Keine Brüder im Geiste

Im öffentlichen Diskurs der DDR wurde Okkultismus abgelehnt. In der Sowjetunion war man nicht überall so konsequent

Das hatten vor ihr nicht viele Sowjetbürgerinnen geschafft: Das Antlitz der Jewgenija Juwaschewna Dawitaschwili prangte im April 1981 auf der Titelseite des »Spiegel«. »Moskaus Wunderheilerin«, genannt »Dschuna«, betrachtete den Leser des in Hamburg erscheinenden Magazins mit halb erleuchtetem, halb dämonischem Blick.

»Sowjet-Forscher suchen PSI«, also die Energie außersinnlicher Wahrnehmung, stand ein paar Zentimeter darunter. Rote Fahnen, Kremltürme, böse Hände, die mittels obskurer Strahlen einen menschlichen Schädel malträtieren: Die Gestaltung der Seite eins sollte den Widerspruch verdeutlichen zwischen einerseits der rationalistischen Staatsideologie der Sowjetunion und andererseits einer gewissen Offenheit ihrer politischen und wissenschaftlichen Eliten für, so das Blatt zusammenfassend, »Aberglauben«.

Und am »Aberglauben« herrschte laut »Spiegel« in der Sowjetunion der frühen 1980er Jahre kein Mangel: Parteizeitungen würden Parapsychologisches verbreiten, staatliche Forscher »mystische Erscheinungen in den Rang seriöser Untersuchungsobjekte« heben, Leningrader Universitätsprofessoren im Interesse des Geheimdienstes KGB die Chancen von Telepathie und Mentalsuggestion erforschen. Derweil suchten »hochgestellte Kreml-Funktionäre«, darunter KPdSU-Chef Leonid Breshnew höchstpersönlich, »Heilung durch Dschuna«, die Wunderheilerin, Astrologin und Titelheldin des »Spiegel«.

»Schwarze Limousinen der Nomenklatura-Elite Moskaus holen die Kaukasierin ständig zur Heimbehandlung« mittels »Bioenergie«, so war im Heft zu lesen. Dann wurde das Blatt süffisant: »Das ganze Repertoire magischer Séancen der bürgerlichen Welt erlebt eine Wiederauferstehung unter dem Banner des Marxismus-Leninismus.«

Nur Propaganda im Kalten Krieg, eine Verächtlichmachung des ideologischen, politischen und militärischen Gegners? Nicht unbedingt, glaubt man den Machern des Forschungsprojekts »Im Schatten des Szientismus«. Insbesondere der Soziologe und Historiker Andreas Anton arbeitet zum »Umgang mit dem Paranormalen in der DDR«, aber auch anderen RGW-Ländern. Ausgewertet werden vor allem schriftliche Quellen, aber auch Gespräche mit okkulten Praktikern.

»Entgegen dem streng rationalistischen und atheistischen Anspruch der Sowjetunion war ›das Okkulte‹ in seinen verschiedenen Erscheinungsformen ein konstanter Bestandteil ihrer sozialistischen Gesellschaft«, schreiben Anton und ein Co-Autor in einem Aufsatz in der »Zeitschrift für Anomalistik«. Er untermauert in der Tendenz die Aussagen der fast vierzig Jahre alten »Spiegel«-Story.

Bereits ab 1930 habe die Sowjetunion unter Stalin zwar okkulte Gruppen repressiv verfolgt, gleichzeitig sei aber »eine Ausweitung der staatlichen Forschung zu Paraphänomenen« festzustellen, wenn auch unter strengster Geheimhaltung. »Man hoffte, Ergebnisse für militärische und politische Zwecke nutzen zu können«, schreibt Andreas Anton. In den 1960er Jahren hätten sowjetische Forscher Debatten über Für und Wider parapsychologischer Forschung und über Telepathie, in der mancher die »Wissenschaft der Zukunft« sah, kontrovers, aber offen ausgetragen.

Ein quasi-offizielles Positionspapier der Gesellschaft der Psychologen der UdSSR aus dem Jahr 1973 bestätigt derweil, dass parapsychologische Phänomene tatsächlich an naturwissenschaftlichen Instituten untersucht würden, allerdings nach angeblich streng wissenschaftlichen Methoden. Und »offenbar« würden einige dieser Phänomene tatsächlich existieren, heißt es in dem in der Grundtendenz skeptischen Papier, das mit den Worten »Parapsychologie - Fiktion oder Realität?« überschrieben ist. 1968 fand sogar eine parapsychologische Tagung in Moskau statt, wenn auch, wie Andreas Anton betont, in einer »repressiven Atmosphäre«.

Anton ist Mitarbeiter am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP). Der private Verein wurde 1950 von dem durchaus umstrittenen Psychologen und Parapsychologen Hans Bender gegründet. Der Gründungsdirektor war, wie Andreas Anton es nennt, »sehr aufgeschlossen«, was die Existenz übernatürlicher Phänomene betrifft. So wie Anton selbst: Zwar sei eine skeptische Grundhaltung wissenschaftlich und lobenswert, doch müsse man mitunter auch der Skepsis mit Skepsis begegnen. Und auch dem von ihm so genannten »Szientismus«.

Darunter versteht Anton eine Auffassung, laut derer Wissenschaft prinzipiell die ganze Welt erklären könne und »Orientierung und Handlungswegweiser für alle Bereiche der Natur und des menschlichen Handelns« sei. Auch vertrete der »Szientismus« »in der Regel einen strikt antireligiösen beziehungsweise antiklerikalen Standpunkt«, erläutert Andreas Anton, der in seiner Freizeit in einer Heavy-Metal-Band trommelt.

