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Den Kopf verdreht

Auf dem Snowbike wagen sich in Obertauern auch die Ängstlichen auf die Piste. Von Jirka Grahl

Wer will, kann es schlecht reden: Haben sich die Österreicher hier wieder ein Gerät ausgedacht, mit dem sie in Massen den Berg herunterfahren können? Snowbike heißt das Gefährt, mit dem es an diesem sonnigen Wintertag die Hänge von Obertauern hinabgehen soll.

Snowbike - Schneefahrrad - so ganz falsch erscheint der Name nicht für dieses Konstrukt aus Rollergestell, zwei Ski-Kufen und BMX-Sattel. Niedriger Sitz, gefederte Lenkerstange - knapp zehn Kilo wiegt jedes dieser gelb-schwarzen Gefährte, die Snowbike-Lehrer Hermann Koch gerade an die vierköpfige Gruppe verteilt. Dass man sitzen kann, erweist sich sofort als Vorteil: Wir können auf gepolsterten Kunstledersitzen auf Instruktionen warten, während sich die letzten Snowbike-Neulinge noch die kurzen Ski an die Füße schnallen, die man dazu benutzt.

Derweil lassen wir den Blick schweifen über die Radstädter Tauern, die den 1740 Meter hoch gelegenen Wintersportort im Salzburger Land umgeben: »Österreichs Schneeschüssel« nennen sie diese Gegend hier angeblich und zumindest den Tourismusmanagern gefällt diese Bezeichnung ganz ausgezeichnet: Schließlich kommt darin die ziemlich einzigartige Schneesicherheit (Ortskern auf 1740 Meter Höhe) der Marktgemeinde zum Ausdruck, zum anderen die fantastische Lage. Von hier aus ziehen 26 Liftanlagen die Ski- und Snowboardfahrer in die Höhe. 100 Kilometer Pisten erstrecken sich um Obertauern, das man auf der legendären »Tauernrunde« komplett umrunden kann - in beide Richtungen.

Wir wollen heute allerdings kleinere Brötchen backen. Dass Hermann Koch unser Lehrer beim Snowbike ist, wirkt beruhigend. Denn der 56-jährige Skischulinhaber kennt das ungewöhnliche Gefährt genau: Koch ist Weltrekordler mit dem Snowbike, so hat es die Werbung auf seinem Auto verraten. Seine Bestleistungen sind sogar anerkannt im Guinness-Buch der Rekorde, verrät er. Zum einen hat er mit einem Kompagnon auf einem Snowbike 32 736 Höhenmeter in elf Stunden zurückgelegt. Zum anderen ist der drahtige Mann in zweieinhalb Minuten 1000 Meter bergab gerast - rückwärts. Mit 24 km/h hintenüber ins Tal, oje: Unsereiner wird heute froh sein, mit vorwärts gerichtetem Snowbike einigermaßen heil nach unten zu gelangen.

»Ach was, ihr lernt’s das alle«, muntert Herrmann Koch die Zögerlichen auf. Das sei ja das Tolle am Snowbike, dass es so leicht zu erlernen sei: »Darauf wagen sich auch Leute auf den Berg, die nicht Ski fahren können.« Hiermit seien schon ganz andere klargekommen, Junge, Alte, Dicke, Dünne, Deutsche und »sogar Chinesen«. Die Touristen aus der Volksrepublik hätten das Snowbike als Vorbereitung auf ihren Skikurs ausprobiert. Es helfe dabei, die Angst vor der Höhe zu mindern. Kinder können schon mit sechs Jahren auf dem Snowbike anfangen.

Das Gefährt gibt es in verschiedenen Größen. 1949 wurde es als »Sitzski« eingeführt. Wahlweise wurde es als Skibob, Skibike und Snowbike vermarktet und seither stetig weiterentwickelt. Snowbiker haben längst eigene Weltmeisterschaften, Hightech-Geräte bestehen aus Carbon und wiegen nur gut sieben Kilo. Alpinisten fuhren auf Snowbikes schon aus 7500 Meter Höhe abwärts. Der Tempoweltrekord mit dem Snowbike beträgt 166 km/h.

Ob sich auch die Beatles 1965 auf dem Skibob versuchten, als sie Obertauern besuchten für Dreharbeiten zu ihrem Film »Help«? Die zahlreichen Fotos, die in Obertauern bis heute wie Schätze gehütet werden, zeigen John Lennon und Paul McCartney nur auf Skiern herumalbernd - die einheimischen Skidouble sehen auf den Bildern deutlich sportlicher und irgendwie auch besser aus als die Musiker aus Liverpool. Kaum zu glauben, dass die Weltstars sich auf so ein Gefährt wie das Snowbike gewagt hätten. Ihr Besuch in Obertauern ist indes Legende: Im Hotel Edelweiß, wo die »Fab Four« einst abstiegen, kann man noch immer die »Beatles-Zimmer« buchen.

Die Snowbike-Gruppe anno 2016 beginnt indes ganz unten, im Flachen. Fein pulvrig liegt auf der Piste jener Stoff, der Obertauern so besonders macht, weil er von Oktober bis in den Mai in ausreichender Masse vorhanden ist: Schnee. Mit dem Snowbike meistert man ihn am leichtesten auf Skifahrerart: Immer schön Kurven fahren. Die Schwünge leitet man erstaunlicherweise nicht etwa durch den Lenker ein, sondern durch Verdrehen des Kopfes: Körper aufrichten, Knie leicht gebeugt, Kopf nach rechts - schon zieht das Snowbike nach rechts. Dasselbe in die andere Richtung, schon geht es in weitem Bogen nach links. »Ja, sehr gut!«, lobt Lehrer Koch: »Geht doch!« Er befindet uns für fähig, auf 1970 Meter Seehöhe hinauf zu fahren. Wir sammeln uns also am Schaidberglift. Das Snowbike wird mit zwei Handgriffen recht fix zusammengefaltet. Und die Stummelski an unseren Füßen kommen nun endlich zum Einsatz: Auf ihnen eiern wir zum Lift. Es ist ein wenig aufregend: Bis man mit dem sperrigen Snowbike auf dem Schoß den Sicherheitsbügel der Sechsersesselbahn arretiert hat, vergehen ein paar Sekunden mehr als gewöhnlich. Nichts für ängstliche Seelen.

Oben angekommen, werden wir reich entschädigt: Mit ordentlich Gefälle macht Snowbiken erst richtig Spaß. Das Sicherheitsgefühl ist wirklich viel größer als beim Skifahren - vermutlich, weil der Körperschwerpunkt viel niedriger liegt. Schon am Ende der ersten Abfahrt fühlen sich fast alle Snowbike-Novizen sicher auf ihren Vehikeln.

Gemütlich sitzend warten wir im Pistenauslauf auf unseren Lehrer Hermann. Der ist ordentlich ins Schwitzen geraten. Einer Snowbike-Schülerin, die noch nie auf Skiern gestanden hat, fällt das Fahren deutlich schwerer als prophezeit: Gleich zweimal ist sie spektakulär gestürzt, jetzt wird die verschreckte Frau vom Weltrekordler den Berg hinuntergeleitet. Hermann Koch fährt einhändig, mit der anderen hält er die verkrampfte Frau. Schwerstarbeit! Aber vielleicht Inspiration für einen neuen Weltrekord: einhändig im Tandem?

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