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Gespenster der Geschichte

Das Lenbachhaus in München widmet der Künstlerin und Musikerin Michaela Melián eine große Einzelausstellung

  • Von Jonas Engelmann
  • Lesedauer: 6 Min.

Als »Schichten statt Geschichten« hat der vor 30 Jahren verstorbene Autor Hubert Fichte sein Schreiben einmal charakterisiert. Schichten, die vom Leser abzutragen sind, um die darunter verborgene Geschichte freizulegen - eine Gegengeschichte zur offiziellen, zur staatstragenden, eine Geschichte der Vergessenen, Übersehenen und Übergangenen. Kein Wunder, dass Hubert Fichte im Werk der Münchner Künstlerin Michaela Melián immer wieder eine Rolle spielt - ebensolche Schichten von Bedeutungen bestimmen auch ihre multimedialen Arbeiten. Schichten, die etwa auf die vergessenen Frauen der Kunstgeschichte verweisen, auf das Nachleben des Nationalsozialismus in Deutschland, oder auf den Zusammenhang von Fortschritt und Kriegstechnik.

Auch wenn das Werk der Künstlerin und Musikerin davon geprägt ist, den hochkulturellen Raum des Museums hinter sich zu lassen und stattdessen den öffentlichen Raum, den Club oder das Radio zu bespielen, widmet ihr derzeit das Lenbachhaus mit »Electric Ladyland« eine große Einzelausstellung in München. Es ist die erste Einzelausstellung in der Stadt, der die mittlerweile mit einer Professur für zeitbezogene Medien an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg lehrende Melián seit langem eng verbunden ist: Dort hat sie in den 1970er Jahren Cello und bildende Kunst studiert, die Zeitschrift »Mode und Verzweiflung« herausgegeben und 1980 die bis heute existierende, einflussreiche Post-Punk-Band Freiwillige Selbstkontrolle gegründet.

Melián hat 2008 den Münchner Künstlerwettbewerb zur Gestaltung eines Holocaust-Denkmals gewonnen, ihre multimediale Arbeit »Memory Loops« versammelt für über 300 Orte in der Stadt Erinnerungen von Tätern, Opfern und Zuschauern, die sie bearbeitet und mit Musik unterlegt hat, und die online abrufbar sind. »Mit den Memory Loops legt sich eine auditive Struktur über den Stadtplan, das ganze Stadtgebilde wird hier als Träger des Denkmals definiert und entzieht sich den offiziellen Erinnerungsritualen«, erklärt die Künstlerin im Gespräch.

Die Suche nach neuen Formen von Erinnerung prägt auch die im Lenbachhaus versammelten acht Arbeiten der letzten Jahre, deren älteste »Föhrenwald« 2005 entstanden ist. Die Kontinuitäten deutscher Geschichte werden in der multimedialen Installation in den Mittelpunkt gerückt. Föhrenwald, das heutige Waldram, 30 Kilometer südlich von München gelegen, war in den 1930er Jahren als Mustersiedlung gebaut worden, wurde dann als Lager für Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie genutzt, um nach dem Zweiten Weltkrieg für zehn Jahre als Siedlung für jüdische Displaced Persons zu dienen. Nachdem viele der dort angesiedelten Überlebenden in den neu gegründeten Staat Israel oder Städte wie München und Frankfurt am Main umgezogen waren, wurde die »Mustersiedlung« von deutschen »heimatvertriebenen« Familien bezogen.

Stimmen, Musik und Dias schwarz-weißer Umrisse der Siedlungshäuser verbinden sich in dem Werk zu »divergierenden Bildern mit ihren unterschiedlichen Lesarten, Spannungsfeldern, Überschreibungen, Schichtungen«, wie Melián ausführt. Wie sehr sich die Gegenwart des Ortes auch bemüht, die Spuren der Vergangenheit verschwinden zu lassen, bleiben sie doch unter der Oberfläche bestehen, als Gespenster der Geschichte.

