Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Vom Gefühl, etwas verpasst zu haben

Anna Mitgutsch über eine schwierige Annäherung von Vater und Tochter - und eine Reise in die Ukraine

Eigentlich erzählt die österreichische Autorin Anna Mitgutsch in ihrem breit angelegten Familienroman ein Vater-Tochter-Verhältnis. Denn alternierend zwischen der Perspektive des Vaters in der dritten Person und der Tochter in der Ich-Form kreist die Handlung um eine lebenslang problematisch gebliebene Beziehung.

Die Erzählung umfasst die Zeit von etwas mehr als einem Jahr, die Zeit von der Einlieferung des 96 Jahre alten Vaters in die Klinik wegen eines Schlaganfalls über die Entlassung und kurzfristige Einstellung einer ukrainischen Pflegerin bis zum Tod des alten Theo. Frieda, die einzige Tochter Theos aus dessen erster Ehe, ist inzwischen selbst pensioniert und hat als promovierte Historikerin jahrzehntelang Geschichte an einer Mittelschule unterrichtet. Tief von der eigenen Zeit geprägt, d. h. von den Entwicklungen um 1968 und der Aufarbeitung der Nazi-Geschichte samt des Holocaust-Furors versucht sie, ihren Vater zu verstehen - einen Vater, der sich als unpolitischer Mensch sieht und von anderen als der unauffällig-zurückhaltende große Schweiger wahrgenommen worden ist. Aber auch dem Vater geht es seinerseits um das Verstehen-Wollen der Tochter, die von der zweiten Frau Berta stets als unwillkommenes Aschenputtel zurückgestellt worden ist, wogegen der Vater sich nie ernsthaft zur Wehr gesetzt hat.

So kreist der Roman, dessen Titel präzise benennt, wovon er erzählt, in ständigen Mäandern, die weit aus- und zurückgreifen in die Historie, um diese kompliziert-komplexe Vater-Tochter-Beziehung.

Durchgängig herrscht auf beiden Seiten das Gefühl, etwas verpasst zu haben, die wirklich entscheidenden Dinge im Leben nicht an- und ausgesprochen oder auch den dafür überhaupt richtigen Ton gefunden zu haben. Immer dann aber, wenn vermeintliche Nähe entstehen könnte, »trat verlegenes Schweigen ein, wir saßen einander am Küchentisch gegenüber, die Hände um die leeren Kaffeetassen gefaltet, wie zwei Fremde, die sich gezwungen sehen, Konversation zu machen, suchten wir krampfhaft nach einem Gesprächsstoff, der nichts Schmerzliches berühren und doch persönlich sein und Nähe schaffen sollte«.

Vater und Tochter stecken im eigenen Hamsterrad und können nicht heraus. Erst mit der Einstellung der 37-jährigen ukrainischen Pflegerin Ludmila, deren Zuwendung dem Alten am Ende seines Lebens kleine, aber existenzielle Glücksmomente beschert, tritt eine neue Situation ein, ausgelöst durch die Eifersucht Friedas. Der Vater überlässt nun seiner Tochter sein Kriegstagebuch, das Frieda schließlich auf der Reise in die Ukraine gemeinsam mit ihrem alten Jugendfreund Edgar liest, um dort Ludmila, die nicht zuletzt auch aufgrund der Eifersucht von Theos Frau von heute auf morgen wieder entlassen worden ist, zu besuchen.

Verschiedene Motive überlagern sich dabei: Da ist der Freund Edgar, der auf Spurensuche seiner jüdischen Vergangenheit geht, da ist die Lektüre des auffallend nichtssagenden und dabei so beredt-verschwiegenen väterlichen Tagebuchs, aus dem mindestens hervorgeht, dass dieser in den sechs Kriegsjahren ein anderer geworden ist, und da ist dann noch die Konfrontation mit der beschwerlichen ukrainischen Gegenwart.

Frieda reist zurück und findet achtzehn Anrufe ihres Vaters auf dem Anrufbeantworter vor, und sie weiß um den Zustand ihres Vaters. »Ich dachte immer noch, es gäbe so vieles nachzuholen, so vieles zu erklären, noch lebte er, aber das war das Furchtbare an seinem allmählichen Entgleiten, dass es zu spät war. Deshalb saßen wir schweigend am Tisch, ich mit meinem flehenden, er mit seinem abgewandten Blick, und ich wartete mit dem Wissen, dass das Warten sinnlos war.«

Schließlich stirbt der Vater - aber was hat er alles mit ins Grab genommen? Wie sieht es mit Friedas banger Frage aus: »Sind wir nicht alle die Kinder von Mördern?« Sie weiß es nicht, und wir erfahren es nicht. Was sie und wir erreichen können, sind immer wieder nur Annäherungen - also Verstehensversuche, Möglichkeiten des Begreifens des Anderen, Fehldeutungen und Missverständnisse inbegriffen.

Anna Mitgutschs neuer Roman ist damit ein ebenso großer wie großartiger Erzähltext über ein Existenzial: die menschliche Erinnerung - ja die Notwendigkeit des Erinnerns, dessen Spuren in den Texturen des Erzählens - der Literatur insgesamt, wie sie selbst in den verschiedenen Essays ihres Bandes »Die Welt, die Rätsel bleibt« (2013) verdeutlicht hat - eingeschrieben sind.

Anna Mitgutsch: Die Annäherung. Roman. Luchterhand. 448 S., geb.,22,99 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln