffnen. Die Berliner Lotto-Stiftung hat gerade Gelder bewilligt, mit denen der Umzug des Frauenhauses in ein neues Gebäude finanziert werden kann. Wenn alles klappt, soll das alte Gebäude im Oktober eine Unterkunft für geflüchtete Frauen werden.

Die Sorgen und Nöte von Frauen mit Gewalterfahrungen sind meist ähnlich - unabhängig davon, ob sie flüchten mussten oder nicht. Trotzdem benötigen geflüchtete Frauen häufig zusätzliche Unterstützung: Viele sind traumatisiert, sei es, weil sie aus Kriegsregionen kommen, oder weil sie schwierige Fluchtwege hinter sich haben, auf denen sie zum Teil sexuelle Gewalt erfahren mussten. In Deutschland angekommen, müssen sie zudem verstehen, wie die Strukturen hier funktionieren, was das Jugendamt tun kann und darf und welche Rechte und Pflichten aus dem Kindesschutz entstehen. In Frauenhäusern können sie Rechts- und Sozialberatung in Anspruch nehmen und werden zu Behörden begleitet.

Trotz aller negativen Erfahrung, die manche Frauen auch mit ihren Partnern erleben, die selbst häufig traumatisiert sind, ist es für die meisten zunächst wichtig, als Familie zusammenzubleiben. Erst wenn ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist und ihre Perspektiven deutlicher sichtbar sind, werden einige von ihnen es wagen, sich zu trennen, ist sich Lehmann sicher. Spätestens dann werden mehr Plätze in Not- und Kriseneinrichtungen benötigt.

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