Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Böser Wind

Juli Zeh zeigt in ihrem großartigen Provinzroman »Unterleuten«, wie sich eine Dorfgemeinschaft selbst zerstören kann

Holprige Zufahrtsstraße, Birnbäume entlang der Fahrbahn, Nachbarortschaften mit altertümlichen Namen wie Seelenheil, kauzige Bewohner, unberührte Natur - das brandenburgische Dorf Unterleuten liefert genau die Art ursprünglicher Romantik, nach der sich Städter sehnen. Sogar seltene Vogelarten wie der Kampfläufer finden hier noch ein Refugium. Aber was jeder gebürtige Dorfmensch weiß: Heil ist hier gar nichts, das Landleben ist alles andere als idyllisch, und im Grunde weiß man das in der Stadt ebenfalls.

Unterleuten hat keinen Bahnanschluss, nach Berlin ist es knapp zu weit zum Pendeln. Zu DDR-Zeiten hat die LPG das Dorf am Leben erhalten, nach der Wende wurde es schwierig. Nun sorgt das Biounternehmen Ökologica dafür, dass es immerhin noch Kita und Kneipe gibt. Doch die Ökologica steckt in der Krise.

In eben diesem Nest siedelt Juli Zeh ihren 600 Seiten starken Roman an, in dem der Plan, einen Windpark zu errichten, eine Dorfgemeinschaft zerbrechen lässt. Seit einigen Jahren wohnt die promovierte Juristin aus Bonn selbst in einem Dorf in Brandenburg. Und man merkt, sie hat diesen Mikrokosmos sehr genau studiert.

Die Autorin hat sich die Messlatte ziemlich hoch gelegt - einen Gesellschaftsroman nach dem Vorbild der großen Russen, Franzosen und modernen Amerikaner habe sie schreiben wollen, eine Geschichte, in die Zeitgeist und Befindlichkeiten einer ganzen Epoche hineinerzählt wird. Und dieses Typische unserer Tage soll ausgerechnet in der Provinz zu finden sein? - Ist es. Um es vorwegzunehmen: »Unterleuten« ist ein fabelhafter Roman.

Vordergründig geht es um eine Auseinandersetzung um Windkraftanlagen und den Streit, wer davon profitiert. Darin spiegeln sich jedoch die großen Fragen der Gegenwart. Warum eskalieren Konflikte zwischen Menschen, die seit Jahren nicht konfliktfrei, aber doch einigermaßen friedlich nebeneinander gelebt haben? Wohin führt unser Streben nach Individualismus und Selbstverwirklichung? Welche Rolle spielen - 25 Jahre nach der Wende - noch die Kategorien Ost und West?

Zeh erzählt ihre Geschichte abwechselnd aus der Perspektive der einzelnen Figuren, die ungeheuer vielschichtig gezeichnet sind. Da ist Gombrowski, der die LPG nach der Wende übernommen hat und nun der größte Arbeitgeber im Dorf ist, ohne deshalb einer der »Superkapitalisten von drüben« geworden zu sein. »Der fette alte Hund«, wie ihn seine nicht eben wenigen Feinde im Dorf nennen, erhebt immer wieder seine Hand gegen Frau und Tochter, würde aber zugleich das Letzte für seine Familie geben, genauso wie für sein Dorf. Sein Gegenspieler ist Kron, der alte Kommunist kleinbäuerlicher Herkunft, der mit Gombrowski, dem Sohn der ehemaligen Gutsbesitzer, seinen privaten Klassenkampf ausficht.

Da sind die Neuen, die Zugezogenen, allen voran Linda Franzen, Pferdeflüsterin und Jungunternehmerin, die nach einer Erfolgsmanagment-Bibel lebt und glaubt, Menschen ließen sich genauso führen wie Pferde, was ihr lange Zeit auch gelingt. Am Anfang bewundert man die junge Frau ob ihrer Unerschrockenheit und Cleverness, durch ihren nerdigen Freund Frederik bekommt sie sogar etwas Liebenswertes. Wenn sie am Ende kaltschnäuzig alle Seiten hintergangen hat, bleibt davon allerdings nicht viel übrig.

