Zweiundsiebzig Tage

Vor 145 Jahren wurde in Paris die Kommune proklamiert. Von Mario Keßler

Sie bestand nur 72 Tage, vom 18. März bis zum 21. Mai 1871. Und bleibt doch einmalig hinsichtlich ihrer Wirkmächtigkeit. Für Karl Marx war sie die »politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen« kann. In Berlin erinnert ein Straßenname an das Ereignis, das in Frankreich noch immer ein intensiv diskutierter, wenngleich umstrittener Teil der Erinnerungskultur ist.

Der deutsch-französische Krieg führte zu revolutionärem Unmut unter den Pariser Arbeitern. Bereits im Herbst 1870 kam es unter der Losung »Es lebe die Kommune, wir wollen Waffen« zu ersten revolutionären Aktionen, die von den Regierungstruppen unterdrückt wurden. Doch der Zusammenbruch des Kaiserreichs Napoleons III. beim Ansturm der Deutschen und der Rückzug der Armee aus der Hauptstadt schufen ein Machtvakuum. Die in Paris verbliebenen Teile der Nationalgarde radikalisierten sich und forderten die Fortsetzung des Krieges gegen die Deutschen als revolutionären Volkskrieg in der Tradition von 1793.

Die französischen Bauern, die die große Mehrheit der Bevölkerung stellten, waren aber nicht revolutionär gesinnt, sondern kriegsmüde. Das Bürgertum hatte panische Angst vor allen Aktionen der Arbeiterklasse. Die Parlamentswahlen endeten am 8. Februar 1871 mit einem Sieg der bürgerlichen Liberalen und einer Niederlage der radikalen Linken. Die Nationalversammlung trat nicht im unruhigen Paris, sondern in Bordeaux zusammen, um bald nach Versailles zu gehen.

In Paris ordnete die Regierung die Entwaffnung der Nationalgarde an. Doch die Pariser Arbeiter und Handwerker widersetzten sich diesem Versuch. So kam es am 18. März zum Aufstand. Das Zentralkomitee der Nationalgarde übernahm die Leitung der spontan begonnenen Revolte, die sich über andere Städte wie Lyon, Marseille, Toulouse und St. Etienne ausbreitete, wo sie jedoch rasch niedergeschlagen wurde. Nicht so in der Hauptstadt. Nachdem die Regierung samt ihren Truppen nach Versailles geflüchtet war, übernahm die Nationalgarde die Macht in Paris und übergab diese der am 26. März gewählten Pariser Volksvertretung. Sie konstituierte sich am 28. März als Kommune, als oberstes Selbstverwaltungsorgan. Dem Generalrat der Kommune gehörten 90 Mitglieder an, darunter 25 Arbeiter wie Charles Delescluze, Ferdinand Gambon und Edouard Vaillant. Politisch dominierten die Anhänger Blanquis und Proudhons, denen wenige Marx-Anhänger wie der Ungar Leo Frankel gegenüberstanden. Eine wichtige Rolle spielten noch andere in Paris lebende ausländische Revolutionäre, so Pjotr Lawrow, Jaroslaw Dabrowski, Walery Wróblewski oder Jelisaweta Dmitrijewa. Überhaupt waren Frauen wie Louise Michel, Marguerite Tinayre oder Nathalie Lemel an der Arbeit der Kommune, so in den Widerstandskomitees, herausragend beteiligt.

Der aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Generalrat vereinigte die legislative mit der exekutiven Gewalt. Er leitete soziale Maßnahmen ein, darunter solche zur Durchsetzung der Gleichberechtigung der Frau, und organisierte die militärische Verteidigung von Paris. Er ersetzte das stehende Heer und die Polizei durch eine allgemeine Volksbewaffnung und setzte das Prinzip der Wählbarkeit und Abberufbarkeit aller Staats- und Justizangestellten durch. Der Lohn der Kommune-Angestellten durfte den Durchschnittslohn eines Arbeiters nicht überschreiten. Ein Dekret vom 16. April verfügte die Übernahme der von ihren Besitzern verlassenen oder geschlossenen Fabriken durch Arbeitergenossenschaften.

