Von Tom Mustroph

Thälmann und die Gartenzwerge

Die »2te 11te Interventionale« präsentiert Projekte kritischen Eingreifens in den Stadtraum

Künstler sind Organisatoren des Blicks. In Galerien und Museen nehmen ihnen gewöhnlich die Galeristen und Kuratoren diese Arbeit ab. Im »wilden« realen Stadtraum darf der Künstler aber noch selbst als Perspektivgeber wirken. Sechs Künstler, die sich das auch trauen, versammelt die von der Galerie am Lützowplatz im Ausstellungsraum der IG Metall in Kreuzberg ausgerichtete »2te 11te Interventionale«. Sie ist Teil 2 der »11ten Interventionale«, die im letzten Jahr, mit anderen Künstlern, bereits im Stammhaus am Lützowplatz zu sehen war.

Natürlich drohen in den Ausstellungsraum zurückgeholte Stadtraumprojekte an Kraft zu verlieren. Aber die von Kurator Jan Kage ausgewählten Arbeiten haben dennoch genug subversives Potenzial, um selbst in der Schrumpfform von Video, Foto und Teilinstallation die Gemüter zu bewegen.

Der US-Amerikaner Brad Downey etwa platzierte einen Hund auf einem Laufband an verschiedenen Stellen der Stadt Kasan. Passanten sehen nun diesen ans Laufband gebundenen Hund - und geben vor, ihn nicht zu sehen. Nur aus dem Augenwinkel beobachten sie das Geschehen; wer weiß, wer mich da provozieren will, mögen sie denken. Downey ist auch für andere humorvolle Interventionen verantwortlich: einen Stapel aus Büchern etwa, der als Podest funktioniert, um über eine Mauer blicken zu können. Wurden nicht einst Bücher zensiert, verboten, gar verbrannt, um Blicke über Mauern zu unterbinden?

Der Berliner Gerd Rohling verblüfft mit einem Projekt aus den 1990er Jahren. An ikonischen Plätzen in New York, etwa vor dem legendären Klub CBGB’s und dem Guggenheim Museum, kratzt er Kaugummis vom Bürgersteig. Die dunklen Flecke, die zurückbleiben, fotografiert er - der gesäuberte Bürgersteig wird zum Leopardenfell. Auf Fotos sind Menschen zu sehen, die Rohling staunend zugucken. Einer gibt ihm sogar Geld. Das abgekratzte Material formt Rohling dann zu schwarz und golden glänzenden Objekten und bringt sie - Duchamps Kloschüssel gleich - in den Kontext von Ausstellungsräumen und Museen.

Eher als Stadtraumgestalter betätigen sich Raul Walch und Bram Braam. Walch hisst große bunte Fahnen und Segel in Metropolen wie Berlin, in afrikanischen Vorstädten und auch auf dem verstrahlten Boden von Fukushima. Die Fahnen irritieren vor Ort und führen im Kontext der Dokumentation zu unerwarteten Verknüpfungen. Braam hingegen brachte große weiße Aluminiumdreiecke in den Stadtraum. In der Ausstellung sind sie als eine Aluminiumstraße wieder vereint - allerdings mit Gebrauchsspuren von Witterung, Schmutz und Bemalung. Interessant ist, dass nur drei der 20 weißen Dreiecke Tags und Beschriftungen aufweisen - Berlins Street Art Szene hat offenbar gelernt, den Horror einer weißen Fläche auszuhalten.

Am reizvollsten sind die Interventionen des aus Frankreich kommenden und mittlerweile in Berlin lebenden Künstlers The Wa. Er fiel in Marseille mit einer roten Linie auf, die der Linie ähnelte, mit der die Tourismus Marketing Agentur der Stadt Touristen zu den Sehenswürdigkeiten geleiten wollte. The Was Linie allerdings führte direkt in die sozialen Brennpunkte. In Berlin stellte er zum 1. Mai 2014 eine Armee aus rot bemützten Gartenzwergen dem Thälmanndenkmal im Thälmannpark gegenüber - ein so bizarres wie melancholisches Aufmarschritual. Fotos auf seiner Website - leider nicht in der Ausstellung - zeigen, wie Passanten und selbst Polizisten sich mit den Gartenzwergen für den Hausgebrauch eindecken. Nach fünf Stunden hatte jeder Zwerg seinen »Paten« gefunden. Nachdenklich hingegen stimmt der Liegestuhl, den The Wa aus Gittern fertigte, mit denen Kellerschächte verbarrikadiert waren, um Obdachlosen das Schlafen in diesen halb geschützten Räumen zu erschweren.

Die »2te 11te Interventionale« rehabilitiert etwas die Kunst im Stadtraum, die in den letzten Jahren mehr zu einer Unterform des Stadtmarketings und der kommerziellen Werbeformate degeneriert ist. Dass sie im IG-Metall-Sitz eine Heimstatt fand, lässt darauf hoffen, dass auch die Gewerkschaft die Bedeutung visueller Zeichen jenseits der bekannten Rituale als Mittel im Kampf um Einkommensgerechtigkeit entdeckt.

»2te 11te Interventionale«, Ausstellungsraum der IG Metall, Alte Jakobstraße 149, Kreuzberg, bis 1.5., Mo-Do 9-18, Fr 9-14 Uhr, Eintritt frei.

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