Neu in Unterleuten sind auch der altlinke Soziologieprofessor Gerhard Fließ und seine frühere Studentin Jule, die seit der Geburt des gemeinsamen Kindes jede eigenständige Identität aufgegeben hat. Gerhard arbeitet jetzt beim Vogelschutzbund und blockiert aus Sorge um die seltenen Kampfläufer Lindas Herzensvorhaben - eine Pferdekoppel. Im Laufe der Geschichte verliert jedoch auch der Kapitalismuskritiker und Umweltschützer jede moralische Glaubwürdigkeit.

Und nicht zu vergessen die gleichermaßen abstoßende wie anrührende Figur Schaller, der direkt an der Grenze zum Grundstück von Gerhard und Jule stinkende Reifen verbrennt, um den Ökos das Leben zur Hölle zu machen. Dieser grobe Mann, von ihnen nur »das Tier« genannt, liebt zugleich seine Tochter Miriam so empfindsam und zart, dass es inniger nicht denkbar ist.

Da sind ein Dutzend weitere Charaktere, und das Packende an diesem Roman ist, dass man niemals zu einer endgültigen Entscheidung kommt, auf wessen Seite man sich schlägt. War man eben noch geneigt, mit den Augen Gombrowskis einen Kron als rachsüchtigen, dogmatischen Wendeverlierer zu betrachten, muss man sich wenig später eingestehen, dass es so einfach wohl doch nicht ist. Dieselbe Geschichte kann nämlich auch ganz anders erzählt werden und zwar ebenso plausibel. Jeder hat auf seine Weise gute Gründe - der Leser versteht das irgendwann, im Gegensatz zu den Dorfbewohnern, die zu keinem Zeitpunkt in der Lage sind, die Perspektive zu wechseln. Vielleicht hätte dann eine friedlichere Lösung für den Konflikt gefunden werden können.

Stattdessen traut jeder jedem immer nur das Schlimmste zu, vergiften Halbwahrheiten und Gerüchte die Köpfe. Als dann auch noch ein Kind verschwindet, steht der Schuldige für die meisten sofort fest. Die unheilvolle Dynamik aus Rufmord und Verdächtigung ist nicht mehr zu stoppen.

Man hätte die Geschichte auch als fortgesetzten Ost-West-Konflikt, als Kampf zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen aufziehen können - und damit versaut. In den tödlichen Abgrund führen bei Juli Zeh letztlich viel ältere Verletzungen, die Windräder bieten für einen Teil des Dorfes nur die Gelegenheit, alte Rechnungen aufzumachen. Dabei merken sie gar nicht, dass längst andere Mitspieler das Schachbrett betreten haben.

Die Neuen stehen schließlich ebenso auf verschiedenen Seiten wie die Alten. Fremd sind sich Ost und West in Unterleuten dennoch: Die Aussteiger, selbstgerecht und arrogant, wollen nichts erfahren von den Menschen vor Ort. Die wiederum zeigen wenig Interesse an den neuen Nachbarn. Besetzt ist auch die Rolle des westdeutschen Spekulanten, der in der Region Boden aufkauft, einfach nur, weil er das Geld dazu hat. Die gegensätzlichen Systeme, in denen die Menschen aufgewachsen sind, leben am ehesten darin fort, dass die Wessis im Buch individuelle Ziele verfolgen, während es den großen Widersachern Kron und Gombrowski im Kern um den Erhalt des Gemeinwesens geht.

Juli Zeh entwirft in »Unterleuten« ein kunstvoll geknüpftes Beziehungsgeflecht, mit Abhängigkeiten und Gefälligkeiten, alten Feindschaften und neuen Allianzen. Herausgekommen ist ein fesselnder Schmöker, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Bis zu seinem bitteren Ende. Die Windräder fordern Opfer. Und damit sind nicht die Kampfläufer gemeint. Letztlich gewinnt niemand. Außer vielleicht einige Frauen, die den befreienden Sprung in ein neues Leben schaffen. Das alte Unterleuten gibt es am Ende nicht mehr.

Juli Zeh: Unterleuten. Roman. Luchterhand Literaturverlag. 640 S., geb., 24,99 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln