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Wie zertreten wir den Schneeball?

Es geht um Klassenpolitik: Anmerkungen zu einer Strategie gegen AfD und die anderen Kameraden

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Es geht darum, in den Alltagskämpfen von Menschen, die sich im Hier und Jetzt benachteiligt und ausgebeutet fühlen, Perspektiven linker Organisierung zu eröffnen - egal ob »Refugees«, »Migranten« oder »Biodeutschen«.

»Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten«, bemerkte Erich Kästner einst, als er darauf hinwies, dass »die Ereignisse von 1933 (…) spätestens 1928 bekämpft« hätten werden müssen.

Eine Lawine im Weimarer Ausmaß ist es – glücklicherweise – noch nicht, mit der wir uns derzeit konfrontiert sehen, aber der Schneeball hat sich schon zur veritablen Kugel gemausert. Und nun stehen wir hier, offenen Mundes, und fragen uns: Wie konnte es geschehen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zur Massenpartei wurde und sich auch jenseits des Parteipolitischen ein deutlicher Rechtsruck in der deutschen Bevölkerung abzeichnet?

Faktoren wären hier eine Reihe zu nennen: Die Regierungsparteien von CSU bis SPD (bisweilen unterstützt von Grünen wie Kretschmann oder Palmer), die eine Rhetorik und Praxis pflegen, die dem rechten Mob das Gefühl von Legitimität gibt. Medienstrategien wie die Springers, die über Jahrzehnte den Stein höhlten, der nun ein Loch hat. Die generelle Tendenz, regressive Krisenlösungen über tatsächliche zu stellen, weil das Treten gegen Schwächere Teilen der deutschen Bevölkerung nur allzu gut beigebracht wurde. Und vieles mehr.

Hier soll es aber nicht um all dies gehen, sondern darum, wo wir – im weitesten und auch unpräzisen Sinn einer »Linken« - uns an der Nase zu nehmen haben.

Denn an irgendwas muss es doch liegen, dass wir den Schneeball nicht schon zuvor zertreten konnten. Was haben wir also »falsch« gemacht?

In »Neues Deutschland« vom 16. März machte ein AutorInnenkollektiv (Anne Helm, Wilko Theeßen Meyer, Oliver Höfinghoff und Peter Laskowski) einen Vorschlag. Sehen wir uns die Kernthesen in einigen Punkten an, denn sie zeigen einige der zentralen Fehler großer Teile der hiesigen Linken geradezu in typischer Form. Im Zentrum ist der Vorschlag: »Was zu tun ist, ist nichts geringeres als die Positionen und Menschenfeindlichkeit der AfD zu delegitimieren, zu dekonstruieren und sich der Tristesse eines allgemeinen Rechtstrends entgegenzustellen.«

Die Formulierung »nichts geringeres« soll wohl irgendwie suggerieren, es handle sich dabei jetzt um etwas Verwegenes, ganz ganz ganz Neues, den letzten Schrei quasi. Dabei ist exakt dieses »Delegitimieren« und »Dekonstruieren« (was die leere Floskel »sich der Tristesse tralalala« heißen soll, ist dem Autor dieser Zeilen unklar) genau das, was die (radikale) Linke ohnehin in all den Jahren betrieb, als der Schneeball sich in Kugelform rollte.

Nicht, dass es das »Delegitimieren« und »Dekonstruieren« nicht brauchte. Keineswegs. Aber es als die »Lösung« anzubieten, zeugt von einem subjektiven Idealismus in einem Ausmaß, dessen sich selbst die Junghegelianer des 19. Jahrhunderts nicht hätten schämen müssen. Ohne Geschwurbel: Große Teile der deutschen Linken glauben, Politik, Klassenkampf, wie immer man es nennen mag, sei eine in erster Linie auf dem Gebiet der Ideen und des Redens/Schreibens ausgetragene Veranstaltung. Die soziale Lebenswirklichkeit der hiesigen Bevölkerung interessiert nicht, denn – wie kürzlich jemand unter einen lesenswerten Text von Daniel Kulla im Hate Magazin schrieb - : »Ich kann mir nichts unemanzipatorischeres vorstellen als einen deutschen Arbeiter«. Na dann.