Solche Gespenster und künstlichen Menschen bestimmen auch den Auftakt der Ausstellung im Kunstbau des Lenbachhauses, die titelgebende Installation »Electric Ladyland«, eine in jeder Hinsicht überwältigende Arbeit. Auf über 140 Meter ziehen sich auf meterhohen Stoffbahnen gedruckte Zeichnungen an beiden Seiten des Ausstellungsraumes entlang, von der Decke hängen unzählige Glühbirnen, die dem Raum ständig neue Schattierungen geben. Und aus Lautsprechern ertönt eine Komposition Meliáns, die auf Fragmenten von Jacques Offenbachs Oper »Hoffmanns Erzählungen« beruht - und nicht, wie man vermuten könnte, auf Jimi Hendrix’ berühmtem Song »Have You Ever Been (To Electric Ladyland)«. Dieses Lied ist mit seinem Besingen der Elektrifizierung jedoch auch mitzudenken: »Good and evil lay side by side while electric love penetrates the sky«. Der Titel der multimedialen Installation gibt die Richtung der freizulegenden Schichten vor: »Electric Ladyland« behandelt die Rolle der Frau in Film, Kunst, Wissenschaft und Literatur, und es geht um Technik und Fortschritt, um Künstlichkeit, Prothesen und Automaten, Gentechnik und Kriegsforschung.

Ausgangspunkt ist E.T.A. Hoffmann: »In Nathanaels Innerm glühte höher auf die Liebeslust, er umschlang die schöne Olimpia und durchflog mit ihr die Reihen«, heißt es in seiner Erzählung »Der Sandmann« über den unglücklich und unwissentlich in den Automaten Olimpia verliebten Studenten Nathanael, der daran glauben will, dass diese Puppe ein Leben in sich trage, »denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal übers andere: ›Ach - Ach - Ach!‹« Dieses »Ach« jedoch bleibt das einzige, was Olimpia von sich gibt, und dieses »Ach« ertönt, eingesungen von Melián, auch in der Ausstellung. Hoffmann wie auch Offenbach, der das Motiv der Olympia in seiner Oper aufgegriffen hat, haben mit ihren künstlichen Frauenfiguren Olimpia/Olympia einen Typus Frau entworfen, der in seiner Reduzierung auf ein seufzendes »Ach« und grazilen Walzertanz die den Frauen des 19. Jahrhunderts gesellschaftlich zugewiesene passive Rolle manifestierte. Die Kontrolle der Frau wie auch die Geschichte männlichen Begehrens spiegele sich in dieser Figur, führt die Künstlerin aus.

Neben der Kontinuität solcher Zuschreibungen wird in »Electric Ladyland« die Faszination für künstliche Menschen von der Renaissance bis in die Gegenwart nachvollzogen, von ersten künstlichen Gliedmaßen im 17. Jahrhundert bis hin zu Frankensteins Labor. Deutlich wird die enge Verknüpfung des Krieges und der Forschung, die etwa in der Entwicklung von Prothesen eine wichtige Rolle gespielt hat, und heute in der Genforschung ihre Fortsetzung findet. Ein in mehrfacher Hinsicht hochpolitisches Werk also, das die Künstlerin ihrer Heimatstadt zumutet, eine extrem verdichtete Form der Vergegenwärtigung von Geschichte.

»Das Material legt seine eigenen sinnlichen Fährten aus und indem es auf ganz verschiedene Zusammenhänge verweist, erzeugt es eine Bewegung zwischen Einerseits und Andererseits, Vorher und Nachher, Ohr und Auge. In der Bewegung, also im Moment des Dazwischen, wird eine eigene Kategorie produktiv. Und vielleicht erzeugt diese Bewegung auch ein Feedback, das letztendlich wieder auf sie selbst zurückwirkt«, sagt die Künstlerin in einem Gespräch mit der Kuratorin Eva Huttenlauch, das im Katalog zur Ausstellung enthalten ist. Solche Feedbacks im Besucher erzeugen auch andere ausgestellte Arbeiten, die meditative Sound-Film-Text-Installation »Speicher«, die Glasmalereien »In A Mist« über utopische Visionen der Moderne von Brechts Agit-Prop-Theater bis zu Warwara Stepanowas konstruktivistischen Stoff-Musterentwürfen, oder die Installation »Lunapark« aus Licht, Glas und Sound, die sich einer utopischen gläsernen Architektur angenommen hat.

Sie möge die Idee des Gesamtkunstwerkes nicht, erklärt Melián während der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung, aufgrund ihres grenzüberschreitenden Arbeitens mit Bild, Text und Musik wird sie jedoch oft mit dieser Idee in Verbindung gebracht. In ihrem permanenten Überschreiten der Hochkultur in Richtung Pop, der Idee einer Kunst, die im öffentlichen Raum eine Auseinandersetzung einfordert und nicht ohne ihre politische Dimension zu lesen ist, emanzipiert sich Melián von der elitären Idee des Wagner’schen Gesamtkunstwerks. Ihre Kunst will mehr, als lediglich durch Bombast beeindrucken, und ist gerade deswegen so beeindruckend.

Michaela Melián, Electric Ladyland, Lenbachhaus/Kunstbau, Luisenstr. 33, München, Bis 12. Juni

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