Bangalores Seen sterben

Umweltverschmutzung führt in Indiens Gewässern zu Tausenden toten Fischen

  • Von Doreen Fiedler, Delhi
  • Lesedauer: 3 Min.
Indien wäre gerne eine Wirtschaftsmacht wie China. Ähnlich wie beim Nachbarn bleibt dabei die Natur oft auf der Strecke. Besonders sichtbar ist dies in Bangalore. Die Seen dort schäumen und brennen.

Der Varthursee in Indiens Millionenstadt Bangalore ist so verschmutzt, dass er meterhohe Schaumberge produziert. Auf dem Wasser des Bellandursees entzündeten sich Öle und Fette - es sah aus, als brenne der See. In dieser Woche nun kamen Tausende tote Fische an die Oberfläche des Ulsoorsees inmitten der Stadt. Sie bildeten einen riesigen Teppich aus Flossen und Schuppen.

»Das ganze Abwasser aus Bangalore landet in den Seen«, sagt T.V. Ramachandra, der am Indischen Institut für Wissenschaften in Bangalore Gewässer erforscht. In Studien stellt er fest: Sowohl die meisten Fäkalien als auch hochbelastetes Wasser aus der Industrie fließen in die Gewässer. »Ineffiziente Behörden, achtlose Unternehmen und zahlreiche nebenstaatliche Agenturen ... haben die Gartenstadt in eine unbewohnbare Metropole verwandelt«, heißt es im jüngsten Gutachten zum Varthursee.

Schuld an der Katastrophe in ganz Indien ist nach Ansicht des nicht-staatlichen Zentrums für Wissenschaft und Umwelt (CSE) die ungeplante Urbanisierung. Es gebe im Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt keine zuständige zentrale Stelle dafür. In der Folge würden die Gesetze nicht eingehalten, meint Sushmita Sengupta vom CSE-Wasserteam. Wo der Fluss Yamuna durch die Hauptstadt Delhi fließt, steigen Methanblasen aus der dunklen Brühe auf. Nicht einmal der heilige Ganges bleibt verschont. Indiens Regierung gibt zu, dass der Fluss in manchen Abschnitten zum Baden ungeeignet ist. Dabei wollte eine Regierung nach der nächsten den Ganges säubern.

Nirgendwo ist die Verschmutzung so sichtbar wie in Bangalore, der Acht-Millionen-Stadt. Wegen der hohen Einleitung an Waschmitteltensiden schäumen die Seen an ihren Ausflüssen. In der Regenzeit so stark, dass der Schaum Straßen überspült. »Ich komme jeden Tag hier vorbei und sehe, wie der giftige Schaum auf den Autos und den Motorradfahrern landet«, sagt die Software-Spezialistin Sanchita Jha. »Und das in einer IT-Stadt! Ich schäme mich dafür.« Jha startete eine Online-Petition und eine Kampagne in sozialen Medien. Angesichts des öffentlichen Aufschreis versprach Bangalores Infrastrukturbehörde BBMP bei mehreren Treffen im Mai 2015, sich schnell um das Problem zu kümmern. Die sichtbarsten Maßnahmen bislang: ein großer Maschendrahtzaun verhindert, dass der Schaum die Straße erreicht. Das sei natürlich nur Symptombekämpfung, meint Professor Ramachandra. Nötig seien Kläranlagen und Algenbassins, um das Wasser zu reinigen. Er habe keine Hoffnung mehr. »Wir können nur vor Gericht etwas erreichen.«

Außerdem setzt er auf Aufklärung der Bevölkerung. Er trat u. a. vor Schülern der K.K. High School in Varthur auf. 50 000 Liter ungeklärtes Wasser, sagte er, flössen jeden Tag in ihren See. Deswegen stinke das Gewässer so. Einige Schüler haben Proben aus den Trinkwasserbrunnen rund um den See entnommen. Das Wasser habe bei mehreren Parametern über den zulässigen Werten gelegen, erzählt Pavana Vekatachalapathi ihren Mitschülern. Eine Befragung der Ärzte habe gezeigt, dass viele Bewohner an Hautkrankheiten und Magen-Darm-Problemen leiden. »Schickt E-Mails an den Premierminister. Demonstriert vor seinem Büro«, forderte Ramachandra seine jungen Zuhörer zu Aktionen auf. dpa/nd

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung