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Im Fluge notieren

»Wie soll man diesen Knoten wieder auseinanderkriegen?« Wolfgang Fritz Haug wird 80. und beschenkt uns mit einem Werkstatt-Journal

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es ist ein paar Jahre her. Wolfgang Fritz Haug war als Referent zu einer dieser linken Tagungen geladen, von denen es scheint, sie sind zahlreicher als die Linken selbst. Man traf sich irgendwo im Westen - oder doch nicht? Ich habe es vergessen.

Noch einigermaßen gut in Erinnerung ist, dass es zu Haugs Vortrag eine Erzählgrafik gab, ein Schaubild, einen Denkplan. Auf einem A3-Blatt wurde das Thema »Hegemonie« abgeschritten - von den Griechen bis Antonio Gramsci. Für sich allein genommen war der Zettel nutzlos. Aber wer den Vortrag mitgehört hatte, für den blieben die zwei Stunden lebendig - auf dem und durch das Papier.

Wolfgang Fritz Haug wird an diesem Mittwoch 80 Jahre alt. Auf der Buchmesse vor ein paar Tagen hetzten wir aneinander vorbei, irgendwas musste irgendwo gelesen werden – Wolf machte eine Handbewegung zum Gruß, die von einem Optimismus, einer Fröhlichkeit zeugte, die man nur trotz der Verhältnisse da draußen haben kann – und die um eben diese Verhältnisse und ihren Ernst weiß.

Wer ihn würdigt, weist üblicherweise darauf hin, dass ihm 1971 mit seiner »Kritik der Warenästhetik«, einem kleinen Bändchen, ein bleibender, großer Wurf gelang. Und auf die Zeit als Professor an der Freien Universität in Berlin. Auf »Das Argument« natürlich, das Haug schon 1959 als »Berliner Hefte für Politik und Kultur« herausgab - und das nun als »Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften« immer noch viel mehr ist, als ein Untertitel je erfassen könnte. Vor allem: auf das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus, das einmal und völlig zu Recht als das »wohl größte internationale Unternehmen des Marxismus überhaupt« bezeichnet worden ist. Und selbstverständlich nicht zu vergessen: die Mitherausgabe der Gefängnishefte von Gramsci.

Die beiden letztgenannten Projekte haben Haugs Arbeit in einer Zeit bestimmt, die unmittelbar auf das welthistorische Ins-Rutschen-Kommen des Jahres 1989 folgte. Der Philosoph hat sich dabei als Chronist betätigt - nun liegt sein Werkstatt-Journal der Jahre 1990 bis 2000 vor: Jahrhundertwende.

Haug hat notiert, was er gesehen, gelesen, verstanden hat. Er hat aufgeschrieben, was an Gedanken zu den Schlagzeilen und Nachrichten sich schon auftürmte, die Fragen auch, die sich dabei stellten. Es ist die Bilanz eines Lektüre-Lebens, Kontoauszug eines Texte-Fressers, Dokument eines Theorien-Verdauers. Und immer wieder drängt etwas vom Tagesaktuellen schon Abgelöstes, eine ausgreifendere These, eine das Allgemeinere schon betreffende Vermutung, eine Fragestellung durch.

Fast 900 Seiten Tagebuch dieser Art machen den Leser zu einem für den Autor nicht-sichtbaren Zuschauer des Denkprozesses. Wer Haugs »Versuch beim täglichen Verlieren des Bodens unter den Füßen, neuen Grund zu gewinnen« von 1990 gelesen hat, kann hier Fortsetzung finden: »Jahrhundertwende« schließt an das »Perstroika-Journal« an. Darin war die Methode bereits erprobt: in einer tagebuchartigen Weise dem geschichtlichen Prozess auf die Schliche zu kommen.

Gramsci, der sich durch viele von Haugs Arbeiten zieht wie ein roter Faden, hat das einmal vom bloßen Beobachten unterschieden. Es handelt sich bei »Jahrhundertwende« also um einen Versuch, »die eigene Weltauffassung bewusst und kritisch auszuarbeiten und folglich, im Zusammenhang mit dieser Anstrengung des eigenen Gehirns, die eigene Tätigkeitssphäre zu wählen, an der Hervorbringung der Weltgeschichte aktiv teilzunehmen«. Indem man das als Leser nachvollziehen kann, ist man ein wenig mit an Bord. Das eine bewirkt das andere, wirkt auf das andere - und umgekehrt.

Haug selbst hat dieser Tage in einem Radiointerview von eine Art Experiment gesprochen, bei dem er »im Fluge das notiere, was ich daran sehe und zu erkennen glaube, damit mich dieser geschichtliche Prozess korrigiert«. »Jahrhundertwende« ist also auch das Ergebnis einer permanenten Selbstüberprüfung - und es ist ein »Gegengift«, so formuliert es Haug: weil das Protokollieren dem Intellektuellen, der keine Macht hat, außer seine Gedanken und Worte, etwas in die Hand gibt gegen die allgegenwärtige Reproduktion eines Bildes von der Welt, in dem die Geschichte verleugnet ist und die entscheidenden Zusammenhänge nicht hergestellt werden. Ein Mittel gegen den »verzweifelten Zorn« ob einer Wirklichkeit, die nicht so von der Natur eingerichtet ist - die man also verändern könnte.

Dass man dazu Erinnerung braucht, weiß jeder, der sich an eine nur ein paar Jahre zurückliegende Konferenz nicht erinnern kann. Haugs »Jahrhundertwende« ist ein Buch, aus dem »die Heutigen erkennen könnten, was uns damals schon interessiert hat«. Eintragung aus dem Spätsommer 1992, als schon einmal Pogrome gegen Geflüchtete wüteten. Implodierte systemkonforme Hegemonie, »Anomie des Systembruchs«. Haug damals dazu: »Wie soll man diesen Knoten wieder auseinanderkriegen?« Die Frage steht aktueller denn je. Wer Antworten sucht, findet in »Jahrhundertwende« Anknüpfungspunkte, dem historischen Prozess auf die Schliche zu kommen.

Wolfgang Fritz Haug: Jahrhundertwende. Werkstatt-Journal 1990 bis 2000, Argument Verlag, 880 S., 38 €

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