Werbung

Anstaltslos sittlich

Warum sagte das ZDF nach den Anschlägen von Brüssel »Die Anstalt« ab, ließ Börsennachrichten aber weiterlaufen?

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Am Tag, als in Brüssel Menschen starben, diktierte das Öffentlich-Rechtliche mal wieder Pietät. Man sagte die »Die Anstalt« ab. So viel zur Normalität, die man nach Terrorakten stets so wortreich verteidigt.

Wir lassen uns also nicht beirren, unsere Art zu leben, nicht von terroristischen Aktionen ausknipsen. Wenn wir jetzt damit beginnen, nicht mehr das zu tun, was wir immer taten, dann haben die Terroristen gewonnen. So oder ähnlich klingen die Kommentare nach jedem Anschlag, den wir jetzt als europäische Gemeinschaft erleiden. In der Betroffenheit nach Explosionen und Gewehrsalven gibt sich dieser Kontinent noch vereint; so einhellig, wie er es in anderen Fragen schon seit Jahren nicht mehr ist. Im Entsetzen ist man versöhnt, obgleich man sich kontinental schier unversöhnlich hinter nationalen Eigennutz verschanzt. Jedenfalls impft man uns ein, dass auch viele Tote kein Grund seien, einfach aufzuhören, den westlichen Stil nicht weiterhin zu pflegen. Daher an alle da draußen: »Steigen Sie auch morgen in die U-Bahn! Schauen Sie den Börsenbericht und den Tatort!« Dass nichts mehr so ist, wie es mal war, so wie einst die »Bild« nach den Anschlägen auf das WTC titelte, kommt heute als Parole nicht mehr in Frage. Weitermachen! Aber nur ein bisschen. Das Amüsement stellen wir jedoch mal lieber ein. »Die Anstalt« bleibt geschlossen.

Ist denn politisches Kabarett überhaupt nur Vergnügen? Oder was ist es denn eigentlich? Ein Mittel, um sich mit Witz und Esprit in einer Welt über Wasser zu halten, die politisch und wirtschaftlich fehlgeht. Es will informieren und auf bestimmte Aspekte hinweisen, ohne dabei eine gravitätische Attitüde an den Tag zu legen. Der brutale Alltag unserer schönen neuen Terrorwelt verträgt Kabarett eigentlich nicht nur, er braucht es dringend als Ventil. Für das ZDF ist Kabarett hingegen etwas völlig anderes: Nämlich ein Ausweichtermin, eine Platzhalter im Terminkalender, den man bei Bedarf löschen darf, um sich programmatisch flexibel zu halten. Begründet wird die Absage des Kabaretts mit der allgemeinen Befindlichkeit nach Terroranschlägen. Und obgleich wir uns nicht vom Terror beeindrucken lassen sollen, geht es unserer kabarettistischen Art zu leben an den Kragen. Den Börsenbericht strahlte man allerdings aus. Zu viel Pietät wäre ja auch eine schlechte Botschaft …

Wir lassen uns eben doch beirren, uns hineinpfuschen. Nicht in den wesentlichen Angelegenheiten natürlich, denn der Laden soll brummen, der Euro rollen, the Show must go on und so. Aber ein wenig aktionistische Pietät wird man sich doch nochmal auferlegen lassen dürfen, oder etwa nicht? Wie kommen wir eigentlich dazu, über politische Umtriebe und ihre Verquickung mit der Wirtschaft, über außenpolitische Desaster und globale Fehlstellungen lachen zu wollen, nur damit uns das Lachen im Halse stecken bleibt, während am selben Tag Europäer starben? In eine solche Sittlichkeitsbredouille kommt man als ZDF-Zuschauer erst gar nicht; man nimmt die Entscheidung ab und verlegt die kabarettistische Sendung einfach. Die letzte Ausgabe brachte man aber; es starben an jenem Tag und an den Tagen zuvor nur einige Flüchtlinge auf ihren Weg in eine ungewisse Zukunft.

Vor Jahren strahlte man öffentlich-rechtlich eine Dokumentation über Witz und Kabarett unter dem Hakenkreuz aus. »Heil Hitler, das Schwein ist tot«, hieß die. Mit dabei waren unter anderem Köpfe wie Muliar und Finck. Man bewunderte all jene, die damals ein sehr vorsichtiges Programm abspulten und sich mit den Machthabern anlegten. Man bestaunte sie als Helden der Bühne, die sich nicht beirren ließen, die ihre Art zu leben aufrechterhielten, solange es nur ging. Moralische Bedenken, weil diese Meister ihres Fachs auftraten, während in den Konzentrationslagern und bei Pogromen die ersten Opfer des Regimes entstanden, äußerten die Macher der Doku nicht. Im Gegenteil. In schweren Tagen Programme abzusagen, gilt heute wohl als heldisch.

Doch man sollte lachen dürfen, auch wenn die Welt darbt. Wenn man dann lachen kann, um dieses Jammertal besser zu ertragen, um so überdies auch noch einen informativen Gewinn zu erzielen, dann desto besser. »Die Anstalt« soll nun am 5. April ausgestrahlt werden. Vielleicht. Sofern nicht erneut ein terroristischer Grund »den Kontinent eint«.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!