Ein weiteres Dekret erließ alle seit Oktober 1870 ausstehenden Wohnungsmieten, die Nachtarbeit für Bäcker wurde abgeschafft, Bußgelder und Lohnabzüge in Fabriken und Verwaltung wurden verboten und die Pfandhäuser aufgelöst. Die Kommune führte den obligatorischen unentgeltlichen und weltlichen Unterricht mit integrierter Berufsausbildung ein. Die Kirche wurde vom Staat und die Schule von der Kirche getrennt. Ein symbolischer Akt war die Zerstörung der kaiserlichen Säule auf dem Place Vendôme.

Die spontane Volkserhebung verfügte aber über kein Programm zur ökonomischen Umgestaltung der Gesellschaft in einem sozialistischen Sinn. Dennoch konnte Pjotr Lawrow 1880 festhalten: »Als Administratoren und Organisatoren in der Verwaltung einer riesig ausgedehnten Stadt erwiesen sich die Vertreter des Proletariats von Paris als nicht nur nicht schlechter, sondern eher als besser im Vergleich mit den Vertretern der gewohnten Beamtenroutine.« In mehreren Ländern organisierten Arbeiter Solidaritätskundgebungen und Sammlungen zur finanziellen Unterstützung der Kommunarden, doch auch die Bourgeoisie, das französische und das deutsche Militär bewiesen internationalen Zusammenhalt. Der Abschluss des Frankfurter Friedensvertrages mit Deutschland am 10. Mai 1871 gab der Versailler Regierung den dafür erforderlichen Spielraum. Die Deutschen entließen kriegsgefangene französische Soldaten, aus denen die Einheiten rekrutiert wurden, die zur Zerschlagung der Kommune bestimmt waren.

Am 21. Mai griffen Regierungstruppen die Hauptstadt an. Innerhalb von nur sieben Tagen, in der mit Recht so bezeichneten »Blutwoche«, ermordete die Soldateska beinahe dreißigtausend Menschen. Zehntausende wurden verhaftet, zu langen Strafen verurteilt oder mussten, wie der Maler Gustave Courbet, ins Exil gehen.

Vor der Ausrufung der Kommune hatten sich Marx und Engels allgemein gegen diese spontane Form der Machtergreifung gewandt, da die Kräfte zwischen Revolution und Konterrevolution noch zu ungleich verteilt seien. Im September 1870 sah der Generalrat der Ersten Internationale allein im Gedanken einer Machtergreifung durch das Proletariat eine, wie Marx schrieb, »verzweifelte Torheit«. Als die Kommune jedoch entstand, stellten sich Marx und Engels ungeachtet dessen rückhaltlos auf ihre Seite. In seiner Schrift »Der Bürgerkrieg in Frankreich« zog Marx wichtige Lehren aus dem heroischen Experiment. Die Kommune habe die Möglichkeiten, doch auch die Grenzen spontaner Massenaktionen gezeigt. An der Macht habe die Pariser Arbeiterklasse die Gelegenheit nicht genutzt, nach Versailles zu marschieren und den Feind in die Defensive zu drängen. Sie habe die Bank von Frankreich nicht verstaatlicht und somit die wichtigste Finanzquelle der Versailler Regierung nicht trocken gelegt. Vor allem aber habe sich während der gesamten Dauer der Kommune das Fehlen einer revolutionären Organisation bemerkbar gemacht. Dennoch, schrieb Marx, werde die Kommune »ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.«

Wie sehr die Pariser Kommune noch immer zum Nachdenken herausfordert, zeigen erst jüngst erschienene Darstellungen von Helmut Bock, Thankmar von Münchhausen und der Amerikanerin Kristin Ross.

Unser Autor (Jg. 1955) ist Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Gastprofessor in New York.

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