Die Idee, die dem Text des AutorInnenkollektivs zu Grunde liegt, ist: Rassismus und die Anfälligkeit für regressive Krisenlösungen sind eine Art rein moralisches oder intellektuelles Problem, das man dann dadurch wieder weg kriegt, dass man es kritisiert und »im öffentlichen Leben, in der Uni, im Alltag und im Netz« dagegen anredet und -schreibt. Deutlich machte das Oliver Höffinghoff auch schon in einigen seiner älteren Texte: »Als antivölkische Bewegung müssen wir den Volksbegriff zerschlagen!« Der Begriff ist das Zentrale, nicht, was real vor sich geht. Das erledigt sich dann mit, hat man erst den Kampf im Feld der Ideen, Twitter-Feeds und Doktorarbeiten gewonnen.

Dagegen könnte man ins Feld führen: Worum es eigentlich geht, ist, in den Alltagskämpfen von Menschen, die sich im Hier und Jetzt benachteiligt, ausgebeutet, erniedrigt fühlen, Perspektiven linker Organisierung zu eröffnen – und zwar egal, ob diese Menschen »Refugees«, »Migranten« oder »Biodeutsche« sind. Dafür wird man bei »Refugees«, »Migranten« und »Biodeutschen« mit Menschen arbeiten müssen, die eben nicht schon von vornherein in jahrelangen Plenarsitzungen am Habermas'schen runden Tisch an die »gesamteuropäische humanistische Utopie« (Autorenkollektiv) gewöhnt wurden, bis ihnen auch noch das letzte Ressentiment durch aufklärerische Erleuchtung aus dem Hirn gequatscht wurde.

Eine Nebenwirkung des grassierenden Idealismus ist auch auf dem zweiten Feld zu bemerken, das die Autoren für Erfolg versprechend erachten: »breite und bunte Bündnisse«. An Bündnissen ist nichts auszusetzen, die Frage ist nur: Mit wem? Mit SPD und Grünen? Auch hier herrscht die Auffassung vor: Weil die nicht so böse reden, wie die AfD sind die ja irgendwie noch »humanistisch« und »demokratisch«. Jugoslawien- bis Afghanistan-Krieg, Waffenexporte, Abschiebe- und Abschottungspolitik? Das ist ja nur das, was sie tun. Solange sie nicht hetzen, ist das schon irgendwo noch im Rahmen.

Der Gegenvorschlag zum Primat des »Dekonstruierens« und »Delegitimierens« (und sowieso zum großen »demokratischen« und »humanistischen« Aufstand der Anständigen) ist Klassenpolitik. Die radikale Linke muss einen Zugang zu Alltagskämpfen finden, in Betrieben, Stadtteilen und diversen anpolitisierten kulturellen Milieus. Erst dort, in einer gemeinsamen Praxis, in der Menschen die Nützlichkeit solidarischer Selbstorganisation erfahren, macht das Reden über das, was wir uns im »Dekonstruieren« und »Delegitimieren« an theoretischer Position erarbeitet haben, Sinn.

Die Einsicht, dass eine gemeinsame Praxis mehr antifaschistische Credit-Points bringt, als jeder mit erhobenem Zeigefinger ins Internet geschossene Mahnruf, die Menschheit möge sich doch bitte besinnen, sollte eigentlich vom anarchistischen bis ins kommunistische Spektrum schon von Tradition wegen vorhanden sein. Irgendwo scheinen wir sie vergessen zu haben. Geblieben ist in vielen Teilen der Linken eine Isolation, in der man jeden Kontakt mit denen meidet, die man nicht schon zur eigenen Peer-Group zählt.

Dass sich so etwas wie die AfD – ein aus Leichenteilen von FDP und NPD zusammengestückelter Zombie – tatsächlich als »Alternative« präsentieren konnte, liegt auch daran, dass es die Linke dieses Landes offensichtlich nicht konnte. Daran sollten wir arbeiten. Bald. »Später war es zu spät«, mahnte Kästner.

Peter Schaber arbeitet beim »Lower Class Magazine« mit.

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