Sein Freiburger Institut berät denn auch nach eigenen Angaben jährlich Hunderte Menschen, die »paranormale« Phänomene erlebt haben wollen, also solche, die als »übernatürlich, übersinnlich, magisch, paranormal, spirituell, transzendent, transpersonal« bezeichnet werden, wie es auf der Webseite heißt, und die aus allen Kulturen bekannt seien. Bei der Beratung zählen neben Prinzipien wie Qualitätssicherung, Dokumentation und Weiterentwicklung auch »Offenheit und Unvoreingenommenheit« zu den Arbeitsprinzipien, wenn verzweifelte oder verzückte Bürger von Fernheilungen und prophetischen Träumen berichten.

Andreas Anton ist dennoch kein flammender Obskurant: »Die Ergebnisse der experimentellen Parapsychologie der letzten Jahrzehnte zeigen, dass es in den Daten eine ganze Reihe von Unregelmäßigkeiten und Auffälligkeiten gibt, die nicht ohne Weiteres per Zufall erklärt werden können«, meint er. Um zu verstehen, was genau sich hinter diesen Effekten verberge, bedürfe es weiterer Forschung. Den vorherigen Satz hätte mancher Sowjetwissenschaftler einst gewiss unterschrieben.

Im Bruderstaat DDR stellte sich die Situation indes ganz anders dar. Hier habe zwar, so Andreas Anton, ein »okkulter Flickenteppich« im Untergrund existiert, doch seien »im staatlich kontrollierten öffentlichen Diskurs der DDR« Themen wie Parapsychologie, Okkultismus und paranormale Phänomene abgelehnt, abgewertet und als abweichend markiert worden. Die These, dass es in der DDR einen »okkulten Untergrund«, also »eine zusammenhängende, vernetzte Szene gegeben« habe, halten Anton und seine Mitstreiter mittlerweile nicht mehr aufrecht. »Es gab aber viele unterschiedliche, voneinander unabhängige Erscheinungsformen, die sich gezwungenermaßen im Untergrund abspielten.«

Okkultismus und seine mehr oder minder wissenschaftliche Erforschung in Form der Parapsychologie wurden in eins gesetzt, als obskur, als Ausdruck der Krise des Kapitalismus und als faschistisch verwurzelt dargestellt.

Für die Unterschiede in der DDR und Ländern der Sowjetunion macht Anton mehrere Gründe aus: säkulare Traditionen Ostdeutschlands versus okkulte Traditionen Russlands, die schiere Größe der Sowjetunion, die eine Säkularisierung behinderte, auch die antifaschistische Staatsräson der DDR, die dem als faschistisch empfundenen Okkultismus diametral entgegenstand. Nicht zuletzt aber gerät diesbezüglich eine prominente Person ins Visier der Freiburger Forscher: Otto Prokop, Nestor der Gerichtsmedizin der DDR, Hochschullehrer und zugleich informeller, gleichwohl machtvoller Oberbekämpfer alles von ihm als irrational Bewertetem.

»Es verdichtet sich der Eindruck, dass Prokop für den Umgang mit entsprechenden Themen in der DDR eine ganz wesentliche Rolle gespielt hat«, betont Andreas Anton. Prokop hatte demgemäß »einen unangreifbaren Expertenstatus, gab die Argumentationslinien vor und prägte in ganz entscheidender Weise den entsprechenden Diskurs«. Mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber Parapsychologie und Okkultismus habe Prokop sich reibungslos in die in der DDR propagierte »wissenschaftliche Weltanschauung« einfügen können. »Das«, so Anton, »passte gleichsam wie der Schlüssel in ein Schloss.«

Prokops Haltung wird durch den lexikalischen Artikel zu »Okkultismus« verdeutlicht, den der Gelehrte 1978 für das Wörterbuch »Philosophie und Naturwissenschaft« schrieb. »Okkultismus« war für Prokop die Sammelbezeichnung für die verschiedenen »Geheimwissenschaften«. Diese gingen davon aus, dass man bestimmte Phänomene wie Telepathie, Telekinese und Hellsehen nicht leugnen dürfe, bloß weil sie noch nicht nachgewiesen werden könnten. Doch eine wissenschaftliche Durchleuchtung okkulter Phänomene zeige »in vielen Fällen einwandfrei«, dass »bekannte Kräfte am Werk« oder die Phänomene leicht erklärbar seien.

Die Parapsychologie hielt Prokop für unwissenschaftlich, sie solle dem »Bereich des Okkulten wissenschaftliches beziehungsweise naturwissenschaftliches Gepräge« verleihen, wobei auch naturwissenschaftliche Geräte wie automatische Zählvorrichtungen, Geigerzähler und Filmkameras zum Einsatz kämen. Unter den »Forschungsteilgebieten« der Parapsychologie würden Telepathie und Hellsehen herausragen. Die Existenz solcher Phänomene würden Parapsychologen a priori, also von vornherein anerkennen, wetterte Prokop. Sie würden insbesondere in Freiburg im Breisgau untersucht - ein Seitenhieb gegen das IGPP, in dem heute Andreas Anton und andere das Wirken Prokops erforschen.

Der DDR-Wissenschaftler sah einen »engen Zusammenhang« zwischen »den zunehmenden Krisenerscheinungen des Kapitalismus« und »dem Aufblühen von irrationalem Mystizismus in einer Vielzahl von Spielarten«. All das klingt nach vierzig Jahren wie eine Kritik an Forschern wie dem Freiburger Andreas Anton - aber auch ein gutes Stück weit an jenen Wissenschaftlern in der Sowjetunion, die in ähnlichem Geiste wirkten.

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